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„Politiker mit sieben Leben“

Als die spanische Volkspartei nach sieben Jahren an der Macht Anfang Juni durch einen Misstrauensantrag der Sozialisten wieder in die Opposition verbannt worden ist, ist Pedro Sanchez am Ende eines langen Weges gestanden. Der 46-Jährige hatte innerhalb weniger Monate die Höhen und Tiefen einer Parteikarriere erlebt.

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Im Juli 2014 war er als Überraschungskandidat zum Obmann der Sozialisten (PSOE) gewählt worden, um zwei Jahre später die schwerste Niederlage in der Geschichte der Arbeiterpartei einzufahren: Als Sanchez 1993 der Partei beitrat, feierte der damalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez einen Wahlsieg mit 9,1 Millionen Stimmen; 21 Jahre später, unter Sanchez, stimmten nur noch 5,4 Millionen sozialistisch.

Pedro Sanchez nach seiner Ernennung zum Obmann der Sozialisten (PSOE)

APA/AFP/Dani Pozo

Im Juli 2014 wurde Sanchez überraschend zum Obmann der spanischen Sozialisten gewählt

Der Volkswirt ließ sich nicht beirren und wollte die Partei neu aufstellen: nicht als Juniorpartner in einer Koalition mit den Konservativen und auch nicht als Gehilfe einer Minderheitsregierung. Er beharrte auf einem Nein zur Zusammenarbeit mit Mariano Rajoy und ließ sich nicht umstimmen. Ein Verhalten, das für die alte „Garde“ untragbar war und in einem Sonderparteitag mündete. Während die Anhänger Sanchez’ den von ihm geprägten Spruch „Nein ist Nein“ skandierten, musste er selbst nach stürmischer Vorstandssitzung am Abend des 1. Oktober 2016 die Parteizentrale durch die Tiefgarage verlassen - degradiert zum einfachen Parteimitglied.

Dialog für „neuen Weg“

Der Weg zurück an die Spitze führte ihn durch viele Provinzen: Im privaten Peugeot spulte der Vater von zwei Töchtern Tausende Kilometer herunter, um die „Basis“ zu treffen und im direkten Dialog für seinen „neuen Weg“ zu werben. Und das ohne Unterstützung durch den „Apparat“ und ohne Abgeordnetengehalt, auf das er gemeinsam mit seinem Mandat verzichtet hatte.

Archivbild vom 01. Oktober 2016: Obmann der Sozialisten (PSOE) Pedro Panchez verlässt nach seinem Rücktritt mit dem Auto die Parteizentrale

APA/AFP/Cesar Manso

Den Sonderparteitag im Oktober 2016 verließ Sanchez statt als Parteiobmann nur noch als einfaches Parteimitglied

Die „Financial Times“ nennt ihn „Politiker mit sieben Leben“, nachdem er für die neuerliche Obmannwahl genügend Unterstützer gefunden hatte und das Amt im Mai 2017 zurückeroberte. Zum festlichen Anlass stimmte Sanchez mit erhobener Faust im Kreis seiner Anhänger die „Internationale“ an.

Oppositionschef ohne Sitz im Parlament

Der Sohn eines hohen Beamten und einer Anwältin, der an einer Privatuniversität in El Escorial Wirtschaft studiert hatte, war jetzt zwar (wieder) Chef der großen Opposition, aber ohne Sitz im Parlament. Monate parlamentarischer Arbeit hinter den Kulissen erwarteten ihn, in denen die Sozialisten ohne ihren Chef im Parlament die Regierung Rajoys in ihrem Kampf gegen die Separatisten in Katalonien unterstützten, gleichzeitig auf den günstigsten Zeitpunkt lauerten, um den Kontrahenten zu stürzen.

Ein Korruptionsprozess gegen mehrere prominente Mitglieder der Volkspartei, der mit drakonischen Haftstrafen endete, bot Sanchez im Frühsommer die Gelegenheit. Die Empörung über Rajoy, der jegliche Beteiligung am Schwarzgeldskandal leugnete, war der Kitt, der die unterschiedlichen Fraktionen einte. „Es ging Sanchez gar nicht darum, Unterstützer für sein Programm zu finden“, sagt Parlamentsjournalist Miguel Angel Aguilar. „Es reichte ihm, jene Kräfte zu sammeln, die Rajoy stürzen wollten.“

Amtseid ohne Kruzifix und Bibel

Das Husarenstück gelang. Selbst die von Sanchez enttäuschten Separatisten Kataloniens unterstützten „seinen“ Misstrauensantrag. Ebenso die baskischen Nationalisten, die wenige Tage zuvor noch geholfen hatten, Rajoys Budget zu verabschieden. Der Volkswirt, von vielen unterschätzt und frühzeitig abgeschrieben, hatte sein Ziel erreicht; er war nicht durch Parlamentswahlen, sondern durch einen erfolgreichen Misstrauensantrag an die Macht gekommen.

Regierungschef Pedro Sanchez und Spaniens König Felipe

AP/Fernando Alvarado

Der 46-jährige Wirtschaftswissenschaftler verzichtete bei seiner Vereidigung auf eine Bibel

Als Sanchez am 2. Juni vor König Felipe VI seinen Amtseid ablegte, verzichtete der Atheist erstmals in der Geschichte auf Kruzifix und Bibel. Der einzige Haken am taktischen Meisterstück: Mit 84 Abgeordneten stellen die Sozialisten nicht einmal ein Viertel der Sitze im Parlament, was eine schwierige Amtsperiode ahnen lässt.

Der Freitag wird zum Schlüsseltag: Für zwei wichtige Abstimmungen haben katalanische Separatisten, deren Stimmen für eine Mehrheit unabdingbar sind, mit Enthaltung oder Ablehnung gedroht. Die konservative Opposition spürt Aufwind und sagte Sanchez’ Minderheitsregierung ein „kurzes Leben“ voraus.

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