Von Panikkäufen und gutem Gewissen
Die Frühlingsmode ist da, und überall sind neue Schuhe, Jacken und Röcke ausgestellt. In Magazinen, auf Werbeplakaten und in Onlineshops wird lautstark damit geworben, dass in diesem Frühjahr nur „in“ ist, wer diese oder jene Farbe wählt oder ein bestimmtes Accessoire kauft. Doch Nunu Kaller macht heuer beim Shoppingwahnsinn nicht mit.
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Ein ganzes Jahr lang - ausgehend vom 15. Jänner - will die Wienerin nur das tragen, was in den Tiefen ihres Kleiderkastens schlummert. Und das sollte eigentlich reichen, ist Kaller überzeugt.
Kaufrausch als Rettungsanker
„Ich mache das nicht, um die Welt zu verbessern“, erzählt Kaller gegenüber ORF.at. Eigentlich hat alles damit begonnen, dass sie auf ihrer Urlaubsreise über einen Artikel über eine deutsche Shoppingverweigerin gestoßen ist. „Es waren nur ein paar Zeilen, aber ich hab den ganzen Urlaub darüber nachgegrübelt“, sagt Kaller. Zu diesem Zeitpunkt war das Einkaufen zu einem Rettungsanker in ihrem Leben geworden. Private und berufliche Turbulenzen führten dazu, dass Jacken, Röcke und T-Shirt als Trostobjekte herhalten mussten. „Das ging so weit, dass ich die Einkaufstaschen vor meinem Freund versteckt habe“, so Kaller.

Nunu Kaller
Nunu Kaller bloggt seit 16. Jänner über ihr Verzichtexperiment
Mantel last Minute
Das Wochenende vor dem Start des einjährigen Projekts verbrachte Kaller in Barcelona. „Ich habe mir am Flughafen in letzter Minute noch einen Mantel gekauft. Es war ein Panikkauf, denn plötzlich wurde mir bewusst, dass es das letzte Mal für lange Zeit sein würde“, erzählt die 31-Jährige. Doch der Entschluss stand fest, und über ihre Beobachtungen an sich selbst und an ihrer unmittelbaren Umgebung berichtet sie seitdem in ihrem Blog. „Das ist auch eine Kontrollfunktion. Denn ich bin zwar stur, doch konsequent bin ich nicht“, gesteht Kaller.
Verzichte - aber blogge darüber
Die Wienerin ist mit ihrem Projekt nicht alleine. Ausgehend von der Konsumgroßmacht USA schwappte der Trend langsam auch auf Europa - und mit Verzögerung bis nach Österreich - über. In Deutschland schreiben derzeit zeitgleich zwei Frauen über ihre Shoppingdiäten. Kerstin (Modediät), Redakteurin in München, und Katrin (Shoppingdiät), PR-Beraterin, haben beide festgestellt, dass ihre Kleiderschränke überquellen und sich darin Dinge befinden, die - noch mit dem Preiszettel versehen -, nie angezogen werden.
Beide sind ausgesprochene Modeliebhaberinnen und beide mussten mittlerweile feststellen, dass es nicht immer einfach ist, den vielen Versuchungen zu widerstehen. Mitunter sind ihre Versuche, mit „Do it yourself“-Techniken alten T-Shirts wieder neues Leben einzuhauchen, auch ungewollt komisch. Aber beide haben auch Schlupflöcher in den Regeln eingebaut. Sollte wirklich mal etwas Essenzielles kaputtgehen, dann besteht immer noch die Chance, es sich von Freunden schenken zu lassen.
Wenn Sojasauce zum Luxus wird
Deutlich radikaler ist die US-Journalistin Judith Levine ihr Abstinenzprojekt angegangen. 2003 beschlossen sie und ihr Partner Paul, ein Jahr lang nur das Nötigste zu kaufen. Dazu gehörten Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber wo hört das Lebensnotwendige auf und wo fängt Luxus an? Ist Sojasauce unverzichtbar, und wie steht es mit Papiertaschentüchern? In dem Buch „No Shopping!“ dokumentiert Levine auf humorvolle aber auch nachdenkliche Art und Weise ihr Verzichtexperiment und wurde damit zu einer Vorreiterin für viele Nachahmer weltweit.

Verlag kiepenheuer
Buchhinweis
Judith Levine: No Shopping! Kiepenheuer, 301 Seiten, 20 Euro.
Vor so viel Konsequenz kann Kaller nur den Hut ziehen. Völlig auf das Kaufen verzichten kann und will sie auch gar nicht. Doch wie bei Levine interessiert auch sie sich für die Psychologie hinter dem Verlangen nach neuen Sachen und beschäftigt sich bewusst mit den Effekten, die sich nach einiger Zeit auch bei ihr automatisch einstellen. Auf der einen Seite gibt es natürlich praktische Probleme („vor allem wenn man eine Katze besitzt“) wie zerrissene Strumpfhosen, aber gleichzeitig sei ihr immer mehr bewusst geworden, wie viele Sachen man kaufe, die man gar nicht brauche.
34 Röcke - und nichts zum Anziehen
„Nur 20 Prozent des Inhalts eines Kleiderschrankes wird im Schnitt auch tatsächlich angezogen“, verweist Kaller auf das Pareto-Prinzip. Der italienische Soziologen Vilfredo Frederico Pareto fand heraus, dass 80 Prozent der Ergebnisse in 20 Prozent der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die 80-20-Regel wird mittlerweile auf viele andere Dinge im Alltag umgelegt. Daher stand zunächst eine Erhebung des „Istzustandes“ auf dem Programm. Zu ihrer großen Überraschung besitzt sie 34 Röcke, 30 Jacken und unzählige T-Shirts - und hat trotzdem immer wieder das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben.
Zwar ist sie überzeugt, dass sie nach dem Jahr wieder Kleidung kaufen wird, „aber es wird nicht mehr so sein wie zuvor“. "Man hinterfragt, woher die Ware kommt“, erklärt Kaller. Sie weiß jetzt schon, dass sie künftig mehr auf Qualität achten und nachhaltiger, ökologischer oder einfach „entschleunigt“ einkaufen wird. Dann müssen es nicht mehr drei Pullover sein, sondern nur noch einer - der ist dann aber der perfekte Pullover.
Gabi Greiner, ORF.at
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