Chinas neuer starker Mann
Trotz einer beeindruckenden Karriere war der künftige Staats- und Parteichef Chinas bis vor wenigen Jahren weitgehend unbekannt. Auf die Frage „Wer ist Xi Jinping?“ folgte meist die Antwort: „Der Mann von Peng Liyuan.“ Seine Frau ist eine der berühmtesten Volkssängerinnen Chinas. Im Westen wäre es ein Paar mit Starqualitäten - doch in China wird eher ein bescheidenes, altmodisches Image gepflegt.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
„Wenn er nach Hause kommt, denke ich niemals, dass ein großer Führer ins Haus kommt. In meinen Augen ist er nur mein Ehemann“, sagte die heute 49-Jährige einmal der südchinesischen Zeitung „Zhanjiang Wanbao“. „Und wenn ich nach Hause komme, sieht er in mir nicht einen berühmten Star. In seinen Augen bin ich einfach nur seine Frau.“ Bedingt durch ihre Karrieren leben beide seit ihrer Heirat 1987 oft an verschiedenen Orten. Ihre Tochter Xi Mingze studiert seit 2010 unter einem Pseudonym an der Harvard Universität in den USA.
„Ein großer Unbekannter“
Also, wer ist Xi Jinping? „Wir haben keine Ahnung“, räumt ein europäischer Botschafter ein. „Ein großer Unbekannter.“ Ein Diplomat, der den Vizepräsidenten jüngst zweimal getroffen hat, berichtet: „Ihn beschäftigt sehr, wie er der Aufgabe gerecht wird, das Land zu seiner geschichtlichen Größe zu führen.“ Die Ungleichgewichte des Landes scheinen ihm bewusst. „Wir kennen unsere Risiken“, verriet Xi einem ausländischen Regierungschef. „Die Entwicklung Chinas ist unkoordiniert und wenig nachhaltig“, wird er zitiert.
Der 59-Jährige sei „vorsichtig, realistisch, pragmatisch, ehrgeizig, konzentriert und effizient“, wollen Diplomaten erfahren haben. Er stütze sich auf ein gutes persönliches Netzwerk und sei ein Macher, der zuhöre und versuche, Lösungen zu finden. Auf allen Ebenen hat Xi schon gearbeitet - Dorf, Bezirk, Stadt, Provinz und auch Militär. Als Gouverneur und Parteichef führte er die Küstenprovinzen Fujian (1999 bis 2002) und Zhejiang (2002 bis 2007) sowie Schanghai (2007) - drei der dynamischsten Wirtschaftsregionen Chinas, die mit europäischen Staaten vergleichbar sind.
Schützling von Jiang Zemin
Als Schützling des früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin, der mit 86 Jahren weiter die Fäden zieht, wurde Xi Jinping 2007 zum Kronprinzen gekürt. Seine Herkunft aus der kommunistischen Aristokratie war ihm immer behilflich - doch hat er „Paradies und Hölle“ erlebt, wie der Autor und Kommentator Zhang Lifan sagt: „Er hat deswegen ein besseres Verständnis vom System als sein Vorgänger Hu Jintao.“
Der am 1. Juni 1953 in Fuping in der Provinz Shaanxi geborene Xi Jinping ist ein „Prinzling“. Sein Vater war Xi Zhongxun, ein revolutionärer Militärführer und späterer Vizepremier. Mao Tse-Tung (Zedong) stürzte ihn 1962. 16 Jahre verbrachte der Vater in Zwangsarbeit oder Haft. Während der Kulturrevolution (1966 bis 1976) wurde Xi Jinping 1969 wie andere Jugendliche in das abgelegene, arme Bergdorf Liangjiahe in Shaanxi geschickt, wo er heute noch als Bücherwurm bekannt ist.
Karriere mit Papas Hilfe
1974 trat Xi Jinping der Partei bei. Er studierte von 1975 bis 1979 an der Qinghua Universität in Peking Chemie. Nach dem Tod von Mao 1976 und dem Ende der Kulturrevolution wurde seine Familie rehabilitiert. Sein Vater trieb als Gouverneur der Südprovinz Guangdong die nunmehrigen Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping voran. Er schuf 1980 in Shenzhen an der Grenze zu Hongkong die erste Sonderwirtschaftszone, um mit dem Kapitalismus zu experimentieren.
Während es andere in die Städte zog, gab Xi 1982 einen Sekretärsposten in der Militärkommission in Peking auf und ließ sich nach Zhengding in die Provinz Hebei versetzen. Er wollte sich seine Sporen auf Gemeindeebene verdienen. Es war ein schwieriger Ausflug in die Dorfpolitik. Die Zeit auf dem Land habe ihn zu einem Menschen gemacht, „der mit beiden Beinen auf der Erde steht“, schrieb Xi später über sich selbst. Drei Jahre später half ihm aber sein Vater, seine Karriere an der reformorientierten Küste fortzusetzen.
„Was wollen sie denn noch?“
Xi gibt sich als Vorkämpfer gegen Korruption und fordert, dass Verwandte von Funktionären nicht ihre Beziehungen nutzen dürfen, um sich zu bereichern. Im Juni enthüllte die amerikanische Wirtschaftsagentur Bloomberg allerdings, dass seine Verwandten Beteiligungen in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar in Bereichen wie Rohstoffe, Immobilien und Mobilfunk besitzen.
Zufällig auf Video aufgenommene Äußerungen in Mexiko 2009 lassen bedingt auf seine Denkweise schließen. Vor Auslandschinesen weist Xi in dem Mitschnitt auf die Fortschritte in China hin, das 1,3 Milliarden Menschen ernähre: „Es gibt ein paar Ausländer, die den Bauch voll und nichts Besseres zu tun haben, als mit dem Finger auf China zu zeigen.“ Die Formulierung mit dem vollen Bauch ist für Chinesen ziemlich unhöflich. Er fährt fort: „China exportiert erstens keine Revolution, zweitens weder Hunger noch Armut und bereitet ihnen drittens auch keine Kopfschmerzen. Was wollen sie denn noch?“
Andreas Landwehr, dpa
Link: