Attacken und Aufzeigen von Schwächen
Das erste von insgesamt drei TV-Duellen der beiden US-Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump war ein über weite Strecken offenes Kräftemessen, in dem beide ihre Stärken zeigen konnten.
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Vor allem der demokratischen Kandidatin gelang es mehrmals, ihren republikanischen Kontrahenten aus der Reserve zu locken. Doch Trump schaffte es durchaus, sich seriöser und zurückhaltender zu präsentieren als bisher im Wahlkampf. Clinton bemühte sich immer wieder, Trump zu provozieren, und das gelang ihr auch häufig.
Gebremstes Temperament
Oft widersprach Trump Aussagen Clintons, unterbrach sie und sprach deutlich lauter. Trump konnte sich allerdings direkte Beleidigungen verkneifen. Beide erwiesen sich als schlagfertig. Clinton ließ ganz klar ihre langjährige politische Erfahrung erkennen und kontrastierte diese ganz bewusst mit Trumps Unerfahrenheit.

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Das Drehbuch sieht freundliches Händeschütteln vor und nach der Debatte vor
Beide konnten mit ihren Auftritten wohl ihre eigenen Unterstützer überzeugen. Sowohl Trump als auch Clinton gelang es, ihre zentralen Botschaften zu vermitteln. Offen bleibt freilich, ob einer der beiden bei den noch unentschlossenen Wählern stärker punkten konnte. Clinton sprach diese Wählergruppe mehrmals direkt an - insbesondere die mittlerweile altersmäßig größte Gruppe der „Millennials“ (20- bis 35-Jährige).
„Besserer Charakter“
Die ehemalige Außenministerin sprach Trump durchgehend mit „Donald“ an, Trump nannte sie „Frau Außenministerin“ - beides wohl mit Kalkül. Trump betonte gegen Ende der Debatte: „Ich habe eine bessere Urteilskraft und einen besseren Charakter. Ich bin ein Gewinnertyp.“ Clintons kurze, ironische Reaktion: „Wow!“ Etwas später legte die Demokratin nach: „Ein Mann, der durch einen Tweet provoziert werden kann, sollte seinen Finger nirgendwo in der Nähe des roten Knopfs haben.“ Beide zeigten die Schwächen des Gegenübers auf - Clinton war damit in der ersten Debatte wohl erfolgreicher als Trump, der vor allem zu Beginn deutlich nervöser wirkte als sie.
Clinton setzt Trump unter Druck
Die Debatte begann mit einem der umstrittensten Themen - wie die Kandidaten Wohlstand in den USA und mehr Jobs schaffen und die Einkommen erhöhen wollen. Clinton war als Erste an der Reihe und wiederholte die wichtigsten Punkte ihres Wirtschaftsprogramms, darunter eine Erhöhung des Mindestlohns. Trump betonte ebenfalls, was er im Wahlkampf immer wieder sagte: dass China und Mexiko den USA die Arbeitsplätze wegnähmen.
Nach den Eingangsstatements attackierte Clinton ihren Kontrahenten sofort: Trump wolle die Steuern für die Reichen radikal senken, das sei ein „Trumped up trickle down“-Programm - also eine Trump-Version jener konservativen Wirtschaftstheorie, wonach der Reichtum der Wohlhabenden irgendwann auch zu den Armen „durchsickert“. Trump wies Clintons Vorwurf zurück und ging direkt zu seiner Kritik an Handelsabkommen über, etwa NAFTA, das schuld sei am Wegfall von Arbeitsplätzen in den USA. Clinton sei seit Jahrzehnten in der Politik und habe nichts dagegen getan. Warum habe sie nicht diese Abkommen etwa als Außenministerin bekämpft, fragte Trump.
Das war inhaltlich eine der stärksten Phasen Trumps. Er wirkte überzeugend, Clinton geriet in die Defensive. Sie habe das transpazifische TPP-Handelsabkommen als „Goldstandard“ bezeichnet, so Trump, und warf ihr vor, „keinen Plan“ zu haben. Clinton dementierte, das jemals gesagt zu haben. Tatsächlich sagte Clinton das aber auf einer Australien-Reise im Jahr 2012. Eine kritische Haltung zu internationalen Handelsabkommen nahm Clinton erst im Vorwahlkampf gegen Bernie Sanders ein.

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Wenn Trump unter Druck gerät, wird er lauter. Er unterbricht Clinton deutlich öfter als sie ihn.
