Warnung vor „Gift des Rassismus“
Nach mehreren Angriffen auf Schwarze und Ausländer in den letzten Tagen und Wochen steigt in Italien die Angst vor zunehmendem Rassismus. „Für mich ist es Rassismus“ wurde erst am Montag Daisy Osakue in Medienberichten zitiert, die in der Nacht auf Montag Opfer eines Angriffs wurde.
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Die 22-jährige mit nigerianischen Wurzeln, die bei der am 7. August beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin für Italien an den Start geht, wurde in Turin durch einen Eierwurf am Auge verletzt. Die zu den Nachwuchshoffnungen des italienischen Leichtathletikteams zählende Diskuswerferin sprach laut Angaben der Nachrichtenagentur ANSA von einem „gezielten Angriff“ mit rassistischem Hintergrund.
Marokkaner in Aprilia totgeprügelt
Während die ermittelnden Behörden das laut ANSA nicht bestätigen wollen, war am Samstag die Stadt Aprilia in der Region Latium Schauplatz eines tödlichen Angriffs auf einen Marokkaner. Der 54-Jährige wurde Medienberichten zufolge von zwei Italienern totgeprügelt.
Am Sonntag wurde von der Polizei zudem ein Italiener festgenommen, der vor vier Tagen einen 19-jährigen Senegalesen in Partinico nahe Palermo geschlagen und beschimpft hatte, während dieser als Kellner in einem Lokal arbeitete. Am 11. Juli war eine Gruppe von Nigerianern, die in der Stadt Latina südlich von Rom auf einen Bus warteten, von Unbekannten aus einem vorbeifahrenden Auto mit einer Luftdruckpistole angeschossen worden. Zwei Nigerianer wurden verletzt.
Mahnende Worte von Italiens Präsidenten
Vergangene Woche hatte Staatspräsident Sergio Mattarella die Verletzung eines einjährigen Roma-Mädchens durch einen Römer verurteilt. Der Mann hatte vom Balkon seiner Wohnung aus mit einer Luftdruckpistole das Kind getroffen und es lebensbedrohlich verletzt. So wie Mattarella warnte auch der Bürgermeister von Aprilia, Antonio Terra, davor, dass Italien zum Wilden Westen und Selbstjustiz zu einer Selbstverständlichkeit werde.
Anlässlich des 80. Jahrestages des „Rassenmanifests“ und damit der Grundlage der späteren faschistischen „Rassengesetze“ warnte Mattarella am 25. Juli zudem vor dem „Gift des Rassismus“. Die „Rassengesetze“ der Faschisten besiegelten Mattarella zufolge Italiens Bund mit dem Nationalsozialismus, „der Tod, Zerstörung und Leid in ganz Europa säte“. Ungeachtet der „robusten Wurzeln“ der italienischen Kultur in Humanismus und Kultur hätten diese Gesetze zur Judenverfolgen wie auch der Ermordung von Roma und Sinti geführt, wie unter anderem die deutsche „Welt“ Mattarella zitierte.
Beobachtern zufolge richtete Italiens Staatsoberhaupt diese Botschaft nicht zuletzt an die neue von der rechtspopulistischen Lega und der einstigen Protestbewegung Fünf Sterne (M5S) angeführten Regierung des Landes, die etwa mit einem verschärften Kurs gegenüber Migrantinnen und Migranten bisher ihre Versprechen gegenüber ihren Wählern und Wählerinnen aus dem rechten Spektrum einhält.
#BastaRazzismo
Auch die Opposition zeigt sich von den jüngsten Ereignisse alarmiert: „Überall in Italien mehren sich rassistische Vorfälle, doch Innenminister Matteo Salvini leugnet das“, kommentierte der Chef der Sozialdemokraten, Maurizio Martina. „Die Regierung darf das Phänomen Rassismus nicht ignorieren. Wir müssen menschlich bleiben“, so Ex-Premier Matteo Renzi auf Twitter. „Ich möchte mich nicht für mein Land schämen“ twitterte zudem der nun von Giuseppe Conte als Premier abgelöste Paolo Gentiloni unter #BastaRazzismo (in etwa: Es reicht mit Rassismus).
Innenminister und Vizepremier Salvini will nichts von einem Rassismusproblem wissen. „Angreifen und schlagen ist ein Verbrechen, dieses Verhalten muss bestraft werden. Die Italiener und die Regierung wegen einiger beschränkter Vorfälle des Rassismus zu bezichtigen ist jedoch verrückt“, sagte Salvini, der in diesem Zusammenhang auf die von Ausländern begangenen Verbrechen verwies.
Rückendeckung erhielt der Innenminister von seinem Regierungskollegen Luigi Di Maio, Arbeitsminister und Chef der Fünf-Sterne-Bewegung. „Es besteht keinerlei Rassismusalarm in Italien. Dieses Argument wird von der Linken genutzt, um Salvini zu attackieren“, kommentierte Di Maio mit denselben Argumenten, die auch Salvini immer wieder in die Auslage stellt. „Rassismus-Notstand in Italien? Lasst uns keinen Unsinn reden“, sagte Salvini laut „Corriere della Sera“ ganz seinem bisherigen Stil entsprechend dann auch zum Fall Osakue.
Eine Solidaritätsbekundung für Osakue gab es am Dienstag von Premier Conte. Allerdings wollte auch der italienische Regierungschef nach einem Telefonat mit der Sportlerin nicht von Rassismus sprechen. Osakue sei demnach Opfer einer verwerflichen Geste, wie Conte laut italienischen Medienberichten sagte.
Rassismus „muss immer bekämpft werden“
Dennoch wird auch in den Reihen der Regierungsparteien zunehmend Handlungsbedarf geortet, unter anderem vom Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Roberto Fico (Fünf Sterne). Dieser stellte nach Angaben der Zeitung „La Repubblica“ außer Frage, dass Rassismus immer bekämpft werden müsse, und zwar „ohne eine Sekunde zu zögern“.
Geht es nach der Vizepräsidentin der Abgeordnetenkammer Mara Carfagna von Silvio Berlusconis Forza Italia müsse man auch den Mut haben, Rassismus beim Namen zu nennen. Mit Rassismusvorwürfen sah sich zuletzt allerdings auch der frühere Premier Berlusconi konfrontiert - Hintergrund war ein in den letzten Tagen aufgetauchtes Video aus dem Jahr 2011. Obwohl im Bündnis mit der Lega bei der letzten Wahl angetreten, ist Forza Italia nicht an der Lega-M5S-Regierung beteiligt.
„Können dieses Eskalieren nich erdulden“
Scharf verurteilt wurde die jüngste Serie rassistischer Angriffe in Italien vom UNO-Flüchtlingswerk (UNHCR). Es gebe immer mehr „Attacken gegen Migranten, Asylsuchende, Flüchtlinge sowie italienische Staatsbürger ausländischer Abstammung“, hieß es in einer Aussendung vom Montag. „Wir können dieses Eskalieren zügelloser Gewalt nicht erdulden“, sagte Felipe Camargo, Vertreter für Südeuropa des Flüchtlingswerks.
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