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„Ich nehme nicht nur, ich gebe auch“

In ihrem alten Leben war Heidemarie Schwermer in Dortmund als Psychotherapeutin tätig. Schon damals beschäftigte sie sich mit Konsumzwang, der Wegwerfgesellschaft und der Verteilung des Reichtums. Ihre Antwort auf die Sinnsuche: Sie gründete einen Tauschring: Haareschneiden gegen Autoreparieren und Babysitten gegen Kuchenbacken. Heute kommt sie ganz ohne Bargeld aus.

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Die Initialzündung zu einem besitzlosen Leben erlebte Schwermer 1996. Freunde hatten sie damals gebeten, ihre Zimmerpflanzen zu versorgen, während sie auf Urlaub waren. Wenn sie wolle, könne sie auch gleich in der Wohnung übernachten. Schwermer sah ihre Zeit gekommen. Anfangs behielt sie jedoch noch ihre Wohnung.

Kinder reagierten entsetzt

„Ich musste immer wieder zurück in meine eigene Ecke. Später habe ich geübt, mich auch anderswo gut zu fühlen", erzählte sie in der ORF-Sendung „kreuz und quer“. Schließlich gab sie auch ihre eigenen vier Wände auf. Ihre beiden erwachsenen Kinder waren entsetzt. Ihre Freunde dachten, das würde wieder vorübergehen: „Die sagten, sie wird schon wieder vernünftig werden.“ Heute haben sie sich längst an ihren Lebensstil gewöhnt und bewundern Schwermer für ihre Konsequenz.

Seit 20 Jahren nicht mehr beim Arzt

Elf Jahre lang hielt sie sich sehr streng an ihr mittelloses Leben. Seit einigen Jahren bezieht sie eine kleine Pension. „Die Rente hätte ich nicht nehmen müssen“, meint Schwermer. Sie tat es aber und verschenkt das Geld seither. Mit der Pension kam auch die Krankenversicherung. „Beim Arzt war ich aber schon 20 Jahre nicht mehr.“ Geld habe einen viel zu hohen Stellenwert in der Gesellschaft, ist Schwermer überzeugt.

„Mein Leben ohne Geld“

Heidemarie Schwermer wurde 1942 in Ostpreußen geboren und kam als Flüchtling nach Deutschland. Über ihr mittlerweile 16 Jahre altes Experiment hat sie mehrere Bücher geschrieben, unter anderem „Das Sterntalerexperiment. Mein Leben ohne Geld“.

Dabei gehe es ihr aber nicht darum, Geld abzuschaffen. „Das wäre idiotisch“, so Schwermer. Sie wollte „da einfach nicht mehr mitmachen“ - und aufzeigen, dass man auch anders leben kann: „Wir müssen immer nur funktionieren und Leistung erbringen. Und dann sitzen die Menschen da mit ihrem Ego und mit ihrem Neidgehabe.“ Beim Streben nach möglichst vielen Nullen auf dem Bankkonto würde man sich keine Zeit nehmen, um herauszufinden, was man wolle. „Jeder hat seinen Platz, wo man sich entfalten kann.“

Leben nach dem „Schnorrerprinzip“

So wie der junge Mann, der sie immer auf Zugsfahrten einlädt. „Weil er behindert ist, darf er im Zug eine Begleitperson mitnehmen. Und das bin manchmal ich“, strahlt Schwermer. „Und er ist so glücklich, weil er seine Lücke gefunden hat. Ist das nicht toll?“ Immer wieder wird ihr vorgeworfen, ihr unkonventioneller Lebensstil funktioniere nur, weil sich andere um Dinge wie Wohnungen und Essen kümmern. „Du schnorrst, und wir müssen es kaufen“, hört Schwermer öfters. „Ich nehme nicht nur, ich gebe auch“, entgegnet sie. Allerdings gibt sie auch zu, dass eine Welt kaum funktionieren könnte, in der alle Menschen nach ihren Prinzipien leben würden.

Eine Couch fürs Staubsaugen

Mittlerweile will Schwermer nicht mehr nur an einem Ort, in einem Haus leben. Viele könnten das nicht nachvollziehen. „Reisen macht Spaß, und mit Fremden ist so viel möglich.“ In Wien verbringt sie ein paar Tage bei einer Freundin. Im Gegenzug revanchiert sie sich mit Staubsaugen in der Wohnung - „meine Gastgeberin hasst das“ - und erledigt einige Dinge im Haushalt. Nach ihrem Wien-Aufenthalt fährt Schwermer weiter nach München.

„Viele leben allein in großen Häusern und fühlen sich nicht wohl. Oft sind die Frauen allein, die Kinder sind aus dem Haus, der Mann ist verstorben", erzählt die 69-Jährige. Sie wären nicht so einsam, würden sie etwa im Rahmen einer Wohnungsbörse oder eines Tauschrings ihr Haus hin und wieder Fremden öffnen. Meist ist sie in Deutschland, Österreich, Norditalien und der Schweiz unterwegs. „Als Deutsche fühle ich mich nicht mehr", sagt sie.

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