Attentat an Nationalfeiertag
Bei einem Anschlag in der französischen Hafenstadt Nizza sind mindestens 84 Menschen getötet worden. Ein Laster raste während der Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag in eine Menge feiernder Menschen auf der berühmten Uferstraße Promenade des Anglais und schoss dabei auch. Polizisten erschossen den Fahrer schließlich.
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Laut Angaben des französischen Innenministers Bernard Cazeneuve von Freitagfrüh wurden Dutzende weitere Menschen verletzt, darunter 18 schwer. Unter den Toten befinden sich laut dem Innenministerium auch Kinder. Zuletzt war von 80 Toten die Rede gewesen.
Laut der Nachrichtenagentur AFP, die sich auf Polizeikreise beruft, wurde der Täter mittlerweile formell identifiziert. Es handle sich um einen 31-jährigen Franko-Tunesier mit Wohnsitz in Nizza. Der französische Fernsehsender BMFTV hatte im Vorfeld berichtet, dass in dem Lkw eine Kreditkarte, ein Führerschein sowie ein Mobiltelefon gefunden worden seien. In Nizza finden derzeit offenbar mehrere Polizeieinsätze statt.
„Terrorist ausgeschaltet“
Cazeneuve sprach in einer Stellungnahme Freitagfrüh von Terrorismus: Die Polizei habe „in einer sehr gefährlichen Situation einen Terroristen ausschalten können“, sagte Cazeneuve in Nizza. Zuvor hatte bereits Staatspräsident Francois Hollande von einem eindeutigen „terroristischen Charakter“ der Tat gesprochen. Er kündigte eine Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate und die Einberufung von Reservisten an.

AP/Luca Bruno
Der schwere Lkw raste mehrere hundert Meter über den Bürgersteig
Die Tat ereignete sich gegen 23.00 Uhr während des traditionellen Feuerwerks zum Nationalfeiertag auf der berühmten Uferstraße Promenade des Anglais. Der mutmaßliche Attentäter habe über eine Strecke von rund zwei Kilometern eine Spur der Verwüstung hinter sich gelassen, teilten die Behörden in Nizza mit.
Offenbar auch Schüsse
Laut Augenzeugenberichten und Videos wurden die Passanten nicht nur umgefahren, sondern auch beschossen. Laut einer von der Nachrichtenagenture AFP zitierten Polizeiquelle habe der Täter auch mindestens einmal die Richtung gewechselt, um „möglichst viele Opfer“ erfassen zu können.

Grafik: Omniscale/OSM/APA/ORF.at; Quelle: New York Times
Der Unterpräfekt der Region Alpes-Maritimes, Sebastien Humbert, hatte Ähnliches kurz zuvor angedeutet: Er sagte, der Lastwagen sei an der bei Touristen beliebten Strandpromenade in die Menschenmenge gefahren - und zwar über eine lange Distanz. Deshalb sei die Zahl der Opfer auch so hoch. Laut weiteren Medienberichten sei der Lkw vor einigen Tagen in der Region Provence-Alpes-Cote d’Azur gemietet worden.
Nationalität der Opfer offen
Das Ausmaß der Tragödie wurde erst nach und nach sichtbar. Anfangs war von „mehreren“ Toten die Rede, dann von „vielleicht 30“, bis schließlich die Opferzahl auf „mindestens 60“ und „mehr als 70“ in die Höhe schnellte. Zuletzt sprachen die Behörden von 84 Toten, zwischenzeitlich war von 80 die Rede gewesen.

Sasha Goldsmith via AP
Einsatzkräfte sichern den Tatort rund um den Lkw
Ob unter ihnen auch österreichische Staatsbürger sind, war vorerst unklar. Das berichtete der Sprecher des Außenministeriums, Thomas Schnöll, Freitagfrüh im Ö1-Morgenjournal. Bisher gebe es keine Auskunft über die Nationalitäten der Opfer - mehr dazu in oe1.ORF.at.
Karl Heinz Grundböck über die Terrorgefahr in Österreich
Generell gibt es laut Karl Heinz Grundböck, dem Sprecher des Innenministeriums, eine erhöhte Terrorwarnung für ganz Österreich.
Laut dem russischen Regierungschef Dmitri Medwedew seien allerdings Russen unter den Opfern. Das deutsche Auswärtige Amt schließt nicht aus, dass unter den Opfern auch Deutsche sein könnten. Unbestätigten Medienberichten zufolge könnten zwei Berliner Schüler und eine Lehrerin unter den Opfern sein. Laut dem neuen britischen Außenminister Boris Johnson befindet sich auch ein Brite unter den Opfern.
Ermittlungen im Laufen
Wenige Stunden nach der mörderischen Lkw-Fahrt übernahm die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Leitung der Ermittlungen. Laut Behördenangaben hatte der Angreifer schwere Waffen im Lkw. Aus Ermittlerkreisen hieß es dann in der Früh, es seien eine nicht funktionsfähige Granate und Waffenattrappen entdeckt worden.
Schwerpunkt in der TVthek:
Alle Nachrichtenbeiträge des ORF-Fernsehens zum Anschlag in Nizza sind unter tvthek.ORF.at abrufbar.
Medien berichten, dass der Täter das Feuer auf die Polizei eröffnet hatte, bevor er erschossen wurde. Gerüchten einer Geiselnahme wurden seitens des Innenministeriums widersprochen. Es ist - unabhängig vom Hintergrund - nach den Anschlägen vom 13. November des Vorjahres in Paris die schlimmste Attacke in Europa in den letzten Jahren. Bei den Attentaten in Brüssel am 22. März wurden 32 Menschen getötet.
Aufruf, in Häusern zu bleiben
Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. Auch das österreichische Außenministerium rät allen Urlaubern in Nizza, in ihren Unterkünften zu bleiben. „Es wird dringend empfohlen, die betroffene Region zu meiden. Folgen Sie daher den Anweisungen des lokalen Sicherheitspersonals“, heißt es auf der Website des Ministeriums in den aktualisierten Reiseinformationen zu Frankreich.

APA/AFP/TF1
Francois Hollande sagte bei einer Rede an die Nation, der „terroristische Charakter“ des Angriffs könne nicht geleugnet werden
Hollande, der sich zum Zeitpunkt der Attacke in Avignon aufhielt, kehrte nach Paris zurück, um den Krisenstab zu leiten. Cazeneuve eilte nach Nizza. Um 9.00 Uhr startete Hollande eine Sitzung mit dem Sicherheitskabinett, um die Situation zu beurteilen.
Angst und Panik auf der Promenade
Die Zeitung „Nice-Matin“ berichtete am Donnerstagabend auf ihrer Website, auf der Promenade des Anglais hätten Angst und Panik geherrscht. In Sozialen Medien kursierten Aufnahmen, die zeigen, wie Menschen wegrennen.
Der Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur AFP, Robert Holloway, war auf der Promenade unterwegs, um das Feuerwerk zu sehen. „Ich war ungefähr hundert Meter entfernt und hatte nur wenige Sekunden, um auszuweichen“, berichtete Holloway. Der Reporter sah, wie ein weißer Lastwagen ungebremst mit großer Geschwindigkeit in die Menschenmenge raste. „Wir sahen, wie Leute getroffen wurden und wie Gegenstände umherflogen“, sagte er. „Ich musste mein Gesicht vor den umherfliegenden Gegenständen schützen.“
„Straße war abgesperrt“
Ebenfalls hautnah mitbekommen hat die Attacke der deutsche Journalist Richard Gutjahr: Der Lastwagen sei an ihm vorbeigefahren und habe Fahrt aufgenommen, sagte Gutjahr. „Die ganze Straße war abgesperrt.“ Dann sei das Fahrzeug in die Menschenmenge gerast. Schließlich sei der Lastwagen in den Mittelstreifen der Straße gekracht, daraufhin sei es zu einem Schusswechsel gekommen.
„Nur wenige haben den Lkw überhaupt mitbekommen“, sagte Gutjahr mit Blick auf die Menschenmenge. Nach dem Schusswechsel seien die Menschen allerdings in Angst und Panik gewesen.
Lkw rast in Menschenmenge
Bei einem Anschlag sind in Nizza mindestens 84 Menschen getötet worden. Ein Lastwagen raste auf einer Strecke von zwei Kilometern durch eine feiernde Menschenmenge.
Nach der Attacke räumte die Polizei die Gegend weiträumig ab. Autos würden von Polizei in Zivil kontrolliert. Auf dem Meer seien Polizeiboote gekreist. Auch ein Helikopter mit Scheinwerfer sei in der Luft zu sehen gewesen.
Sicherheitscheck und „#PortesOuvertesNice“
Menschen, die sich derzeit in Nizza und Umgebung befinden, können ihren Freunden auf Facebook mitteilen, ob sie in Sicherheit sind. Das Netzwerk aktivierte in der Nacht die Funktion, die etwa nach der Terrorserie von Paris im Einsatz war.
