„Wir trinken Tee und Kaffee“
Aus dem Umfeld des langjährigen libyschen Herrschers Muammar al-Gaddafi kommen nun Signale, die widersprüchlicher nicht sein könnten: Während sein Sohn al-Saadi angeblich über die Kapitulation des Clans verhandelt, forderte sein Bruder Saif al-Islam seine Landsleute einmal mehr zum Kampf gegen den Nationalen Übergangsrat auf.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Der Sieg sei nahe, sagte Saif al-Islam in dem von Syrien kontrollierten Satellitensender Arrai. Dagegen berichtete al-Saadi gegenüber dem Sender al-Arabija, er habe Kontakt zum Nationalen Übergangsrat aufgenommen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Beide erklärten, sie würden im Auftrag ihres Vaters handeln. Ein Rebellenkommandeur sagte, al-Saadi wolle unter Garantie der eigenen Sicherheit die Seiten wechseln.
Teetrinkend in Tripolis?
Saif al-Islam drängte dagegen die Anhänger seines Vaters, den Rebellen und den NATO-Truppen mit einem Zermürbungskrieg zu trotzen. Er warnte die Truppen des Nationalen Übergangsrates vor einem Einmarsch in Gaddafis Heimatstadt Sirte. Rund 20.000 bewaffnete Jugendliche stünden dort bereit, um die Angreifer zurückzuschlagen, sagte er. Die Rebellen hatten die Gaddafi-loyalen Einheiten in Sirte ultimativ aufgefordert, sich bis Samstag zu ergeben, verlängerten das Ultimatum am Donnerstag jedoch um eine Woche.
„Greift die Feinde an, wo immer sie sind“, wurde Gaddafis Zweitältester zitiert. „Wir sind immer noch da und wir kämpfen. Der Sieg ist nah.“ Die Gegner des Regimes bezeichnete der Gaddafi-Sohn als „Verräter und Ratten.“ Saif al-Islam behauptete, er halte sich in einem Vorort der Hauptstadt Tripolis auf. Im Hinblick auf seinen Vater sagte er: „Dem Führer geht es gut, wir trinken Tee und Kaffee.“
Rebellen für Saadi „Brüder“
Saadi bezeichnete die Aufständischen in einem Interview mit al-Arabija fast zeitgleich als „Brüder“. Um das Blutvergießen zu beenden, sei er bereit, sich zu ergeben. Man habe „kein Problem“ damit, dem Übergangsrat die Macht zu übergeben: „Uns stört das nicht. Wir sind alle Libyer.“ Gemäß der Einschätzung der Rebellen halten sich beide Söhne in der nächsten Umgebung ihres Vaters auf.
Der Vizepräsident des Militärrats der Rebellen, Mehdi Harati, sagte, Saadi zögere, zu kapitulieren. Die Aufständischen würden aber für seine Sicherheit garantieren, sollte er dies tun. Harati zufolge konnten die Rebellen zudem Außenminister Abdel Ati al-Obeida festnehmen. Einem Sprecher der Aufständischen zufolge wurde er am Mittwoch in einem Vorort der Hauptstadt gefasst. Auch mehrere Medien berichteten unabhängig voneinander von Obeidas Festnahme.
Berichte über Fluchtpläne nach Algerien
Von Gaddafi selbst fehlt seit der Einnahme seiner Residenz am Dienstag vor einer Woche jede Spur. Medienberichten zufolge soll er sich in seiner Geburtsstadt Sirte oder in Bani Walid südöstlich von Tripolis verstecken. Die französischsprachige Zeitung „El-Watan“ berichtete wiederum auf ihrer Website, Gaddafi versuche von der Grenzstadt Ghadames aus, über seine Einreise nach Algerien zu verhandeln.
Gaddafi habe versucht, den algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika telefonisch zu erreichen, schrieb „El-Watan“ unter Berufung auf Kreise des Präsidialamtes in Algier. Dieser habe sich jedoch geweigert, den Anruf entgegenzunehmen. Gaddafis Frau Saifa sowie seine drei Kinder Aischa, Hannibal und Mohammed konnten sich bereits nach Algerien absetzen. Algier betont jedoch, die Familienmitglieder aus „rein humanitären Gründen“ aufgenommen zu haben.
„Regime am Sterben“
Der Übergangsrat nimmt die widersprüchlichen Meldungen gelassen. Die Rebellen gehen davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Gaddafi gefasst ist - da die Auswahl an Orten, wo er sich verstecken kann, immer geringer werde. Auch in den Aussagen seiner Söhne sehen die Rebellen nur einen Beleg dafür, dass „das Regime am Sterben“ sei.
Links: