Perlen aus der Nische
Das Historiendrama „The Birth of a Nation“ ist der große Sieger des diesjährigen Sundance Film Festival. „Danke, Sundance, dass du uns eine Bühne gibst, die es uns ermöglicht zu wachsen - ungeachtet dessen, was der Rest von Hollywood tut,“ sagte Regisseur Nate Parker bei der Entgegennahme des Preises in Park City im US-Bundesstaat Utah.
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Parker spielte damit auf die Nominierung ausschließlich weißer Schauspieler für die diesjährigen Oscars an. „The Birth of a Nation“ erzählt die wahre Geschichte des Sklaven Nat Turner, der 1831 in Virginia einen Sklavenaufstand anführte. Parker, der die Hauptrolle spielt, ist auch für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich. Armie Hammer, Penelope Ann Miller und Jackie Earle Haley spielen ebenfalls mit.
Bereits nach der Premiere im Eccles Theater in Park City wurde der Film vom Publikum mit stehenden Ovationen bedacht. Das Historiendrama ist die erste Regiearbeit des 36-Jährigen, der als Schauspieler unter anderem in „Non Stop“ und „Arbitrage“ mitwirkte. Die Rechte an dem Drama sicherte sich das Studio Fox Searchlight um mehr als 17 Millionen Dollar (15,7 Mio. Euro) - ein Rekord in der Sundance-Geschichte.
Zukaufen ja, produzieren nein
Der millionenschwere Rechteerwerb ist der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die sich auf dem US-Filmmarkt schon seit einiger Zeit beobachten lässt: Intelligente Stoffe stehen in Hollywood durchaus hoch im Kurs, die Studios wollen sie bisweilen lieber zukaufen als selbst produzieren.

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Parker (rechts) spielt den Sklaven Nat Turner
Auch Parker musste lange um die Gunst von Geldgebern ringen. Sieben Jahre habe es gedauert, ehe er die nötigen Mittel für die Produktion zusammengehabt habe, sagte Parker nach der Premiere seines Films. Die Unterstützer seines Projekts seien sich unsicher gewesen, ob sich überhaupt jemand für einen Streifen über die Sklaverei interessieren würde.
Parkers Durchhaltevermögen könnte ihm 2017 den Oscar einbringen, nicht nur wegen der Qualität des Filmes, sondern auch, weil seine Veröffentlichung in eine brisante Zeit fällt. In Zusammenhang mit Polizeigewalt gegen Afroamerikaner entbrannte in den USA eine rege Debatte über Rassismus. Hinzu kommt, dass dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge keine Schwarzen als beste Schauspieler bei den Oscars nominiert sind. Hollywood-Größen wie Spike Lee, Will Smith und George Clooney haben deshalb zum Boykott der Preisverleihung aufgerufen.
Lob von Kritikern und von Redford
Nicht nur Parkers Regiedebüt konnte heuer überzeugen. Kritiker lobten die allgemein hohe Qualität des Programms. Festivalpräsident Robert Redford sprach sogar vom besten Sundance aller Zeiten. Heuer wurden 123 Spielfilme und Dokumentationen aus 37 Ländern gezeigt. Sie wurden aus über 12.000 Einsendungen ausgesucht. In den verschiedenen Fachjurys sitzen Journalisten, Filmschaffende und Schauspieler - dieses Jahr etwa Lena Dunham („Girls“) und John Hamm („Mad Men“).

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Redford, mittlerweile 79, rief das Sundance 1981 ins Leben
Das seit 1981 veranstaltete Festival ist die wichtigste Schau für Filme, die außerhalb Hollywoods produziert wurden. Beim Sundance-Festival komme es vor allem darauf an, die Vielfalt von Independent-Produktionen zu fördern, erklärte Redford. „Vielfältigkeit kommt von dem Wort Unabhängigkeit, nach diesem Prinzip arbeiten wir hier“, betonte der Oscar-Preisträger. Die Nachrichtenagentur AP nannte das Sundance nicht zuletzt aus diesem Grund ein „Gegengift“ zu den Academy Awards.
Zahlreiche Regisseure, die mittlerweile zum erlesenen Kreis der Hollywood-Größen gehören, feierten ihre Debüts auf dem Sundance, darunter etwa Steven Soderbergh, Quentin Tarantino, Darren Aronofsky und Richard Linklater. Das im Jahr 2014 mit dem Jury- und dem Publikumspreis ausgezeichnete Musikerdrama „Whiplash“ gewann später auch drei Oscars.
Lange Liste von Highlights
Die Liste der Highlights des Sundance 2016 ist lang. Hochgelobt wurden etwa das mit Casey Affleck und Michelle Williams starbesetzte Drama „Manchester by the Sea“ von Kenneth Lonergan. Mit donnerndem Applaus gefeiert (und mit dem Preis des Publikums bedacht) wurde die Dokumentation „Jim: The James Foley Story“. Brian Oakes erzählt darin das Leben des im Sommer 2014 von IS-Kämpfern enthaupteten Fotoreporters anhand von Kindheitsfotos, Familienvideos und seinen journalistischen Arbeiten sowie über die Erinnerungen seiner Angehörigen, Freunde und Kollegen.

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„Southside with You“ zeigt die fiktive Liebesgeschichte der Obamas
Für reges Publikumsinteresse sorgte auch „Southside with You“, die fiktive Story des ersten Dates von US-Präsident Barack Obama mit seiner späteren Frau Michelle. Regie führte Richard Tanne. Regiegroßmeister Spike Lee zeichnete in „Off the Wall“ den Lebensweg Michael Jacksons nach und setzte dem „King of Pop“ ein filmisches Denkmal.

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„Christine“ beleuchtet das Leben der Journalistin Christine Chubbuck
Gleich zwei Filme beschäftigten sich heuer unabhängig voneinander mit der tragischen Geschichte der US-TV-Reporterin Christine Chubbuck. Die 29-Jährige erschoss sich im Jahr 1974 während einer Liveübertragung vor laufender Kamera. Regisseur Antonio Campos beleuchtet das Leben der Journalistin in seinem Spielfilm „Christine“, Robert Greenes experimentelle Doku „Kate Plays Christine“ handelt von einer Indie-Schauspielerin, die sich auf die Rolle der Christine Chubbuck vorbereitet.
Radcliffes bizarrer Flop
Für eine Mischung aus Unverständnis und Ablehnung sorgte „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe in „Swiss Army Man“. Der Brite spielt in dem Film, der laut Regisseur Daniel Scheinert von Furzwitzen inspiriert ist, eine Leiche, die über lautstarke Flatulenzen mit der Außenwelt kommuniziert.
Gemischte Gefühle bei den Zusehern rief auch Kevin Smiths Horrorfilm „Yoga Hosers“ hervor, in der zwei Yoga-Fanatikerinnen gegen das Böse kämpfen. Eine der Hauptrollen spielt Lily-Rose Depp, die 16-jährige Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis.
Streamingdienste mit „Maschinengewehren“
Zu den Sundance-Gewinnern zählen heuer auch Amazon und Netflix. Die beiden Streaminganbieter steigerten sich in einen wahren Kaufrausch. Laut dem Onlineportal Business Insider machten die beiden Internetgrößen Millionensummen für den Erwerb von Filmrechten locker. Oder wie es eine anonyme Quelle aus einem Studio gegenüber dem Magazin ausdrückte: „Wir schießen mit Kugeln, Amazon und Netflix mit Maschinengewehren.“
Amazon etwa zahlte allein zehn Mio. Dollar (knapp 9,3 Mio. Euro) für die Rechte an „Manchester by the Sea“. Zudem erwarb der Onlinehändler „Wiener Dog“, die neue Komödie des bekannten US-Indie-Regisseurs Todd Solondz. Netflix sicherte sich unter anderem das Roadmovie „The Fundamentals of Caring“ mit Selena Gomez und „Under the Shadow“. Der iranische Horrorfilm war eine der Entdeckungen auf dem Sundance.
Werner Herzog gibt den Griesgram
Die vielleicht grantigste Meldung zum diesjährigen Sundance ist der deutschen Regielegende Werner Herzog zu verdanken. „Was ist so beeindruckend an 100.000 Tweets, 100.000-mal Dummheit in 140 Zeichen?“, erklärte der 73-Jährige angesprochen auf Twitter und Facebook. Nie habe er auch nur eine einzige Twitter-Botschaft interessant gefunden.

AP/Sundance Institute/Peter Zeitlinger
Szene aus „Lo and Behold: Reveries of the Connected World“
Herzog stellte auf dem Filmfestival seinen neuen Dokumentarfilm „Lo and Behold: Reveries of the Connected World“ („Siehe da: Träumereien von der vernetzten Welt“) über die Folgen des Internets für die Gesellschaft vor. Er hoffe, sein Film könne dazu beitragen, dass die Menschen ihre Abhängigkeit vom Netz überdenken, sagte er.
Den Filmemacher stört an den Sozialen Onlinemedien vor allem „dieser massive, nackte Ansturm von Dummheit“. Sein „Soziales Netzwerk“ sei der Küchentisch, erklärte er. „Meine Frau und ich kochen, und wir haben maximal vier Gäste, weil nicht mehr als sechs an den Tisch passen.“
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