„Das nennt man Geschäfte machen“
Clinton provozierte Trump weiter - und hatte erste Erfolge: Sie warf ihm vor, er habe 2006, als sich die Finanzkrise auf dem US-Immobilienmarkt abzuzeichnen begann, offen gesagt, er hoffe, die Preise würden abstürzen, damit er billig aufkaufen könne. Trump reagierte mit einem Zwischenruf: „Das nennt man Geschäfte machen.“
„Reguliert Wirtschaft zu Tode“
Trump warf Clinton erneut vor, seit 30 Jahren in der Politik zu sein und nichts für die Wirtschaft getan zu haben. Die Demokratin behauptete, Experten hätten die Wirtschaftspläne von ihr und Trump angesehen und seien zum Schluss gekommen, dass ihr Plan zehn Millionen Jobs schaffen würde, Trumps Plan dagegen 3,5 Mio. Jobs vernichten. Trump konterte, Clinton werde die Unternehmen „zu Tode regulieren“. Clinton riet an diesem Punkt den Zuseherinnen und Zusehern, auf ihre Website zu gehen - dort würden alle Aussagen Trumps in Echtzeit überprüft.
Trump attackiert Notenbank
Beim Thema Steuern betonte Trump, es gebe keine echte politische Führung, denn nur wegen zu viel Bürokratie würden Unternehmen Milliarden im Ausland parken. „Und das beginnt bei Hillary.“ Clinton betonte, es gehe um den Wiederaufbau der Mittelklasse. Trump darauf: „Ganz Politikerin, sieht gut aus, funktioniert nicht“ - die USA befänden sich in einer „schrecklichen Blase“. Und er attackierte die US-Notenbank, die mit ihrer Zinsstrategie „Politik macht“.
„Trump versteckt etwas“
Trump betonte an diesem Punkt einmal mehr, wie erfolgreich er sei und dass es genau dieses Unternehmerdenken brauche. Gefragt, warum er seine Steuerunterlagen bisher nicht offengelegt habe, antwortete Trump mit eine Attacke auf Clinton: Er werde alles offenlegen, wenn Clinton ihre E-Mails, die sie während ihrer Zeit als Außenministerin auf einem privaten Server speicherte, veröffentliche.
Trump wolle nur ablenken, reagierte Clinton. Es gebe mehrere Möglichkeiten, warum sich Trump weigere, die Steuerunterlagen zu veröffentlichen - entweder er verdiene weniger, als er angebe, oder er spende weniger oder er habe keine Steuern gezahlt. Ihr Schluss: „Trump versteckt etwas“ - und die Frage sei doch, wem Trump verpflichtet sei, „sollte er jemals in die Nähe des Weißen Hauses kommen“.
E-Mails nur kurz Thema
Clinton betonte zugleich, der private E-Mail-Server sei ein Fehler gewesen, und sie übernehme die Verantwortung. Trump antwortete, das sei kein Fehler gewesen, sondern Absicht. Überraschenderweise hakte er an diesem Punkt aber nicht weiter nach. Clinton warf Trump in der Folge vor, Tausende Kleinunternehmer um ihr Geld betrogen zu haben, weil er sich geweigert habe, sie nach getaner Arbeit zu bezahlen. „Vielleicht haben sie keine gute Arbeit geleistet“, unterbrach sie Trump. Clinton warf ihrem Kontrahenten vor, selbst sechsmal in Konkurs gegangen zu sein.

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Inhaltlich war die Debatte wenig aufschlussreich
Clinton griff Trump während der Debatte mehrmals bei seiner Unternehmerehre an - und jedes Mal stieg Trump darauf ein: Er verteidigte sein „unglaubliches Unternehmen“ und betonte, er habe lediglich die nationalen Gesetze genutzt. Wenn man das nicht wolle, müsse man eben die Gesetze ändern.
Trump: Brauchen mehr „Law and Order“
Drittes Thema war Sicherheit in den USA, Justiz und Waffengesetze. Clinton, so Trump, wolle zwei Wörter nicht in den Mund nehmen: „Law and Order“ (Gesetz und Ordnung, Anm.). Aber ohne diese Wörter gehe es nicht. Trump sprach sich einmal mehr für das frühere Recht der New Yorker Polizei, Menschen ohne Tatverdacht anzuhalten und zu durchsuchen („Stop and Frisk“), aus. Nur so könne die Gewalt verringert werden. Den Vorwurf, davon seien vor allem Schwarze und Latinos betroffen, wies Trump zurück.

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Clinton gibt sich staatsmännisch. Als sich Trump in umständlichen Rechtfertigungen wegen seiner erst kürzlich widerrufenen Unterstützung der rechtsnationalen „Birther“-Bewegung verliert, kann sie sich das Lachen aber nicht verkneifen.
Clinton: „Stop and Frisk“ ineffektiv
Clinton betonte, „Stop and Frisk“ sei verfassungswidrig und ineffektiv. Und sie sprach sich - sehr zurückhaltend - für eine stärkere Kontrolle von Waffen, insbesondere militärischen Schusswaffen, aus. Das solle parteiübergreifend gemacht werden. Trump stimmte mit Clinton überein, dass Leute, die auf einer Flugverbotsliste oder einer Terrorliste stehen, keine Waffen kaufen können sollen.
