Die meisten sind zu schnell unterwegs
80 oder 100 statt 130 km/h auf der Autobahn gilt bei Autofahrern immer als besonderes Ärgernis. Dabei spricht alles für eine Senkung bzw. Vereinheitlichung der Geschwindigkeitslimits: 70 bis 80 km/h ist laut Verkehrsexperten die optimale Geschwindigkeit, wenn es um Effizienz, Sicherheit und Abgasbelastung geht.
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Hintergrund ist der Luftwiderstand eines Autos, der mit zunehmender Geschwindigkeit, und besonders stark ab 80 km/h, überproportional steigt, so Günther Lichtblau vom Umweltbundesamt gegenüber ORF.at. Je höher der Widerstand, desto mehr muss der Motor leisten - und damit steigen Verbrauch und Emissionen. Bei Tempo 80 sinkt im Vergleich zu Tempo 100 der Ausstoß von Stickoxiden um 15 Prozent und der Kraftstoffverbrauch um fünf Prozent - zusätzlich fällt der Lärmpegel um zwei Dezibel. Das entspricht einer empfundenen Reduktion des Pkw-Aufkommens von rund einen Drittel.
Im Vergleich zu Tempo 130 stößt ein Pkw bei Tempo 100 rund ein Fünftel weniger Stickoxide und rund ein Zehntel weniger Feinstaub aus. Auch die CO2-Emissionen und der Treibstoffverbrauch sinken im Vergleich zwischen Tempo 100 und Tempo 130 um rund zehn Prozent. Bei Tempo 140 steigt der Stickoxidausstoß im Vergleich zu 130 km/h hingegen entsprechend um 16 Prozent, Feinstaub um rund 18 und CO2 um rund zehn Prozent an.

ORF.at/Roland Winkler
Tempo 80, gerade auf freien Strecken, ist für viele Autofahrer ein rotes Tuch
Gleichmäßiger Verkehr am besten
Gleichmäßige und störungsfreie Verkehrsflüsse sind Voraussetzung für eine möglichst niedrige Emissionsbelastung - bei 80 km/h ist auch der Autodurchsatz auf einer Straße, also wie viele Autos in einer bestimmten Zeit einen Abschnitt passieren können, und damit die Effizienz am größten. Ist der Geschwindigkeitsunterschied zwischen einzelnen Verkehrsteilnehmern wie Pkws und Lkws zu groß, müssen schnellere Verkehrsteilnehmer abbremsen und dann wieder beschleunigen, um auf die erlaubte bzw. gewünschte Geschwindigkeit zu kommen. Beschleunigungen sorgen aber wieder für mehr Verbrauch und höhere Emissionen sowie zusätzliche Lärmbelastung.
Auch in der Stadt, wo über Tempo 50 vs. Tempo 30 debattiert wird, ist laut Experten ein gleichmäßiger Verkehr das beste Mittel, um Emissionen möglichst gering zu halten. Niedrigere Geschwindigkeiten senken zudem das Unfall- und Todesrisiko im Straßenverkehr, besonders in der Stadt, wo es mit Abstand die meisten Unfälle gibt. Bei einem Zusammenstoß mit einem Pkw bei 50 km/h sterben vier von zehn Fußgängern, bei 60 km/h sterben sechs von zehn Fußgängern, zeigen internationale Studien laut dem Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV).
Debatte geht bereits in Richtung 100 km/h
In vielen Ländern gehe die Debatte über Geschwindigkeitslimits für Autobahnen derzeit bereits Richtung 100 km/h und für Landstraßen Richtung 80, so Lichtblau, auch wenn die Grenzwerte in den meisten europäischen Ländern aktuell bei 130 km/h für Autobahnen und 100 km/h für Landstraßen liegen. Dabei sei der oftmals argumentierte Zeitverlust durch strenge Tempolimits eigentlich vernachlässigbar: Bei freier Fahrtstrecke betrage der Unterschied zwischen 80 und 100 km/h auf 20 Kilometer rechnerisch drei Minuten.

