Themenüberblick

„Wir sind die neuen Franziskaner“

Von einer polternden Protestpartei zur Regierungskraft: Seit ihrer Gründung 2009 wirbelt die Fünf-Sterne-Bewegung die italienische Politik auf. Keine andere politische Gruppierung kann auf einen derart steilen Aufstieg zurückblicken. Jetzt muss die Bewegung auch zeigen, ob sie regierungsfähig ist.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die Fünf-Sterne-Bewegung hat ihren Traum verwirklicht: Mit der rechten Lega hat sie Europas erste komplett europakritische Regierung auf die Beine gestellt. „Heute ist ein historischer Tag. Die Regierung des Wechsels kann ihren Kurs aufnehmen“, feierte Fünf-Sterne-Chef Luigi Di Maio die Fixierung der neuen Regierungsmannschaft um den Rechtsprofessor Giuseppe Conte.

Seit 2009 wirbelt die von Starkomiker Beppe Grillo gegründete Gruppierung Italiens Parteienlandschaft auf. Ob sie jetzt auch imstande sein wird, ihr ehrgeiziges und zum Teil visionäres Regierungsprogramm zu realisieren, werden die nächsten Monate zeigen.

Bewegung seit 2007

2007 hatte Grillo begonnen, sich mit Politik zu beschäftigen. Seinen ersten politischen Auftritt hatte er in Bologna, mit einer von ihm einberufenen Großkundgebung, dem „Vaffa-Day“ - zu Deutsch: „Leck-mich-Tag“. Zehntausende strömten zur nationalen Protestkundgebung gegen die Traditionsparteien. Vor allem junge, enttäuschte Wähler aus der Linken zählten zu Grillos ersten Anhängern.

Starkomiker und Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo

AP/ANSA/Claudio Peri

Der Komiker Beppe Grillo brachte die Fünf-Sterne-Bewegung auf den Weg

Aber auch im Reservoir der vom damaligen Premier Silvio Berlusconi enttäuschten Wähler konnte Grillo mit seinen Slogans gegen Korruption, Verschwendung in der Politik und den „Technokraten“ in Brüssel fischen. Seine Forderung nach einer Mindestsicherung und ökologischen Wende kam bei der Wählerschaft gut an.

Kommunikation über Blogs

Aus diesem Milieu bastelte er sich ab 2009 die Basis seiner Gruppierung, die am 4. Oktober, Tag des italienischen Nationalheiligen und Schutzpatrons Franz von Assisi, entstand. „Wir sind die neuen Franziskaner: Franz von Assisi war ein umweltbewusster, tierliebender Heiliger, der mit seinem Orden ohne Geld innovative Impulse für die Erneuerung der Kirche gegeben hat. Wir wollen die Erneuerung der italienischen Politik“, schrieb Grillo auf seinem Blog.

Die Bewegung hat keinen Parteisitz, die Anhänger kommunizieren über Blogs. Sie verdankt ihren Erfolg ausschließlich dem Internet, wo Grillos Botschaften verbreitet werden und riesigen Erfolg ernten. Am liebsten hält er per Twitter Kontakt zu seinen Anhängern. Im krisengeplagten, parteiverdrossenen Italien blieben die Erfolge nicht aus: Im Frühjahr 2012 eroberten die „Grillini“ genannten Anhänger des Bloggers mit Parma das erste Rathaus einer Großstadt. Dann kamen sie bei den Regionalwahlen in Sizilien auf 15 Prozent. Bei den Parlamentswahlen 2013 schnitten sie mit 25 Prozent als stärkste Einzelpartei ab, blieben jedoch in Opposition.

Roms Bürgermeisterin in Kritik

Inzwischen haben die „Grillini“ in mehreren Städten Erfahrung mit der lokalen Administration gesammelt, keineswegs immer mit Erfolg. Im Juni 2016 wurde die bis dahin unbekannte Fünf-Sterne-Aktivistin Virginia Raggi als erste Frau zu Roms Bürgermeisterin gewählt, ihre Kollegin Chiara Appendino wurde die Stadtchefin Turins. Die Administration der beiden Frauen wird allerdings immer wieder heftig kritisiert. Den Fünf-Sterne-Lokalpolitikerinnen, für die Transparenz und Ehrlichkeit höchstes Gebot ist, werden Inkompetenz und Unerfahrenheit vorgeworfen.

Stärkste Einzelpartei bei Parlamentswahl

Bei den Parlamentswahlen am 4. März behauptete sich die Gruppierung unter der Führung des Fünf-Sterne-Spitzenkandidaten Luigi Di Maio mit 32 Prozent als stärkste Einzelpartei. „Die Phase des Protests ist zu Ende“, lautet Grillos Credo. Jetzt will die Fünf-Sterne-Bewegung Regierungsverantwortung übernehmen.

Der 31-jährige Di Maio ist zwar nicht, wie Grillo erträumte, zum Premier in der neuen Regierung mit der Lega aufgerückt, er soll jedoch das Amt des Vizepremiers und Arbeitsministers übernehmen. In dieser Rolle wird er versuchen, ein Kernelement des Fünf-Sterne-Programms umzusetzen: die Einführung einer Mindestsicherung von 780 Euro für alle Arbeitslosen.

„Basisdemokratie per Internet“

Der Kampf gegen die Privilegien der Politiker und gegen Steuerhinterziehung sowie der Einsatz für Umweltschutz und Innovation sind weitere Hauptanliegen der Bewegung, die ein flexibles System aufgebaut hat. Die alten Parteien und ihre organisatorischen Systeme seien überholt. Für Grillo ist die „Basisdemokratie per Internet“ die Zukunft.

Das Fünf-Sterne-Credo basiere auf keiner starren Ideologie, sondern auf einer Mischung aus Umweltpolitik, wirtschaftlichem Liberalismus, sozialer Verantwortung und Kritik an etablierten Machtlobbys. Rechts und links seien „längst überholte Begriffe“, argumentiert die Bewegung. Entscheidend sei vielmehr, konkrete Probleme anzugehen und sie vernünftig zu lösen.

Kostspieliges Wirtschaftsprogramm

Die Schwerpunkte des Fünf Sterne-Wahlprogramms wurden in einen Koalitionsvertrag mit der Lega eingegliedert, den die Grillo-Bewegung jetzt als Regierungspartei umsetzen muss. Ob sie dazu imstande sein und ob die Allianz mit der rechten Lega halten wird, ist eine offene Frage. Fest steht, dass Italien zu einem politischen Labor wird, auf das ganz Europa mit Bangen blickt.

Das Wirtschaftsprogramm der neuen Regierung gilt als besonders kostspielig, die Gefahr, dass das von einem riesigen Schuldenberg geplagte Italien mit weiteren Ausgaben seine Situation noch mehr verschlechtert, ist konkret. Das „ungleiche Paar“, wie italienische Medien Di Maio und Lega-Chef Matteo Salvini bezeichnen, steht vor einer großen Verantwortung. Von ihren Beschlüssen hängt das Geschick Italiens und das von Europa ab.

Micaela Taroni, APA

Link: