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Verschanzt oder geflohen?

Für das Regime von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi dürften tatsächlich die letzten Stunden angebrochen sein. Zumindest weisen alle internationalen Erwartungen in diese Richtung, auch wenn in der libyschen Hauptstadt Tripolis in der Nacht auf Dienstag noch heftige Gefechte tobten. Wo sich Gaddafi aufhält, war weiter nicht klar.

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Angesichts des massiven Widerstands gegen Angriffe der Rebellen aus einem Quartier Gaddafis wurde vermutet, dass sich der 69-Jährige tatsächlich immer noch dort aufhalten könnte. Den rechtzeitigen Absprung ins Ausland dürfte der exzentrische Revolutionsführer verpasst haben. Die Rebellen waren in den letzten Tagen relativ rasch auf Tripolis vorgerückt.

NATO-Angriff auf Gaddafi-Residenz?

Laut einem Bericht des Nachrichtensenders Al-Arabiya griffen Kampfflugzeuge der NATO Dienstagfrüh die Residenz Gaddafis in Tripolis an. Der Sender berief sich in seinem Bericht auf Angaben der Rebellen, die den Komplex seit Montag einzunehmen versuchten, dabei aber am heftigen Widerstand Gaddafi-loyaler Truppen scheiterten. Eine Bestätigung für einen NATO-Angriff gab es vorerst nicht. Sehr wohl aber räumten die USA ein, den Vormarsch der Rebellen - auch mit unbemannten Drohnen - in den letzten Tagen unterstützt zu haben.

Libysche Rebellen in Tripolis

AP/Sergey Ponomarev

Rebellen in den Straßen der Hauptstadt Tripolis

Spekulationen über Flucht

Am Sonntag war noch spekuliert worden, Gaddafi sei in den Süden des Landes geflohen und verhandle mit dem Nachbarland Algerien über eine Ausreise. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es allerdings nicht. Dafür meldete sich Südafrika zu Wort und dementierte, dass der 69-Jährige Asyl am Kap suche. Gaddafi selbst hatte mehrfach geschworen, sein Land nicht zu verlassen, selbst wenn ihn das das Leben koste.

Nach Ansicht der USA hält sich Gaddafi weiter in Libyen auf. „Wir haben keine Informationen darüber, dass er das Land verlassen hat“, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, David Lapan, am Montag vor Reportern in Washington.

Bereits zuvor war vermutet worden, dass sich Gaddafi nach wie vor in seinem Hochsicherheitskomplex im Stadtteil Bab al-Asisa verschanzt. Von dort aus leisteten schwer bewaffnete Elitetruppen, teils mit Panzern, den Rebellen erbitterten Widerstand.

„Die letzten Momente des Regimes“

Trotzdem scheint sich auch die internationale Gemeinschaft sicher zu sein, dass eine Festnahme Gaddafis und damit der völlige Zusammenbruch seines Regimes nur noch eine Frage der Zeit sind. „Wir erleben die letzten Momente des Gaddafi-Regimes“, erklärte die EU-Außenpolitikbeauftragte Catherine Ashton. „Heute tritt Libyen in eine neue Ära ein.“

Laut einem Bericht von al-Jazeera wurde auf dem Gebäude der libyschen Botschaft in Algier bereits die Fahne der Rebellen gehisst. In der Botschaft in Prag sollen Diplomaten Bilder des Revolutionsführer verbrannt haben. Deutschland versprach bereits Hilfe beim Wiederaufbau.

Rebellen errichten Checkpoints

Trotz anhaltender schwerer Gefechte hatten die Aufständischen angekündigt, die Hauptstadt spätestens am Dienstag einnehmen zu wollen. Gaddafis Truppen würden sich nach und nach zurückziehen, hieß es. Das Nachbarland Niger verstärkte laut al-Jazeera Patrouillenflüge entlang der Grenze. Man befürchte, dass sich Gaddafi-loyale Soldaten und Söldner nach Niger absetzten wollten, berichtete der katarische Nachrichtensender.

Einwohner aus mehreren Stadtteilen berichteten am Montag, in ihren Vierteln seien die Kämpfe abgeflaut. Auf den Straßen seien kaum noch Regierungseinheiten zu sehen. Rebellenkämpfer errichteten demnach zusammen mit Einwohnern Kontrollposten auf den Straßen. Die Rebellen behaupteten am Montag, bereits 95 Prozent der Hauptstadt unter ihrer Kontrolle zu haben. Am Montagabend hieß es, auch der Flughafen von Tripolis befinde sich mittlerweile unter Kontrolle der Aufständischen.

Gaddafis Regierungssprecher Mussa Ibrahim hatte am Sonntagabend erklärt, in Tripolis habe es bis dahin bei den Kämpfen mindestens 1.300 Tote gegeben.

Verwirrung um Gaddafis Söhne

Verwirrung herrschte in der Nacht auf Dienstag um das Schicksal von drei von Gaddafis Söhnen. Hatte es erst geheißen, Saif al-Islam und Al-Saadi al-Gaddafi seien festgenommen worden und Mohammed al-Gaddafi stehe unter Hausarrest, meldete al-Jazeera am Abend, Mohammed sei die Flucht gelungen.

Gegen 1.30 MESZ berichtete dann CNN, Saif al-Islam al-Gaddafi sei inmitten eines Konvois schwer bewaffneter regimetreuer Soldaten in Tripolis aufgetaucht und habe zu Anhängern seines Vaters gesprochen. Er habe erklärt, die Rebellen seien in der Hauptstadt „in die Falle gelockt“ worden.

Moussa Ibrahim, ein Sprecher Gaddafis, hatte bereits zuvor am Abend alle Berichte über Erfolge der Aufständischen zurück. Er behauptete, 80 Prozent von Tripolis befänden sich unter Kontrolle regimetreuer Truppen und fügte hinzu: „Dem Oberst (Gaddafi, Anm.) geht es gut, seinen Söhnen geht es gut.“ Ibrahim dementierte auch die Festnahme von Saif al-Islam al-Gaddafi als „Wunschdenken“.

Dramatischer letzter Appell

Gaddafi selbst hatte sich zuletzt am späten Sonntagabend zum dritten Mal an diesem Tag an seine Anhänger gewendet. In einer Audiobotschaft beschwor er im Staatsfernsehen seine Gefolgsleute: „Ihr müsst auf die Straße gehen, um die Ratten und Verräter zu bekämpfen. Alle Stämme müssen nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. Wenn nicht, werdet ihr Sklaven der Kolonialisten werden.“ Die Rebellen hatten zuvor ein von Gaddafi gemachtes Angebot zu Verhandlungen abgelehnt.

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