Die Frage sei nicht, Stadtviertel sicher zu machen, darin sei man sich ja einig. Es gehe darum, wie man das mache. Trump betonte, schwarze Amerikaner seien von der Politik hängen gelassen worden. Während er in schwarzen Communitys wahlgekämpft habe, sei Clinton lieber zu Hause geblieben. Clintons Replik: „Trump wirft mir offenbar vor, dass ich mich auf die Debatte vorbereitet habe.“ Ja, das habe sie - und ja, sie habe sich darauf vorbereitet, Präsidentin zu sein - und hatte damit die Lacher im Publikum auf ihrer Seite.
„Lange Geschichte rassistischen Verhaltens“
Clinton warf Trump aber auch vor, er habe „eine lange Geschichte mit rassistischem Verhalten“. Seine offen geäußerten Zweifel daran, dass Präsident Barack Obama in den USA geboren ist, seien besonders verletzend gewesen. Trump machte damit die rechtsnationale „Birther“-Verschwörungstheorie zu einer ernstzunehmenden Angelegenheit. Trump habe seine berufliche Karriere mit einer Anklage wegen Rassendiskriminierung begonnen. Trump sagte, das Verfahren sei ohne Schuldspruch eingestellt worden.
„Nicht geeignet als oberster Befehlshaber“
Clinton warf Trump vor, dieser sei „nicht geeignet“, oberster Befehlshaber der USA zu sein. Als einen Grund nannte sie seine positive Haltung gegenüber Russland, und das, obwohl Moskau „ohne Zweifel“ hinter vielen Cyberangriffen auf US-Institutionen stehe. Sie sei schockiert gewesen, als Trump Russland aufgefordert habe, Amerikaner zu hacken.
Trump verteidigte sich, es sei nicht bekannt, wer die Datenbank der Demokratischen Partei gehackt habe. Und der Republikaner ging sogleich zum Gegenangriff über: Unter Obama hätten die USA die Kontrolle über das Internet verloren. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) „schlägt uns bei unserem eigenen Spiel“. Trump behauptete erneut, er sei stets gegen den Einmarsch der USA in den Irak gewesen. Diese Behauptung ist mehrmals widerlegt worden.
Trump „hat keinen Plan“
Clinton warf Trump vor, er kritisiere ihre Politik und jene von Obama - etwa im Kampf gegen den IS - und das Iran-Abkommen. Aber er verrate nicht, was sein Plan sei. Er sage nur, er sei „geheim“, aber die Wahrheit sei, er habe gar keinen Plan. Trump betonte: Die USA könnten nicht der „Polizist der Welt“ sein, Clinton habe die Probleme in ihrer Zeit als Außenministerin nicht gelöst.
„Clinton fehlt das Stehvermögen“
Trump warf Clinton vor, diese habe „nicht das nötige Stehvermögen“, um Präsidentin zu sein. Sie habe Erfahrung, aber „schlechte Erfahrung“. Das könne sich das Land nicht mehr leisten. Clinton betonte, Trump könne ihr dann „fehlendes Stehvermögen“ vorwerfen, wenn er - so wie sie - mit Dutzenden Staatschefs Friedensverträge oder Waffenstillstände ausgehandelt oder auch nur elf Stunden vor einem Ausschuss im Kongress Rede und Antwort gestanden sei.
Trump und die Frauen
Zum Ende griff Clinton Trump an einer seiner großen Schwachstellen an: Er habe Frauen als „Schweine und Hunde“ und Schwangerschaft als Unpässlichkeit für Arbeitgeber bezeichnet. Außerdem habe er gesagt, Frauen verdienten nicht dasselbe Gehalt, außer sie machten ihre Arbeit ebenso gut wie Männer.
Trump schüttelte heftig den Kopf und warf Clinton im Gegenzug vor, eine Schlammschlacht gegen ihn zu führen. Er habe vorgehabt, etwas „sehr Hartes“ zu sagen, so Trump unter Anspielung auf außereheliche Affären von Clintons Ehemann Bill. Doch er habe sich dagegen entschieden. Clinton dagegen gebe Hunderte Millionen für negative Werbung aus. Und das sei „nicht nett“. Beide Kandidaten sagten am Ende, sie würden das Wahlergebnis akzeptieren.
90 Minuten in sechs Abschnitten
Die 90-minütige Debatte, die von NBC-Anchor Lester Holt an der Hofstra-Universität in New York moderiert wurde, war in sechs Abschnitte unterteilt. Nach der Debatte gab es einen kurzen Handshake zwischen den beiden Kandidaten, bevor sie sich ihrer Familie und ihren Unterstützern im Publikum zuwandten. Die Betrachtung und Interpretation nach der Debatte wird über den Ausgang ebenso entscheiden wie die Aussagen der beiden selbst.
Guido Tiefenthaler, ORF.at
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