Kilometerlange Fluchtgänge
Zwei Tage nach Erstürmung seiner Residenz in Tripolis durch Rebellen bleibt der langjährige libysche Diktator Muammar al-Gaddafi verschwunden. Kämpfer der Aufständischen durchkämmten am Donnerstag die ausgedehnten Bunkeranlagen unter der riesigen Militäranlage Bab al-Asisija, wie der arabische Fernsehsender al-Jazeera berichtete.
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Die verzweigten unterirdischen Gänge reichten bis zu 30 Kilometer aus der Hauptstadt Tripolis heraus, hieß es in dem Bericht. Der Reporter, der Rebellenverbände beim Vordringen in das Bunkersystem begleitet hatte, sprach von einem Labyrinth mit Kurven und Abzweigungen. Es sei nicht beleuchtet. In dem System gebe es auch klimatisierte Schlafräume.
Angst vor unterirdischem Hinterhalt
An anderer Stelle würden Gasmasken und Lebensmittelvorräte aufbewahrt, schilderte der Pressevertreter. Die Gänge seien so breit, dass auf ihnen auch Fahrzeuge fahren könnten. Für die Rebellen sei es nicht einfach, das System zu erkunden oder unter Kontrolle zu bringen. Die Aufständischen hätten Angst, dass Gaddafi-treue Soldaten sie in eine Falle oder einen unterirdischen Hinterhalt locken könnten.

AP/Francois Mori
Rebellenkämpfer in den Bunkern der Gaddafi-Familie
Ein Vertreter der Rebellen sagte gegenüber dem TV-Sender, dass Gaddafi-treue Kämpfer die Tunnel für die Flucht nutzten und dann überraschend in verschiedenen Gegenden der Hauptstadt wieder auftauchten. Die Rebellen hätten außerdem erst 80 Prozent des gesamten Militärkomplexes in Bab al-Asisija erobert, heißt es. Die Kämpfe dauerten weiter an.
„Entweder in Sebha oder an Grenze zu Algerien“
Nach Einschätzung des früheren libyschen Notenbankchefs Farhat Bengdara ist Gaddafi allerdings nicht mehr in Tripolis. Vielmehr sei der Diktator wohl schon vor längerer Zeit aus der Hauptstadt geflüchtet. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Er könnte entweder nach Sebha (südlich von Tripolis) geflohen sein, wo er eine logistische Basis hat, oder er ist auf dem Weg zur algerischen Grenze“, sagte Bengdara gegenüber der Mailänder Zeitung „Corriere della Sera“ (Donnerstag-Ausgabe).
Staatliche Goldreserven als Marschgepäck?
In der Nacht auf Mittwoch hatte Gaddafi in zwei Audiobotschaften gesagt, er wolle notfalls den „Märtyrertod“ sterben. Bengdara betont, Gaddafi verfüge über Goldreserven in Milliardenhöhe und könnte diese einsetzen wollen, um Chaos zu säen. Aus seiner Sicht könnte Gaddafi einen Teil des Goldes im Wert von insgesamt zehn Mrd. Dollar (knapp sieben Mrd. Euro) mit auf die Flucht genommen haben, auch um libysche Stämme und Milizen zu bestechen und für seinen Schutz zu gewinnen.
„Zuvor hat er allerdings verzweifelt versucht, das Gold zu verkaufen“, fügte Bengdara hinzu. Der Zentralbankchef war zu Beginn des Bürgerkrieges ins Ausland geflohen. Seine Thesen werden durch jüngste Aussagen des britischen Verteidigungsministers Liam Fox untermauert. Wie Fox am Donnerstag sagte, beteiligt sich die NATO inzwischen offensiv an der Suche nach Gaddafi - und vermutet ihn offenbar ebenfalls außerhalb der Hauptstadt.
NATO assistiert mit „Aufklärung“
Die NATO biete dem Nationalen Übergangsrat der Rebellen „Geheimdienstinformationen und Ausrüstung zur Aufklärung“, sagte Fox gegenüber dem Nachrichtensender Sky News. Ein Sprecher seines Ministeriums nannte in diesem Zusammenhang unter anderem Militärflugzeuge. Medienberichte über einen geheimen Einsatz von britischen Elitesoldaten in Libyen wollte der Sprecher nicht kommentieren.
Das Mandat des NATO-Einsatzes umfasst nur den Schutz der libyschen Zivilbevölkerung, völkerrechtlich bewegt sich die Allianz mit der Hilfe bei der Suche nach Gaddafi damit auf dünnem Eis - und umso mehr beim Einsatz von kämpfenden Bodentruppen. Nach Angaben der Zeitung „Daily Telegraph“ sind in Libyen allerdings bereits seit Wochen Angehörige der Eliteeinheit Special Air Service (SAS) im Einsatz.
Britische Elitetruppen als Tripolis-Kämpfer?
Unter Berufung auf Quellen aus dem britischen Verteidigungsministerium schrieb die Zeitung, die britischen Soldaten würden dabei ortsübliche Kleidung tragen und die gleichen Waffen benutzen wie die Rebellen. Sie hätten bei der Koordinierung der Kämpfe in der libyschen Hauptstadt Tripolis eine „Schlüsselrolle“ gespielt und den Auftrag erhalten, sich in erster Linie auf die Jagd nach Gaddafi zu konzentrieren.
Schon seit Beginn der Kämpfe gibt es Berichte über verdeckte Operationen von Eliteeinheiten der NATO-Staaten zur Unterstützung der Rebellen. Diese wollen offenbar außerdem Gaddafis engstes Umfeld mit einem Kopfgeld ködern: Auf seine Ergreifung wurde eine Belohnung von 1,7 Millionen Dollar ausgesetzt.
Offenbar steht Schlacht um Sirte bevor
In der Hauptstadt Tripolis kam es am Donnerstag weiter vereinzelt zu Gefechten. Es sei aber der ruhigste Tag, seit er Anfang der Woche dort eingetroffen sei, berichtete ein Reporter des britischen Rundfunksenders BBC. Al-Jazeera zitierte einen Rebellensprecher, die Aufständischen hätten den größten Teil der Stadt unter Kontrolle.
Auch in anderen Teilen des Landes kämpfen laut Berichten noch Gaddafi-Treue mit den Aufständischen. In der Umgebung von Gaddafis Heimatstadt Sirte würden sich Rebellenkämpfer auf ein mögliches Scheitern der Verhandlungen über einen friedliche Übergabe der Stadt vorbereiten, berichtete al-Jazeera. Dort dauerten Verhandlungen von Vertretern des Übergangsrates mit Gaddafi-nahen Stammesführern an, hieß es.
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