Themenüberblick

Seehofer versus Ude

Wenn Umfragen Wahlergebnisse wären, dann wäre vor zwei Jahren mit Christian Ude wohl erstmals seit Jahrzehnten ein SPD-Politiker bayrischer Ministerpräsident geworden. Und dann könnte genau dieser Christian Ude jetzt, zwei Jahre später, seinen Ruhestand planen - während Regierungschef Horst Seehofer (CSU) kräftig feiern könnte.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Doch Umfragen sind eben keine Wahlergebnisse. Und deshalb werfen sich sämtliche Parteien - ob Regierung oder Opposition - vor der Landtagswahl am 15. September so ins Zeug wie wohl seit Jahren nicht.

Dabei ist es jüngsten Umfragen zufolge unwahrscheinlich, dass der populäre Münchner Oberbürgermeister tatsächlich die Staatskanzlei erobern kann. Wobei bei all diesen Rechenspielen die FDP eine entscheidende Rolle spielt: Schaffen die Liberalen den Wiedereinzug in den Landtag, dann müsste schon ein Wunder geschehen, damit die Opposition Schwarz-Gelb überflügelt. Aber auch wenn es für die FDP nicht reichen sollte, würde es schwierig: In jüngsten Umfragen lag das von Ude angestrebte Dreierbündnis mit Grünen und Freien Wählern zwischen drei und sechs Prozentpunkte hinter der CSU zurück.

Viele Unentschlossene

Doch sowohl Seehofer als auch Ude wissen, dass rund 40 Prozent der Wahlberechtigten noch unentschieden sind. Deshalb warnt Seehofer seine Partei eindringlich vor Überheblichkeit, Selbstzufriedenheit oder Siegesgewissheit. Und deshalb mahnt Ude die in Bayern leidgeprüften Sozialdemokraten, sich nicht geschlagen zu geben.

Die CSU setzt im Wahlkampf vor allem auf den Amtsbonus von Seehofer - und präsentiert den 64-Jährigen als kümmernden Landesvater. Auch in ihrem Wahlwerbespot zeigt die CSU ganz bewusst einen nachdenklichen und staatsmännischen Seehofer - im Widerspruch zu dessen oft polterndem Auftreten gegenüber Berlin. „Notwendig sind jetzt Visionen, wie wir das Erreichte stabilisieren können und vielleicht sogar noch ausbauen können - das ist meine Motivation für die nächsten fünf Jahre“, sagt Seehofer in dem Film betont ernst.

Keine klare politische Alternative

Anders Ude und die SPD: Die Sozialdemokraten lassen in ihrem Wahlwerbespot Menschen aus dem ganzen Land zu Wort kommen, die in den verschiedensten bayrischen Mundarten für Ude werben. Denn das ist eine der Hauptherausforderungen für die SPD: dafür zu sorgen, dass Ude nicht nur als Münchner Oberbürgermeister wahrgenommen wird, sondern als landesweiter Spitzenkandidat, der Seehofer Paroli bieten kann.

Ude hat im Wahlkampf aber mehrere Schwierigkeiten: Erstens kann er nicht mit einem klaren rot-grünen Alternativprojekt aufwarten, sondern er brauchte zum Regieren immer die Freien Wähler - und die wollen sich nicht auf eine Wunschkoalition festlegen. Zweitens geht es den meisten Bayern nicht schlecht, weshalb die Argumentation, warum ein Wechsel her muss, etwas schwieriger ist.

Seehofer räumte mögliche Themen zur Seite

Und drittens hat Seehofer der Opposition reihenweise Wahlkampfthemen weggeschnappt: Die Studiengebühren wurden abgeschafft, der sanfte Donau-Ausbau wurde beschlossen - beides seit Jahren Kernforderungen der Opposition. Seehofer hat die CSU bei beiden Themen zur Umkehr gezwungen. Einerseits kann Ude deshalb genüsslich behaupten, dass noch keine Opposition so erfolgreich gewesen sei wie die aktuelle - weil die CSU schon vor der Wahl deren Forderungen umsetze. Andererseits fehlen der Opposition damit einige sehr polarisierende Wahlkampfthemen.

Duell der letzten Chance

Eines gilt bei der Landtagswahl für Seehofer wie für Ude: Es ist jeweils ihre letzte große politische Herausforderung - wobei für Seehofer mehr auf dem Spiel steht. Verliert Ude, dann kann er noch ein Jahr Münchner Bürgermeister bleiben und schließlich in den Ruhestand gehen. Verliert aber Seehofer, und kommt es entgegen den jüngsten Umfragen zum CSU-Machtverlust, dann würde er als der CSU-Chef in die Geschichtsbücher eingehen, der seine Partei nach jahrzehntelanger Vormachtstellung im Freistaat in die Opposition geführt hat.

Christoph Trost, dpa

Links: