Lebende Legende in der Favoritenrolle
Ennio Morricones Soundtrack für das Racheepos „The Hateful Eight“ geht in der Kategorie „Beste Filmmusik“ als Favorit ins Rennen um die diesjährigen Oscars. Für den 87-Jährigen ist es die sechste Nominierung in seiner langen Karriere. Bisher musste der „Maestro“, wie sich der Komponist in Interviews nennen lässt, stets anderen den Vortritt lassen.
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Besonders schmerzhaft für den gebürtigen Römer dürfte die Oscar-Zeremonie 1987 gewesen sein. Damals galt Morricones Soundtrack für den Film „Mission“ von Roland Joffe als großer Favorit. Die goldene Statuette gewann allerdings Herbie Hancock für „Round Midnight“. Bei der Bekanntgabe habe es Buhrufe im Saal gegeben, erinnerte sich Morricone unlängst in der „Irish Times“. Hancock habe nur 50 Prozent des Soundtracks geschrieben, den Rest lediglich arrangiert, erklärte Morricone, „es war einfach nicht fair“.
1983 gelang Morricone das Kunststück, für gleich zwei Soundtracks für die „Goldene Himbeere“ nominiert zu sein. Wenig Glück brachte ihm auch die Arbeit am Gangsterepos „Es war einmal im Amerika“, wo die Credits, die Morricone als Schöpfer des Soundtracks auswiesen, im Schneideraum verloren gingen.
Klänge „hypnotisierten“ Schauspieler
2007 zeichnete die Academy Morricone - als ersten Komponisten seit Alex North - für sein Lebenswerk aus. Die Oscars blieben dennoch ein „wunder Punkt“ für ihn, berichtete der mittlerweile 87-Jährige kürzlich der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“). Morricone teilt sein Schicksal übrigens mit Hollywood-Größen wie Alfred Hitchcock, Cary Grant und Peter O’Toole, die zwar mit Ehrenoscars prämiert, aber nie regulär ausgezeichnet wurden.

Reuters/Dylan Martinez
Der „Maestro“ bei der Arbeit
An mangelndem Output kann es in Morricones Fall nicht liegen. Seit den frühen 1960er Jahren schrieb er die Musik für mehr als 500 Kinofilme. Den Durchbruch schaffte Morricone an der Seite seines ehemaligen Schulkollegen Sergio Leone, für dessen Filme wie „Zwei Glorreiche Halunken“ oder „Für eine Handvoll Dollar“ er die Soundtracks komponierte. Aus Morricones Feder stammt auch einer der bekanntesten Ohrwürmer der Filmgeschichte, die Mundharmonikamelodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“.
Den Soundtrack zum Rachewestern mit Charles Bronson komponierte Morricone, noch während der Film gedreht wurde. Die einzelnen Stücke wurden den Schauspielern während des Drehs in Orchesterlautstärke vorgespielt. „Das erklärt auch, warum Bronson manchmal wie hypnotisiert durch die Szenerie wandelt. Er war betört, fast zugedröhnt von meiner Musik, diesem absichtlich etwas schiefen Mundharmonikaspiel und der sägenden E-Gitarre“, sagte Morricone dem „Spiegel“.
Innovator der Filmmusik
Die Klangwelten zu den Filmen Sergio Leones begründeten Morricones Ruf als Innovator der Filmmusik. Neben klassischen Orchesterklängen setzte er auf verschiedene Soundeffekte, etwa Kojotengeheul. Auf das Genre reduzieren lassen wollte er sich trotzdem nie. Immerhin machen die etwa 30 von Morricone vertonten Italowestern nur einen Bruchteil seines umfangreichen Schaffens aus.
Neben Filmmusik arbeitete Morricone vor allem an Kammermusikstücken für Solisten und Ensembles in verschiedener Besetzung. Komponieren entspanne ihn, bekannte er einmal, weswegen ihm der hohe Arbeitsaufwand trotz seiner fast 90 Jahre keine Probleme bereite. Zudem ist Morricone nach wie vor mit Orchestern auf Tournee. Auf den Konzertreisen dirigiert der „Maestro“ persönlich seine bekanntesten Stücke.
König der Anekdote
Trotz seiner schlechten Fremdsprachenkenntnisse ist Morricone ein begehrter Interviewpartner. Er kann auf ein schier unerschöpfliches Reservoir an Anekdoten zurückgreifen. Eine Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick bei „Clockwork Orange“ („Uhrwerk Orange“) etwa sei gescheitert, weil Leone dem britischen Regisseur erzählt hätte, Morricone habe „viel um die Ohren“. Kubrick hätte sich daraufhin aus Höflichkeit nie wieder bei ihm gemeldet.
Oder „Die 120 Tage von Sodom“: Pier Paolo Pasolinis brutales Meisterwerk ist einer der wenigen Filme, für den Morricone rückblickend betrachtet nicht mehr den Soundtrack machen würde. „Es war zwar wichtig, einen Film über die Verbindung von Vergewaltigung, Folter und Mord in einem faschistischen Marionettenstaat zu machen, aber ich habe ihn mir nie wieder angesehen“, sagte Morricone gegenüber dem „Spiegel“.
Fruchtbare Zusammenarbeit mit Tarantino
Dass Morricone mit seinen fast 90 Jahren nun noch einmal die Chance auf den Oscar hat, ist nicht zuletzt Quentin Tarantinos Beharrlichkeit zu verdanken. Der US-Regisseur, Film- und Musikliebhaber ist ein großer Fan des Altmeisters. Bereits bei „Kill Bill Vol. 2“ „borgte“ sich Tarantino ein Trompetenstück, das Morricone ursprünglich für „Die gefürchteten Zwei“ komponiert hatte.
Nach Ende der Dreharbeiten sei er nach Rom geflogen, um Morricone zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, so Tarantino gegenüber dem Webmagazin Deadline. Der „Maestro“ habe zunächst zugesagt, ein Thema für den Film zu gestalten. Daraus sei Schritt für Schritt ein ganzer Soundtrack geworden.
Herausgekommen sei ein für Morricone relativ konventionelles Stück Kinomusik, kommentierte die deutsche Musikzeitschrift „Spex“: „Morricones raffinierte Spaghetti-Western-Arrangements voll Esprit, Witz und Drama sind passe.“ In seinem Spätwerk gelinge ihm „ein Funktionalismus, dem er sich in seiner goldenen Ära überaus erfolgreich widersetzt hat“.
John Williams als großer Konkurrent
Vielleicht ist es gerade diese Schlichtheit, die Morricone bei den 88. Oscars zum Triumph führt. Ebenfalls im Bewerberfeld vertreten ist „Star Wars“-Komponist John Williams, der bereits zum 50. Mal nominiert ist. Sollte Morricone nicht gewinnen, gibt es einen kleinen Trostpreis: Zwei Tage vor der Oscar-Verleihung erhält der „Maestro“ einen Stern auf dem Hollywood Boulevard.
Philip Pfleger, ORF.at
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