Grafik: ORF.at; Quelle: Umweltbundesamt
Wer statt 120 km/h auf 100 Kilometer nur 100 km/h fährt, verliert zehn Minuten. Laut VCÖ legen Österreichs Autofahrer im Schnitt pro Tag 34 Kilometer zurück, im gesamten Jahr laut IMAS-Umfrage rund 14.000. Bei höheren Tempolimits würde die aktuelle Durchschnittsgeschwindigkeit von 117 km/h auf heimischen Autobahnen nicht deutlich steigen, denn es würde auch mehr Störungen geben, durch Fahrzeuge, die eben nicht so schnell fahren können - oder wollen, so Lichtblau.
„Die meisten Maßnahmen im Verkehrsbereich werden kontroversiell diskutiert“, meint Lichtblau über die anhaltenden Widerstände gegen Tempolimits. Dabei seien Tempolimits im Vergleich ein gelindes Mittel, um bestimmte Ziele wie geringere Emissionen erreichen. Die Reduktion der Geschwindigkeit auf der Autobahn im Salzburger Stadtgebiet von 100 auf 80 km/h habe so viel Stickoxid eingespart wie eine zweimonatige Komplettsperre, rechnet er vor.
„Signal in die falsche Richtung“
„Aus Umweltsicht sind höhere Tempolimits ein Signal in die falsche Richtung“, so der Verkehrsexperte des Umweltbundesamts über die von Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) initiierten Tests von 140 km/h auf bestimmten Autobahnstrecken. Auch wenn je nach lokaler Gegebenheiten die Luftgüte nicht über Grenzwertniveau belastet werde, der Treibhausgasausstoß steige damit auf jeden Fall.
Österreich habe aber bereits für die Erreichung der Ziele des Kyoto-Protokolls Zertifikate aus dem Ausland zukaufen müssen, und die kommenden Klimaziele seien noch anspruchsvoller - und das vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen 25 Jahren durch steigenden Verkehr und dem Trend zu leistungsstarken und wenig effizienten Autos wie SUVs der Treibhausgasausstoß bereits um 60 Prozent gewachsen sei.
Österreich selbst habe sich in der integrierten Klima- und Energiestrategie mit einer Senkung der Treibhausgasemissionen von 36 Prozent von 2005 bis 2030 hohe Ziele gesetzt. Dazu brauche es zusätzliche wirksame Maßnahmen. Laut Umweltbundesamt ist der Verkehr in Österreich zudem der größte Verursacher von Stickoxiden und Emissionen, Pkws und Lkws sind damit Hauptverursacher für Überschreitungen von Immissionsgrenzwerten für Stickstoffdioxid.
Schnellfahren muss unattraktiv werden
Dass es bei den Autofahrern einen gewissen Unwillen zu niedrigeren Geschwindigkeiten gibt, ist laut Lichtblau durchaus nachvollziehbar. Denn aktuell würden viele Straßen für eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h ausgebaut und dabei antizipiert, dass auch 140 bis 150 km/h gefahren wird. Es brauchte ein entsprechendes Umfeld, damit Autofahrer langsamer fahren, wie schmälere Spuren oder Strecken, die eben nicht für 130 km/h konzipiert sind.
Laut Statistik Austria sind 30 Prozent der Pkws auf Autobahnen zu schnell unterwegs, auf Freilandstraßen halten sich rund 40 Prozent der Autofahrer nicht an Tempo 70 und über 30 Prozent nicht an Tempo 100. Im Ortsgebiet überschreiten fast 70 Prozent das vorgeschriebene Tempo 30 und 38 Prozent Tempo 50. Überhöhte Geschwindigkeit ist die zweithäufigste Unfallursache in Österreich. Mehr als ein Viertel aller Unfälle mit Todesfolge sind auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen.
„Fleischgewordene Autoverbundenheit“
Verkehrspsychologe Ralf Risser vom Forschungsinstitut Factum sieht noch einen weiteren Faktor: „In Österreich herrscht die fleischgewordene Autoverbundenheit.“ Die Menschen hätten über Jahrzehnte gelernt, dass das Auto das Maß aller Dinge und ein Recht und Anspruch der Fleißigen sei. Tempolimits würden als Einschränkungen und entsprechende Strafen als reines Abkassieren empfunden. Dabei ist laut Statistik gerade Österreich im EU-Vergleich bei Strafen wegen Geschwindigkeitsübertretungen eines der billigsten Länder mit hohen Toleranzgrenzen - mit dem Effekt, dass Tempolimits eher missachtet werden.
Wer davon überzeugt sei, dass es „Freie Fahrt für freie Bürger“ gebe, sei mit Fakten wie den steigenden Abgasemissionen oder höheren Unfall- und Todesraten nicht so einfach zu bekehren. Hier sei die Politik gefordert, entsprechend überzeugend aufzutreten und unerlässlich auf die Fakten hinzuweisen, sagt Risser. Das oftmals vorgebrachte Argument, dass der heimische Wähler derartige Einschränkungen übelnehme, sei zumindest empirisch so nicht belegbar. Beispiele aus anderen Ländern wie der Schweiz würden zeigen, dass es durchaus hohe Akzeptanz für strenge Limits und hohe Strafen geben könne.

ORF.at/Dominique Hammer
Auch im Stadtgebiet werden laut Verkehrsexperten noch immer zu viele Wege mit dem Auto zurückgelegt
„Einfach durchziehen“
„Man muss es einfach durchziehen“, sagt Risser und verweist auf die hitzigen Debatten bei der Einführung der Gurtenpflicht. Zwei Monate nach der Einführung inklusive entsprechender Begleitmaßnahmen sei das schlicht kein Thema mehr gewesen. Die heutige Politik reagiere im vorauseilenden Gehorsam und der Angst, dass sie die Überzeugungsarbeit nicht schaffe. Stattdessen werde derzeit das Signal gesendet, dass Abgasemissionen und Umweltverschmutzung kein Problem seien.
Wenn allerdings die Politik nicht entsprechend auftrete und sich der Debatte stelle, dann werde sich auch nichts ändern. „Man muss die Argumente durchbringen und laufend neue Gesichtspunkte finden und immer wieder auf die Fakten verweisen“, so Risser, nicht nur in Bezug auf den Klimawandel, sondern dass durch die andauernde Nutzung von Autos für kleinste Strecken die Menschen und gerade Kinder mangels Bewegung zunehmend verfetten. Man müsse immer Vorteile und Gewinn dem Verlust gegenüberstellen - nicht nur für Einzelne, sondern für alle.
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