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Kritik überschattet Zeremonie

Wenn in der Nacht auf Montag im Dolby Theatre von Los Angeles die Auftaktmusik zur 88. Oscar-Verleihung erklingt, hofft Österreich: „Alles wird gut“. Schließlich hat der gleichnamige Kurzfilm von Patrick Vollrath Chancen auf eine der Goldstatuetten. Der Rest der Welt wird eher beim Rennen zwischen dem Thriller „The Revenant“ und dem Actionfilm „Mad Max: Fury Road“ mitfiebern.

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Die beiden Filme mit zwölf respektive zehn Nennungen führen klar die heurige Nominierungsliste an. In den Königskategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ dürften Inarritus Leidenswestern „The Revenant - Der Rückkehrer“ allerdings andere Konkurrenten als der in den technischen Sparten hoch gehandelte „Mad Max“ gefährlich werden - wenn man die als Indikator geltenden Auszeichnungen im Vorfeld betrachtet.

Hinweis

ORF.at begleitet die Gala in der Nacht auf Montag ab 2.00 Uhr mit einem multimedialen Liveticker.

Zuletzt stieg „Revenant“ bei den britischen BAFTAs mit fünf Preisen als erfolgreichster Film des Abends aus. Dafür konnte Thomas McCarthys Enthüllungsdrama „Spotlight“ bei den Screen Actors Guild Awards (SAG) des US-Schauspielerverbands den wichtigen Preis für sein Ensemble - das Pendant zum besten Film bei den Oscars - für sich reklamieren. Die Producers Guild of America (PGA) hatte sich hingegen für das Finanzkrisendrama „The Big Short“ von Adam McKay entschieden.

DiCaprio - dieses Mal wirklich

Weniger spannend dürfte die Entscheidung in den Schauspielerkategorien ausfallen. Als relativ fix gesetzt gilt Leonardo DiCaprio, der für seine körperliche Rolle als verletzter Trapper in „The Revenant- Der Rückkehrer“ bei der fünften Nominierung in der Schauspiel-Sparte endlich die Trophäe für den besten Hauptdarsteller abholen dürfte. Seine Konkurrenten Matt Damon („Der Marsianer“), Michael Fassbender („Steve Jobs“), Vorjahressieger Eddie Redmayne („The Danish Girl“) und Bryan Cranston („Trumbo“) müssen diesmal voraussichtlich durch die Finger schauen.

Bei den Frauen erarbeitete sich Brie Larson mit ihrer Rolle einer als Teenager entführten Mutter, der schließlich die Flucht gelingt, in „Raum“ die Position als Favoritin. Darauf deutet nicht zuletzt der Gewinn eines Golden Globes und des SAG Awards für die 26-Jährige hin. Aus diesem Grund dürften Jennifer Lawrence mit ihrer vierten Oscar-Nominierung (für "Joy), die 21-jährige Saoirse Ronan (für „Brooklyn“), Cate Blanchett als Diva im Feld (für „Carol“) und Charlotte Rampling („45 Years“) als älteste Nominierte mit 70 Jahren bei ihrem Oscar-Debüt wohl leer ausgehen.

Österreichische Anwärter

Drei Jahre nach dem Auslandsoscar für Michael Hanekes „Amour“ darf indes Österreich wieder auf eine Trophäe hoffen, ist der deutsche Jungregisseur Vollrath, Absolvent der Filmakademie Wien, doch mit seinem Abschlussfilm „Alles wird gut“ in der Sparte Kurzfilm nominiert.

Österreichs Oscar-Kandidat

Nach dem bronzenen Studentenfilmoscar ist der „echte“ Oscar für Patrick Vollrath und seinen Film „Alles wird gut“ zum Greifen nahe.

Mitfiebern werden dabei auch zwei heimische Kameraleute: das Vater-Sohn-Duo Wolfgang und Sebastian Thaler. Thaler senior war Kameramann beim jordanischen Auslandsoscar-Anwärter „Theeb“, während Sohn Sebastian bei „Alles wird gut“ die Kamera verantwortete.

Smith und Lee riefen zu Galaboykott auf

Die große Kontroverse des Oscar-Jahres 2016 fand bereits im Vorfeld der Veranstaltung statt - unmittelbar nach der Bekanntgabe der Nominierungen Mitte Jänner. Dass sich unter den 20 Kandidaten in den vier Schauspielkategorien nach 2015 erneut nicht ein Afroamerikaner fand, sorgte für teilweise heftigen Protest. Spike Lee und Will Smith wollen aus Protest nicht zur Gala erscheinen, und auch von Prominenten wie Michael Moore, George Clooney und Ian McKellen kam Kritik.

Oscar-Gewinner Ruzowitzky über Rassismus in Hollywood

Für „Die Fälscher“ hat Stefan Ruzowitzky den Auslandsoscar bekommen. Im Interview mit Helene Voglreiter berichtet er von Rassimus und Political Correctness bei Schauspieler-Castings.

Die Oscar-Academy - deren rund 6.000 Mitglieder laut „Los Angeles Times“ 2014 zu 94 Prozent weiß, zu 77 Prozent männlich und im Durchschnitt 63 Jahre alt waren - reagierte: Sie verkündete neue Regeln, um die Zahl von Frauen und Minderheiten bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln. Auch soll das bisherige lebenslange Stimmrecht eingeschränkt werden.

Eine weitere Neuerung betrifft die Dankesreden der Gewinner, die heuer laut Reglement in ihren 45-sekündigen Ansprachen mehr auf ihre Hauptbotschaft fokussieren sollen und weniger auf Dankesworte an Mama und Papa.

Chris Rock und der „weiße“ Oscar

Wurden Afroamerikaner bei den Schauspielkategorien übergangen, entschieden sich die Organisatoren zumindest bei der Moderation anders. Der schwarze Komiker Chris Rock folgt heuer auf den Schauspieler Neil Patrick Harris, der mit seinen Witzen und einem Kurzauftritt in Unterhose im Vorjahr auf gemischte Kritiken stieß.

Rock ist dabei schon ein Oscar-Veteran, er moderierte die Verleihung bereits 2005 . Damals spottete er unter anderem über Jude Law und Nicole Kidman. Nun obliegt es ihm erneut, nicht nur die berühmten Saalgäste, sondern auch die mehr als eine Milliarde Fernsehzuseher weltweit zu unterhalten. Für die Academy spannend könnte werden, inwieweit Rock auf die Diskussion über die „weißen“ Oscars eingeht.

Rock lässt sich ungern den Mund verbieten. Der in Brooklyn unter einem strengen Vater aufgewachsene Schulabbrecher zog mit seinem frechen Mundwerk schon früh über Bühnen und durch Clubs. Nach Auftritten in der Satiresendung „Saturday Night Live“ wurde er von seinem Idol Eddy Murphy entdeckt, der ihm 1987 in „Beverly Hills Cop 2“ den ersten Filmauftritt verschaffte. Nach „Nurse Betty“ und der Actionkomödie „Bad Company“ gab Rock mit der Politsatire „Head of State“ in 2003 sein Regiedebüt.

Prominente „Presenter“ und Teppich in „Cranberry“

Prominent besetzt ist heuer wieder die Liste jener Künstler, die Oscars an die Gewinner überreichen werden. Zu den „Presentern“ der kleinen Goldbuben zählen die Schauspieler Whoopi Goldberg, Julianne Moore, Reese Witherspoon und Jared Leto ebenso wie Tina Fey, Ryan Gosling und Charlize Theron. Auch die Sänger Pharrell Williams, Lady Gaga und Sam Smith werden auf der Oscar-Bühne im Dolby Theatre mit seinen 3.300 Sitzplätzen erscheinen. Lady Gaga ist mit „Til It Happens to You“ aus dem Film „The Hunting Ground“ für den besten Song nominiert, während Sam Smith mit seiner James-Bond-„Spectre“-Hymne „Writings on the Wall“ ins Rennen geht.

Auf dem Hollywood Boulevard wurde in den vergangenen Tagen kräftig gebohrt und geschraubt. Bereits am Mittwoch wurde der rote Teppich ausgerollt. „In jedem Jahr ist es ein neuer Teppich“, versicherte Produzentin Lauren Selman. „Heuer ist er in Cranberry.“ Hier werden Hollywoods Stars 305 Meter bis zum Auditorium spazieren. Vor dem Eingang des Dolby Theatre thront bereits ein kolossaler goldener Ritter.

Reiche Beute im „Swag Bag“

Der bei den Oscar-Verleihungen übliche „Swag Bag“ (Beutesack) für die Topnominierten fällt 2016 besonders üppig aus. Israel lädt die 25 Nominierten in den fünf Hauptkategorien und Moderator Rock zu einer zehntägigen Luxusreise ein. Inklusive Erste-Klasse-Flügen und Spitzenhotels liegt der Marktpreis bei umgerechnet 50.000 Euro.

Origineller, wenn auch weniger teuer sind unter den insgesamt jeweils 41 Geschenken die „Vampire Bruststraffung“ mittels Eigenbluttherapie für 1.700 Euro und das Paket mit sechs Rollen ultraweichen Klopapiers für läppische 250 Euro.

Doch wer das Top-Präsent annimmt, darf sich auf Anfeindungen gefasst machen. Kritiker werfen Israel vor, diese Werbekampagne solle vom Konflikt mit den Palästinensern ablenken, insbesondere der Blockade des Gazastreifens und der bald 50-jährigen Besatzung des Westjordanlands. Die beiden britischen Starregisseure Mike Leigh und Ken Loach forderten die Begünstigten bereits auf, diesen Gutschein an palästinensische Flüchtlinge weiterzureichen. Das israelische Tourismusministerium erklärte dagegen, die Promitouren sollten das wahre Bild Israels verbreiten helfen.

„Lifting“ für die Statuetten

Die in diesem Jahr verliehenen Statuetten wurden unterdessen einem „Lifting“ unterzogen. Die Oscar seien heuer „mit Hilfe der Technologie des 21. Jahrhunderts“ angefertigt worden - um den „stolzen Anfängen“ der Oscar-Verleihungen 1929 Ehre zu erweisen, erklärte Academy-Präsidentin Cheryl Boone.

Anstelle der seit 1982 genutzten Technik mit einer Zinnlegierung werden die Oscars nun wieder aus Bronze gegossen. Die Größe der vom Bildhauer George Stanley geschaffenen Figur bleibt jedoch mit gut 34 Zentimetern ebenso erhalten wie das Gewicht von 3,85 Kilogramm.

Die Gießerei Polich Tallix Fine Art in Rock Tavern im US-Bundesstaat New York stellte von der Originalstatue Stanleys eine digitalisierte dreidimensionale Aufnahme her. Die Gießformen für die rund 50 herzustellenden neuen Oscars wurden mit Hilfe der 3-D-Technik geschaffen. In die Formen wird flüssige Bronze bei einer Temperatur von mehr als 980 Grad gegossen. Nach dem Abkühlen werden die Oscars mit einer 24-karätigen dünnen Goldhaut überzogen.

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