Gesparte Zeit ist gewonnenes Geld
Hennes & Mauritz ist es auch schon einmal besser gegangen, bei Benetton schrillen überhaupt alle Alarmglocken, und auch auf den Bilanzpressekonferenzen der meisten anderen Textilfirmen ist die Stimmung derzeit meist düster. Der spanische Inditex-Konzern (Zara, Bershka, Pull & Bear, Massimo Dutti, Oysho, Uterqüe und andere Marken) hingegen lieferte Ende März wieder eine neue Rekordbilanz ab.
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Im Jahr 2011 kletterte der Nettogewinn des weltgrößten Mode-Einzelhändlers um zwölf Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um zehn Prozent auf 13,79 Milliarden Euro. Die Aktionäre können sich auf eine um gleich 12,5 Prozent höhere Dividende freuen. Bilanzeckdaten wie diese hatten dem Unternehmen selbst die optimistischsten Analysten nicht zugetraut. Der Erfolg von Inditex ist dabei schnell erklärt: Das Unternehmen macht fast alles anders als die Konkurrenz und verzichtet vor allem auf Produktion „made in China“.
Ein Containerschiff wird kommen
Das Erfolgsrezept von Inditex wird branchenintern mit „close or nearby production“ umrissen. 60 Prozent der Produkte des spanischen Konzerns kommen aus europäischen Ländern oder unmittelbaren Nachbarn wie Tunesien und Marokko, wenn sie nicht überhaupt gleich am Firmensitz im galicischen Arteixo gefertigt werden. Auch Inditex bezieht zwar Produkte aus weiter entfernten Billiglohnländern, oft aber nur in Form von halbfertigen Stücken, die dann in Europa fertiggestellt und auch noch verändert werden können.
Damit hat Inditex zwar erheblich höhere Produktionskosten, spart dafür nach dem Motto „Zeit ist Geld“ an anderer Stelle weit mehr ein. Während die Konkurrenz noch auf das Einlaufen der Containerschiffe aus China wartet, hat Inditex seine Produkte schon längst in den Geschäften. Der Konzern rühmt sich der - eigentlich nicht sonderlich ehrenhaften - Fähigkeit, Imitate der großen Pret-a-Porter-Modeschauen innerhalb von drei bis sechs Wochen in seinen Geschäften aushängen zu können.
Kollektion ändert sich je nach Kundenwunsch
Und während die Konkurrenz den eigenen Produktentscheidungen für die Saison auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist und die containerweise georderten Stücke erst einmal verkaufen muss, liefern die Fabriken von Inditex Kleinstmengen je nach Kundennachfrage. Das hohe Tempo erlaubt es sogar, Designs mehrmals im Lauf einer Saison zu verändern und regional zu differenzieren, um noch näher an den Kundenwünschen dran zu sein. Bis heute werden auch einzelne Zara-Mitarbeiter ermutigt, ihre Beobachtungen über Kundenvorlieben an die Konzernleitung weiterzugeben.
Dass das „Modell Zara“ gut funktioniert, ist auch der Konkurrenz aufgefallen. Zwar kommen immer noch 75 Prozent aller in Europa verkauften Textilien aus fernöstlichen Billiglohnfabriken, die Trendumkehr hat aber schon stattgefunden. Zuletzt zogen etwa La Perla, Barbara Bui, Jean-Charles de Castelbajac und Etam große Teile beziehungsweise überhaupt ihr ganzes Produktionsvolumen aus China ab und übersiedelten etwa nach Ungarn, Moldawien, Bulgarien, Rumänien, Portugal, Tunesien und Marokko.
Chinesische Fabrikanten werden „bockiger“
Im Durchschnitt ist eine tunesische oder türkische Textilarbeiterstunde zwar noch um die Hälfte teurer als eine chinesische. Aber das Lohnniveau in China steigt jährlich konstant um rund 15 Prozent. Außerdem sind die Löhne gerade in den chinesischen Küstenregionen, von wo viele „Made in China“-Textilien kommen, überdurchschnittlich gestiegen. Dort liegt das monatliche Lohnniveau bereits bei umgerechnet 400 Euro und hat sich damit innerhalb der letzten fünf Jahre beinahe verdoppelt.
Textilarbeiterinnen in Moldawien muss demgegenüber derzeit nur 200 Euro bezahlt werden, in Tunesien 160 Euro und in Marokko überhaupt nur 152 Euro. Und es geht nicht nur um den Lohn. In Chinas Textilfabriken ist der Verdrängungswettbewerb weitgehend abgeschlossen. Das bedeutet weniger Konkurrenz unter den dortigen Produzenten und damit ein entsprechend selbstbewussteres Auftreten gegenüber den europäischen Auftraggebern, was großzügigere Lieferfristen, Mindestabnahmemengen und Bezahlung angeht.
Vom Laufburschen zum fünftreichsten Mann der Welt
Die nun immer öfter imitierte Inditex-Taktik geht allein auf Unternehmensgründer Amancio Ortega zurück. Der heute 76-Jährige steht für Unternehmertum von altem Schlag. Er begann als 13-Jähriger als Laufbursche in einem Hemdengeschäft. Der fünftreichste Mann der Welt mit einem geschätzten Privatvermögen von 28 Milliarden Euro versteht sich nach wie vor selbst als „Textilarbeiter“ und isst angeblich regelmäßig in der eigenen Firmenkantine. Er lebt äußerst zurückgezogen, bis zum Inditex-Börsengang 2001 wusste die Welt nicht einmal, wie er aussieht.
Das letzte Jahr markierte dabei den Rückzug Ortegas aus dem operativen Geschäft. Inditex-Chef ist seit letztem Juli Ortegas vormaliger Vize Pablo Isla. Befürchtungen, dass der Konzern damit orientierungslos werde, haben sich vorerst nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Während die Konkurrenz jetzt auch die „close or nearby production“ für sich entdeckt, hält Inditex nach neuen Zielen Ausschau und entdeckt dabei China für sich - allerdings als Absatzmarkt. 2011 ist Zara mit über 150 Shops auf den chinesischen Markt gegangen.
„Europa in kreativer Hinsicht ziemlich tot“
Zusätzlich zu den rund 250 Designern am spanischen Firmensitz wurde laut einem Bericht des „Economist“ auch ein Dutzend Designer in Schanghai angestellt, die auf den chinesischen Geschmack reagieren sollen. Wie es heißt, sei der dem europäischen gar nicht so unähnlich, nur seien eher pastellfarbene statt kräftiger Farbtöne gefragt. Wie immer reagiert die Firma prompt. Es geht aber nicht nur um den Absatzmarkt. Bei Inditex ist man überzeugt, dass „Europa in kreativer Hinsicht ziemlich tot“ sei. Die neuesten Trends werde es bald in China zu sehen geben - und wenige Wochen später als Imitate in den Geschäften des Inditex-Konzerns.
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