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Drahtseilakt für Kabul

Seit Jahren ringen Saudi-Arabien und der Iran um die regionale Vorherrschaft. In Syrien sind die Staaten längst in einen Stellvertreterkrieg verwickelt, der Krieg im Jemen spiegelt den Machtkampf ebenfalls wider. Zunehmend direkten Einfluss auf die Lage nehmen Riad und Teheran auch in Afghanistan.

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Die Strategien der beiden Staaten zur Einflussnahme sind ähnlich: Sie finanzieren nützliche Gruppen, investieren Millionen oder bauen Moscheen und Bildungseinrichtungen. Zudem versuchen sie, Einfluss auf ihre Glaubensströmungen auszuüben. Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten ist eine entscheidende Komponente der Rivalität. Immer noch halten aufständische Gruppen, etwa die radikalislamischen Taliban, große Teile der Macht in der Hand. Nicht selten haben diese Gruppen seit Langem Beziehungen zu Riad oder Teheran.

„Schutzmacht“ der Schiiten

Bei ihren Einflussnahmen haben die Staaten unterschiedliche Anknüpfungspunkte, schreibt das US-Magazin „Foreign Affairs“. Den Iran und Afghanistan verbinden nicht nur eine 945 Kilometer lange Grenze, gemeinsam genutzte Wasserressourcen und Handelsbeziehungen, sondern auch kulturelle, ethnische und auch sprachliche Gemeinsamkeiten. Fast drei Millionen Afghanen leben im Iran. Viele von ihnen sind Flüchtlinge, die unter prekären Bedingungen leben und auch als Faustpfand gegen das Land verwendet werden können.

Karte vom Iran und Umgebung

Grafik: APA/ORF.at

In Afghanistan stellt sich Teheran zudem als „Schutzmacht“ für die schiitische Minderheit dar, die etwa 20 Prozent der fast ausschließlich muslimischen afghanische Bevölkerung ausmacht. Über die schiitischen Gruppierungen in Afghanistan exportiert Teheran Politik und Ideologie der Iranischen Revolution. Das Land finanziert aber nicht nur Politik und Organisationen, auch durch Investitionen in Infrastruktur und den Bau von Bildungseinrichtungen samt Lehrmaterial übt der Iran eine erhebliche „weiche Macht“ aus, so das Onlinemagazin The Diplomat.

Geld aus Riad fließt seit Langem

Saudi-Arabien ist auf ähnliche Weise seit Langem in Afghanistan aktiv. Wie der Iran nahm das Königreich in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld in die Hand, um ihm nützliche Gruppen zu fördern. So unterstützte Riad die Mudschaheddin im sowjetisch-afghanischen Krieg zwischen 1979 und 1989, was bis heute nachwirkt. Da mit der Kaaba in Mekka und der Prophetenmoschee in Medina zwei der drei heiligsten Stätten des Islam in Saudi-Arabien liegen, nimmt das Land im streng religiösen Afghanistan zudem einen besonderen Stellenwert ein.

Später war Saudi-Arabien eines der drei Länder, welche die von den Taliban ausgerufene Regierung anerkannten. Nach der Wende in Afghanistan konzentrierte sich Riad darauf, den Einfluss des Iran zurückzudrängen, wobei viel Geld in sunnitische Gruppen und Ausbildungsstätten investiert wurde. So errichtete Riad etwa eine 100 Millionen Dollar teure Moschee mit Bildungseinrichtung in Kabul. Der Einfluss Saudi-Arabiens soll sich bis hin zu regierungsfeindlichen Gruppen wie dem Hakkani-Netzwerk erstrecken.

Bedrängnis von beiden Seiten

Der seit 2014 amtierende Präsident Ashraf Ghani pflegt beachtlich enge Beziehungen mit Riad - zum einen weil er sich eine gewichtige Stimme in den Friedensverhandlungen mit den Taliban erhofft, zum anderen weil das Land mit Investitionen für den Wiederaufbau spekuliert. Auf der anderen Seite steht der wichtige und ebenso einflussreiche Nachbar Iran.

Irans Hassan Rouhani und Afghanistans Ashraf Ghani

APA/AFP/The Center for Preserving and Publishing the Works of Iran's supreme leader

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani bei einem Treffen mit dem obersten geistlichen Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei

In die Zwickmühle geriet Ghani, als er der saudisch geführten Militärkoalition im Jemen seine Unterstützung aussprach. Diese kämpft gegen schiitische Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Für seine Unterstützungserklärung wurde Ghani heftig kritisiert - nur Tage später reiste er nach Teheran, um die Wogen mit dem Iran zu glätten. Für Kabul ist die Aufrechterhaltung der Beziehungen auf beiden Seiten ein Drahtseilakt, der vom geplanten weitgehenden Rückzug von NATO und US-Truppen verkompliziert wird.

Teheran trachtet nach Stabilität

Sowohl für Saudi-Arabien als auch den Iran spielt die Vormachtstellung in Afghanistan eine zentrale geopolitische Rolle. Allerdings, so spekuliert „Foreign Affairs“, sei das Land für Saudi-Arabien im Gegensatz zum Jemen eine nachrangige Machtsphäre. Es gehe eher darum, dem Iran möglichst viel Schaden bei geringem Aufwand zuzufügen. Allerdings sehe Riad seine Stellung auch als Druckmittel und Machtdemonstration für zukünftige Verhandlungen mit den USA, deren Beziehungen mit dem Königreich unter anderem auch aufgrund des Atomabkommens mit dem Iran in letzter Zeit merklich abgekühlt waren.

Während Saudi-Arabien aus der Ferne intervenieren kann, bedeutet die Destabilisierung Afghanistans für Teheran eine unmittelbare Bedrohung vor der eigenen Haustür. Eine der vielen Konsequenzen, die Teheran fürchtet, ist ein mögliches Erstarken der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan. Um diese Gefahr zu reduzieren, soll sich Teheran auch mit den schiitenfeindlichen Taliban verbündet haben. Mit dem Irak grenzt der Iran bereits an ein vom IS zerrüttetes Land - eine weitere Bedrohung von Osten will der Iran unbedingt vermeiden.

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