Themenüberblick

„Anschluss an Kelomat nicht gefunden“

Vor etwa 60 Jahren hat man den afrikanischen Kontinent „entdeckt“ - in Österreich und im österreichischen Fernsehen. Ein Rückblick auf die damalige Veränderung der Afrikabilder.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„Fernsehen, das ist die neue, freie, Zweite Republik“, so formulierte es der ehemalige ORF-Journalist Alfred Payrleitner 1988 in der Rückschau. Im Jahr 1955 hatte das neue Medium seinen Betrieb aufgenommen, und das „Neue“ und „Freie“, wie es Payrleitner leicht pathosbehaftet nannte, sollte sich dort zukünftig nicht nur in Form von Diskussionssendungen und postfaschistischen „österreichischen“ Identifikationsangeboten ausdrücken - unter dem Motto: Burgtheater, staatliche Industrie und Fußballnationalmannschaft.

Fernsehen 1960

Paula Pfoser

Die intensivere Berichterstattung begann mit der Unabhängigkeit Ghanas

Neu und anders sollte damals auch der Blick auf die Welt werden. „Erziehung zum globalen Gemeinschaftsgefühl“ lautete die konzeptuelle Devise, und gemeint war damit auch ein frischer Blick auf Afrika.

Solipsismus der Nachkriegszeit

Noch kurze Zeit vorher hatte alles anders ausgesehen. In der Besatzungszeit war für die meisten das, was sich außerhalb der nationalen Grenzen, auf dem gedanklich weit entfernten Kontinent abspielte, kein Thema. Afrika, das war vor allem Projektionsfläche, für Verklärung genauso wie für kolonialrassistische Klischees.

Man erinnert sich vielleicht an die Nippes-Figuren mit den angeblich authentischen Baströckchen, an die „Kulturfilme“, die „Afrika-Abenteuer“-Romane und die Kinderbücher der 50er Jahre. Allesamt mit wenig aufklärerischem Potenzial, stattdessen aber mit gängigen Stereotypen im Gepäck, die Afrika auf der Zivilisationsleiter ganz nach unten rückten.

Fernsehen 1960

Paula Pfoser

Nicht boshaft rassistisch, sehr wohl jedoch paternalistisch-kolonialistisch

Dass dieses Bild ab Mitte der 50er schließlich ein Stück weit ins Wanken geriet, hatte mehrere Gründe. Zum einen innerösterreichische, mit dem Besatzungsende und der darauf folgenden nationalen Souveränität, den wachsenden wirtschaftlichen Interessen und Österreichs Beitritt zu internationalen Organisationen. Zum anderen war es die Dekolonisation Afrikas, die maßgeblich dazu beitrug, dass der bisher vor allem fantasierte Kontinent stärker - und nicht zuletzt: realer - ins österreichische Blickfeld katapultiert wurde.

Die Afrikaberichterstattung - ein Improvisationsakt

März 1957: Vor genau 60 Jahren startete die TV-Nachrichtenberichterstattung aus dem subsaharischen Afrika mit einem Bericht über die Unabhängigkeit Ghanas, des ersten Landes dieser Weltregion. Es folgten viele weitere, zwar keine langen Reportagen, aber immerhin eine Vielzahl an Zwei- oder Dreiminütern.

Buchhinweis

Paula Pfoser: Bilder der Dekolonisation. Repräsentationen Afrikas im frühen österreichischen TV. Zaglossus Verlag, Wien, 19,95 Euro.

Wie es überhaupt dazu kam? Zugrunde lag den Nachrichtenbeiträgen ein Vertrag mit der amerikanischen Nachrichtenagentur UPI, die 16-mm-Filme per Flugzeug über Paris nach Wien Schwechat schickte. In der Regel kam das Material mit drei bis vier Tagen Verspätung in Österreich an, beschriftet allein mit den Notizen des Kameramanns.

Fernsehen 1960

Paula Pfoser

Zwischen Exotismus und Ahnungslosigkeit

Um passende Texte dazu zu schreiben, griffen die ORF-Redakteure dann auf Agenturmeldungen zurück, die damals allerdings nicht kompakt und übersichtlich zur Verfügung standen, sondern als meterlange Papierstreifen aus dem Fernschreiber schossen. Die ORF-Afrika-Berichterstattung war also eher ein Improvisationsakt, Fehler waren quasi programmiert, die Distanz zu den Entwicklungen in Afrika entsprechend groß.

„Das Jahr des schwarzen Mannes“

Euphorie gab es bisweilen trotzdem: Als 1960 gleich 17 afrikanische Länder unabhängig wurden - vom Senegal über Madagaskar, von den britischen Kolonien Nigeria und Somaliland über die Republik Kongo -, widmete der ORF dieser rasanten Entwicklung sogar den ersten Beitrag des Jahresrückblicks von 1960; ein einzigartiger, weil von der ORF-Redaktion selbst inszenierter Clip, der den Titel trug: „Das Jahr des schwarzen Mannes“.

Zum Ausdruck kam in dieser knappen Formel ein neues Verständnis Afrikas, ein neues Zuerkennen von Handlungs- und Gestaltungsmacht gegenüber dem lange verkannten, verklärten, ins Passive, Ursprüngliche und Zeitlose verwiesenen Kontinent.

Dieses Bild spiegelte sich auch im Großteil der übrigen Berichterstattung wider: Unabhängigkeitsfeiern und Staatsbesuche, Fabriks- und Hafeneröffnungen, Hochhausarchitektur und freundschaftliches Händeschütteln, Beschleunigungsmetaphern und Zukunftsoptimismus. Der Unterschied zu den vorher dominanten Darstellungen war beträchtlich: Das ORF-Afrika, es wirkte vermeintlich nachvollziehbarer, machtvoller oder ‚selbstständiger‘, mitten im Aufbruch, im Aufbau, oder, wie damals das vielbemühte Schlagwort der spätkolonialen Phase lautete, im Prozess der Modernisierung.

Neue Bilder, alte Hierarchien

Und doch hielt sich, bei aller zur Schau getragenen Partnerschaftlichkeit, hartnäckig der Paternalismus. Am 12. Jänner 1960 etwa sendete der ORF einen Beitrag zur Hafenstadt Tema, einer „aufstrebenden“ ghanaischen Stadt, allerdings, wie der ORF es formulierte, mit einem „Modernitätsdefizit“: Die Verkäufer auf dem Markt würden vor allem fertige Speisen verkaufen, sie hätten „den Anschluss an den Dampf-Druckkochtopf ... noch nicht gefunden“. Der Kelomat war in Österreich gerade populär geworden. Hier wird er zum kuriosen, letztlich provinziellen Marker für den angeblichen zivilisatorischen Fortschritt, dem Afrika weiterhin hinterherhinkt.

Fernsehen 1960

Paula Pfoser

Nachrichten aus Ländern, die noch keinen Kelomat kennen

Und dennoch: Das ORF-Afrika-Bild der späten 50er und 60er Jahre war überraschend vollgepackt mit positiven Eindrücken. Eine Färbung, die allerdings schon wenige Jahre später von einem sogenannten Afropessimismus abgelöst wurde, der Vorstellung Afrikas als Kontinent der Krisen, Konflikte und des Chaos. Sie sollte das Afrika-Bild dann für die nächsten Jahrzehnte prägen.

Link: