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Anleger und Urlauber bleiben aus

Ägyptens Wirtschaft stöhnt unter der Protestwelle gegen Präsident Hosni Mubarak: Anleger und Urlauber sorgen sich wegen einer Destabilisierung der Region, Analysten wegen einer Kapitalflucht. Das Wirtschaftswachstum von zuletzt sechs Prozent werde nicht zu halten sein, warnte Zentralbank-Gouverneur Faruk al-Okdah.

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Die Regierung bemühte sich, zu Beginn der neuen Arbeitswoche am Sonntag, das normale Leben wieder in Gang zu bringen. „Wir wollen, dass die Leute wieder zur Arbeit gehen und wieder Geld verdienen, und dass das Leben zur Normalität zurückkehrt“, sagte Armee-Kommandeur Hassan al-Roweni auf dem Tahrir-Platz in Kairo, dem Zentrum des Protests. Doch viele Demonstranten harrten aus. Gepeinigt von Armut, Repression und Korruption ist das „normale Leben“ für sie keine Option mehr.

Lange Schlangen vor Banken

Auf den Kreuzungen im Kairoer Finanzdistrikt standen gepanzerte Fahrzeuge. Beschäftigte von staatlichen Banken wurden in Bussen zu ihren Arbeitsstätten gefahren. Vor den Geldhäusern und ihren Bankomaten standen die Menschen Schlange. Bankmitarbeiter registrierten ihre Namen, um ein Chaos zu verhindern. „Wir müssen hier für etwas Ordnung sorgen“, sagte einer von ihnen, Metwali Scha’ban.

Die Leute hätten Angst, keinen Lohn bezahlt zu bekommen, und heben ihr Geld ab. Rund 340 Bankfilialen - davon 152 in Kairo - öffneten im ganzen Land wieder ihre Türen, allerdings nur bis zum frühen Nachmittag. „Seit 9.00 Uhr habe ich mehrere Banken im Zentrum abgeklappert“, sagte die 62-Jährige Soad Mohamed. „In jeder Bank haben sie mir gesagt, es sei geschlossen.“ Zudem verfügte die Regierung zum Abheben eine Obergrenze von 50.000 Pfund (etwa 6.300 Euro).

Ägypter stehen vor einem Bankomat Schlange

Reuters/Amr Dalsh

Vor Geldhäusern und ihren Bankomaten stehen Menschen Schlange.

Ausländische Investoren ziehen Kapital ab

Das ägyptische Pfund startete nach der einwöchigen Aussetzung des Devisenhandels schwächer in den Handel. Wegen der politischen Instabilität zogen ausländische und einheimische Investoren Kapital ab. Allein in den ersten 45 Minuten des Handels wurden mit etwa 400 Millionen Pfund (rund 50,4 Mio. Euro) so stark verkauft wie an einem normalen Tag vor der Krise, wie ein Händler sagte.

Die Zentralbank teilte mit, sie rechne in den kommenden ein bis zwei Wochen mit begrenzten Wechselkursschwankungen. Ägypten könne diese aber handhaben. Die Währung notierte zum US-Dollar mit 5,9300 Pfund. Vor den Unruhen hatte ein Dollar noch 5,855 Ägyptische Pfund gekostet.

Börse bleibt geschlossen

Ein Vertreter der Börse kündigte an, dass der Handelsplatz in Kairo auch am Dienstag geschlossen bleibt. Ursprünglich sollte sie am Montag wieder eröffnen. Die Entscheidung, wann der Handel wieder aufgenommen werde, sei abhängig von der aktuellen Entwicklung im Land. Die Börse in Kairo ist bereits seit mehr als einer Woche geschlossen.

Nach Angaben des Handelsministeriums brachen die Exporte wegen der Unruhen und der Ausgangssperre im Jänner um sechs Prozent ein.

Tourismus drohen schwere Einbußen

Auch die Tourismusindustrie würde unter der Krise sicher leiden, warnte Zentralbankgouverneur al-Okdah. Zwar war es in den Tourismuszentren am Roten Meer bisher vergleichsweise ruhig, doch viele Gäste buchten ihre Reisen um oder verließen vorzeitig das Land. Einer der größten Reiseveranstalter, TUI Travel, fürchtet Millionenverluste wegen der Unruhen. Die Einbußen könnten sich auf bis zu 30 Millionen Pfund (35 Mio. Euro) belaufen, warnte TUI-Travel-Chef Peter Long bei Vorlage der Quartalszahlen in London.

Leere Liegen an einem Strand in Ägypten

APA/EPA/Robin Utrecht

Leerer Strand in Scharm al-Scheich

Langfristig rechnete Michael Frenzel, Chef von TUI Deutschland, aber nicht mit Einbußen. „Die Anziehungskraft von Abu Simbel, Giseh, Karnak und dem Tal der Könige ist stärker als die Bilder kurzfristiger politischer Aufstände“, schrieb er in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“.

Entwicklung unvorhersehbar

Die längerfristigen Aussichten der Unruhen auf die ägyptische Wirtschaft lassen sich noch nicht abschätzen. Das Land hatte sich zuletzt zum Liebling vieler Investoren vor allem aus Afrika und dem Nahen Osten gemausert. An den Nil gelockt wurden die Anleger unter anderem von der Bereitschaft der Regierung zu Reformen im Finanzsektor und der wachsenden privaten Nachfrage. Die junge Bevölkerung Ägyptens hatte zudem Hoffnungen genährt, die Wirtschaft des Landes stehe vor einem kräftigem Wachstum.

Die Sawiris

Samih Sawiris, Sohn des christlich-koptischen Unternehmers Onsi Sawiris, ist Chef und Hauptaktionär des Immobilien- und Tourismuskonzerns Orascom Development, einem der größten börsennotierten Konzerne Ägyptens. Die Sawiris sind laut „Handelsblatt“ die reichste Familie Ägyptens.

Der Tourismusunternehmer Samih Sawiris, einer der reichsten ägyptischen Wirtschaftsführer, glaubt jedenfalls nicht an einen schnellen Abtritt von Präsident Hosni Mubarak. „Er wird bis Ende September herrschen, aber mit deutlich weniger Macht als früher“, sagte Sawiris dem „Handelsblatt“ (Montag-Ausgabe). Die „träge alte Clique braucht ja mehr Zeit als junge Menschen“, kommentierte der Unternehmer.

Der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei dringt darauf, erst in einem Jahr in Ägypten neu wählen zu lassen. Eine einjährige Übergangszeit mit einer „Übergangsregierung der nationalen Einheit“ sei nötig, um freie und faire Wahlen zu gewährleisten, sagte ElBaradei dem US-Fernsehsender CNN. Dem derzeitigen Regime die Aufsicht über Wahlen in den nächsten Monaten zu erlauben, würde zu einer „unechten Demokratie“ führen.

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