Auch Unterlegene mischen mit
La France - „en marche“ oder „insoumise“? Ob Frankreich „in Bewegung“ oder „im Aufstand“ ist, diese Frage dürften sich zurzeit so manche Berater von Emmanuel Macron gerade vor dem TV-Duell Mittwochabend mit Stirnrunzeln stellen. Der erwartete klare Sieger im Stichwahlduell am Sonntag sieht sich nicht nur einer Marine Le Pen gegenüber, die zuletzt Boden gutmachte. Macron hat ein gewichtigeres Problem: das große Lager des linkswiderborstigen Jean-Luc Melenchon, das ungültig wählen oder der Wahl fernbleiben wird.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Eine Stimmung der Ablehnung oder der Gleichgültigkeit könnte Macron noch den erhofften wichtigen Vorsprung auf seine Herausforderin vom rechtsextremen Front National (FN) kosten. Le Pen nur knapp zu schlagen würde kein Signal des Aufbruchs bedeuten, schon gar nicht für die Parlamentswahl im Juni, bei welcher der neu gewählte Präsident am besten auch eine Mehrheit in der Assemble nationale hinter sich vereinen sollte, um nicht mit einer schwierigen Cohabitation zu starten, einer Zusammenarbeit mit einem Premier aus einem anderen politischen Lager - ein Umstand, den Staatschefs wie Francois Mitterrand und Jacques Chirac nur aus der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit kannten.
„Zwischen Pest und Cholera“?
Als Wahl zwischen „Pest und Cholera“ bezeichnet man im Lager von Melenchon, der bei der Abstimmung im April nur zwei Prozent weniger erhielt als Le Pen, die Ausgangslage in der Stichwahl. Dass man sich mit dieser Haltung viel Kritik einhandeln kann, ficht Melenchon nicht an. Auch am symbolisch wichtigen 1. Mai zeigte er sich gerührt auf der Straße, ließ sich aber zu keiner Wahlempfehlung für Macron hinreißen.
Stattdessen veröffentlichte seine Bewegung „eigene Umfragen“, die die Haltung des Spitzenkandidaten bestätigen sollten: Danach erklärten mehr Befragte, bei der Wahl bewusst „weiß“ bzw. ungültig wählen zu wollen, statt für Macron zu stimmen: 36 Prozent seien für eine „weiße“ oder ungültige Stimme, 29 Prozent würden gar nicht zur Wahl gehen, und nur 35 Prozent würde für Macron stimmen.
Das Bild sinkender Zustimmung für Macron garnierte der TV-Sender BFM am Dienstag mit einer eigenen, gemeinsam mit dem Magazin „L’Express“ durchgeführten Umfrage, die das Duell Macron - Le Pen mit 59:41 bewertete, also einen leichten Zugewinn für Le Pen konstatierte. Beinahe jedes Medium wirft in diesen Stunden mit „Sondages“ herum, die letztlich immer eine Unbekannte ausleuchten wollen: Wie stabil sind die Lager in dieser Stichwahl noch? France Info wusste immerhin zu berichten, dass „neun von zehn“ Personen, die in der ersten Runde Macron oder Le Pen wählten, ihnen auch in der Stichwahl die Stimme geben würden. Insofern haben beide Kandidaten ihre Lager im Griff.
Die Wahlgewinner auf Gemeindeebene
Le Pen und die Fillon-Rede
Macron bescheinigt man immer noch, viel mehr von anderen Kandidaten holen zu können als Le Pen, die sich so sehr um das unterlegene Fillon-Lager bemüht, dass sie in Auftritten sogar Passagen des unterlegenen Konservativen kopiert. Eingetragen hat ihr das aber vor allem die Aufmerksamkeit der in Frankreich nicht gerade wenigen Satiremedien.
Das TV-Duell wird jedenfalls die große Szene der Analysten auf den Plan rufen, die bis zur letzten Minute ein (noch) nicht entschiedenes Rennen kommentieren werden. Außerhalb von Paris, etwa in den kleineren Kommunen des Landes, kommt der Wahlkampf bestenfalls schaumgebremst an. Hier warten ohnedies viele darauf, dass der schon unter Präsident Francois Hollande ausgerufene Wirtschaftsaufschwung endlich nicht nur den Top-Ten-Städten des Landes, sondern auch den kleineren Kommunen zugutekommt.
Eine Stichwahl und ein Achselzucken
Ein Lokalaugenschein in einst wohlhabenden 100.000-Einwohner-Kommunen, etwa der zuletzt durch Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ wieder in den Fokus gerückten Stadt Reims in der Champagne, beweist: Auch in den wohlhabenderen Gemeinden ist der soziale Riss in den Zentren angekommen - immer mehr bürgerliche Wohnungen und Häuser werden wenn schon nicht zum Verkauf, so „zu mieten“ angepriesen.
Hier in Reims hat man sich in der ersten Runde mehrheitlich für Macron entschieden. Es handelt sich um eine Gegend, in der in den bürgerlichen Zonen die Neogaullisten den Ton angaben. In den Vorstädten mag man, wie Eribon schreibt, früher etabliert links (also sozialistisch oder kommunistisch) gewählt haben. Diese Stimmen machten einander nun die Lager von Le Pen und Melenchon streitig. Dennoch: Den Ausgang dieser Wahl erlebt man schon vor den Toren von Paris mit einigem Phlegma. Änderungen sollten wenn wirtschaftlich spürbar ankommen.
Wie objektiv sind Umfragen und Bilder?
Bemerkenswert an dieser Wahl bleibt, wie stark die einzelnen Lager in dieser Wahlentscheidung mitmischen. Das hat mitnichten nur mit einem Wahlkampf zu tun, bei dem alle Gruppierungen und Kandidatinnen auf Soziale Netzwerke setzen. Macron etwa lässt jeden seiner Auftritte penibel mitfilmen und bietet sie auch live an. Und wenn überregionale TV-Sender die Bilder „vom Kandidaten zur Verfügung gestellt“ für eine halbe Stunde über den Äther treiben, dann braucht man jedenfalls keine Mediendebatte über „Fake News in den Sozialen Medien“ zu führen - nicht weil seine Bilder „falsch“ sind, sondern weil der objektive Blick von außen auf das Geschehen für diese Form von Dabeisein abhandengekommen ist. Gleiches gilt für die Darstellung von Umfragen, die aus dem Lager einer bestimmten Gruppierung kommen.
Im Wettrennen der „Sondages“ bleibt das auf der Strecke, was man nicht als „Wahrheit“, zumindest aber als einschätzbare Bilder der Realität bezeichnen würde. Am Sonntagabend zählen dann ohnedies nur die harten Fakten.
Links:
Gerald Heidegger, ORF.at, aus Reims