Unter dem Hashtag „#PortesOuvertesNice“ (offene Türen Nizza) boten Einwohner von Nizza anderen eine Unterkunft an, damit diese nach dem Anschlag nicht auf der Straße bleiben mussten. Der Hashtag wurde von Dutzenden auch dazu genutzt, um vermisste Bekannte ausfindig zu machen.
Notrufnummer aktiviert
Die Zentrale für Opferhilfe im französischen Außenministerium richtete nach der Attacke eine Notrufnummer für Angehörige ein. Die Nummer lautet +33143175646. In Österreich ist das Bürgerservice des Außenministeriums unter 0501150-4411 erreichbar.
Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren
Nach dem Anschlag in Nizza wurden sowohl für Stadt und Region als auch an anderen Orten die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren. Marseille sagte ein für Freitag geplantes Feuerwerk ab. In Nizza wurde ein für Freitag geplantes Konzert des US-Popstars Rihanna abgesagt, ebenso ein Jazz-Festival.
Italien beschloss eine Verschärfung der Kontrollen an der Grenze zu Frankreich. Das berichtete der italienische Innenminister Angelino Alfano, der am Freitagvormittag in Rom ein Gipfeltreffen mit der Polizei zum Thema Sicherheit koordinieren wird.
Kern spricht von „barbarischem Akt“
Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zeigte sich entsetzt über den „barbarischen Akt“ von Nizza. „Unsere Herzen und unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir stehen in voller Solidarität zu Frankreich“, sagte Kern.
Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich betroffen. „Schreckliche Nachrichten aus Nizza (...) Wir stehen Frankreich in diesen schwierigen Zeiten bei“, teilte er via Kurznachrichtendienst Twitter Freitagfrüh mit. Der Terror müsse „global bekämpft“ werden, bekräftigte Kurz, der noch am Vormittag in den Nordirak reisen wird, im Ö3-„Wecker“.
In Europa müsse man „polizeilich gegen Terrorismus vorgehen, damit sich nicht noch mehr junge Menschen vom Terrorismus verführen lassen“, erklärte Kurz. Zudem müsse man gegen Terrorismus in Syrien und im Irak vorgehen. Trotz des Terrors in Europa sei klar: „Wir werden unseren Lebensstil nicht ändern und uns einschränken lassen“, betonte Kurz.
„Massenmörderischer Anschlag“
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bezeichnet die Tat als „massenmörderischen Anschlag“. Deutschland teile die Trauer mit Frankreich, sagte sie auf dem ASEM-Gipfel in Ulan Bator. Man werde den Terror gemeinsam bekämpfen. „Ich bin sehr überzeugt, dass wir trotz aller Schwierigkeiten den Kampf gewinnen werden.“
US-Präsident Barack Obama sagte Paris alle nur erdenkliche Unterstützung zu, die neue britische Premierministerin Theresa May und Außenminister Johnson zeigten sich erschüttert. Auch die Türkei verurteilte den Terrorangriff scharf verurteilt und sicherte Frankreich ihre Solidarität zu. „Die modernen Barbaren, die diesen Angriff verübt haben, haben nichts mit Religion oder Menschlichkeit zu tun“, teilte der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdogan mit.
„Angriff auf Freiheit und Brüderlichkeit“
EU-Ratspräsident Donald Tusk zeigte sich erschüttert und sprach zum Auftakt des Asien-Europa-Gipfels in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator von einem „traurigen Tag für Frankreich, Europa und uns alle hier in der Mongolei“. Es sei ein Angriff auf die Menschen in Frankreich gewesen, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefeiert hätten.
Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) verurteilte den Anschlag als „barbarischen und feigen terroristischen Anschlag“. In einer Erklärung in der Nacht zum Freitag teilte der Sicherheitsrat sein tiefes Mitgefühl für die Familien der Opfer mit. Ebenso kondolierte er der französischen Regierung. Man hoffe, dass die Täter der terroristischen Tat zur Rechenschaft gezogen würden, hieß es darin.
Hohe Sicherheitsvorkehrungen
Zu der Attacke kam es trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen in ganz Frankreich anlässlich des Nationalfeiertags. Allein für die traditionelle Militärparade auf den Champs-Elysees in Paris waren rund 11.500 Sicherheitskräfte mobilisiert worden. Am Nationalfeiertag wird jedes Jahr der Erstürmung des Pariser Bastille-Gefängnisses am 14. Juli 1789 gedacht, die als Beginn der Französischen Revolution gilt. Frankreich war wiederholt Ziel von Anschlägen.
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