Fluchthelfer über die Fahrt nach Brüssel
Zeugenaussagen bringen neue Details über die Flucht des mutmaßlichen Attentäters von Paris, Salah Abdeslam. Bestätigt wurden dabei mehrfache Polizeikontrollen während der Fahrt von Paris nach Brüssel. Freunde von Abdeslam aus dem Brüsseler Viertel Molenbeek, Hamza Attou und Mohammed Amri, sollen dem Paris-Verdächtigen geholfen haben, nach den Anschlägen von Paris nach Brüssel zu fahren.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Beide sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Attous Aussage zufolge soll Abdeslam während der Fahrt gedroht haben, das Auto in die Luft zu sprengen, sollte er nicht nach Brüssel gebracht werden. Im Zuge dessen soll er daran erinnert haben, dass sich auch sein an den Anschlägen beteiligter Bruder Brahim dort in die Luft gesprengt und dass er selbst Menschen mit der Kalaschnikow getötet habe. Der mutmaßliche Paris-Attentäter ersuchte seine Fluchthelfer zudem, langsam zu fahren und kleine Straßen zu nutzen, um Polizeikontrollen zu vermeiden. Dennoch fuhren sie zeitweise auf der Autobahn Richtung Belgien und wurden prompt dreimal von der Polizei angehalten.
Haschischkonsum „nicht das Vordringliche“
Bei der ersten Kontrolle habe ein Polizist gefragt, ob sie etwas „konsumiert“ hätten, so Attou. Das hätten sie bestätigt, da sie gerade einen Joint geraucht hatten. Das „sei nicht gut“, beschrieb Attou die Reaktion des Polizisten. Da es aber „heute nicht das Vordringliche“ sei, habe der Polizist sie ohne Kontrolle der Papiere weiterfahren lassen. Abdeslam habe währenddessen schweigend auf der Rückbank gesessen.

APA/AFP/Dsk
Nach Abdeslam wird weiterhin gefahndet
Bei den beiden weiteren Kontrollen wurden der Zeugenaussage zufolge die Papiere kontrolliert. Abdeslam soll sogar seine Adresse in dem Brüsseler Viertel Molenbeek angegeben haben. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings noch keine konkrete Fahndung nach Abdeslam.
Bruder sollte „weltbekannt“ werden
Abdeslam soll bei der Autofahrt auch erzählt haben, dass er absichtlich den Ausweis seines Bruders in einem Auto zurückgelassen habe. Brahim sollte „weltweit bekannt“ werden - „so wie Coulibaly“. Der Islamist Amedy Coulibaly war im Jänner, kurz nach dem Anschlag auf das Pariser Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mit zwölf Toten, in einen jüdischen Supermarkt in Paris eingedrungen und hatte dort vier seiner jüdischen Geiseln ermordet. Er wurde von der Polizei getötet.
Gerüchte um Flucht in Umzugswagen
Erst vergangene Woche wurde über Medienberichte bekannt, dass Abdeslam nach seiner Ankunft in Brüssel der Polizei offenbar nur knapp entkommen war - versteckt in einem Umzugswagen oder einem Möbelstück. Wie der belgische Rundfunksender RTBF berichtete, sind sich die Ermittler mittlerweile sicher, dass Abdeslam ein Versteck in Molenbeek unmittelbar vor einer Razzia verließ. Um ihn aus dem Haus zu schmuggeln, hätten seine Komplizen einen Umzugswagen oder vielleicht sogar ein Möbelstück genutzt. Die belgische Justiz wies die Berichte zurück. Es hätten sich keine Hinweise darauf gefunden, dass sich Abdeslam tatsächlich in der Wohnung aufhielt.
Razzia begann erst um 10.00 Uhr
Nach Angaben von Belgiens Justizminister Koen Geens hatte sich die Razzia in Molenbeek verzögert, weil nächtliche Hausdurchsuchungen zwischen 21.00 und 5.00 Uhr verboten seien. Ein entsprechendes Gesetz zum Schutz der Privatsphäre ist in Belgien seit 1969 in Kraft.
Die Ermittler hätten das Haus gern schon in der Nacht durchsucht, sagte Geens dem Sender VTM. „Um 5.00 Uhr war es zu spät“, fügte er hinzu. Tatsächlich hatte die Razzia sogar erst um 10.00 Uhr begonnen. Eric van der Sijpt, der Sprecher der zuständigen Brüsseler Staatsanwaltschaft, räumte gegenüber der „New York Times“ zudem ein, dass die Straßen rund um das verdächtige Haus in der betreffenden Nacht nicht abgeriegelt worden seien.
Die belgische Regierung hatte unmittelbar nach den Anschlägen von Paris angekündigt, in Terrorismusverfahren künftig auch nächtliche Wohnungsdurchsuchungen zu erlauben. Die Neuregelung soll jedoch frühestens Ende Jänner 2016 das belgische Parlament passieren.
Haftbefehl in Marokko gegen Abdeslam
Bei den bisher schlimmsten Attentaten in Frankreich waren am 13. November in Paris 130 Menschen getötet und mehr als 350 weitere verletzt worden. Mehrere Attentäter hatten in Cafes, Restaurants und im Konzertsaal Bataclan sowie vor der Fußballarena Stade de France wahllos auf Menschen geschossen oder sich in die Luft gesprengt. Die meisten Angreifer sind inzwischen identifiziert.
Marokko erließ indes nach Angaben aus Sicherheitskreisen Haftbefehle gegen Abdeslam und Mohammed Abrini. Letzterer soll ebenfalls an den Anschlägen von Paris beteiligt gewesen sein. Wie aus der Hauptstadt Rabat verlautete, befürchten die Behörden, dass beide in das nordafrikanische Land geflüchtet sind. Die Menschen im Land seien aufgerufen worden, den Behörden sämtliche Informationen über die Verdächtigen zu liefern. Abdeslams genaue Rolle bei der Angriffserie in Paris ist nach wie vor unklar. Bisher fehlt von ihm jede weitere Spur.
Zwei Festnahmen bei Razzia in Belgien
Die belgische Polizei durchsuchte unterdessen in Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen vor fünf Wochen am Sonntagabend eine Wohnung in Molenbeek und nahm zwei Menschen fest. Spezialkräfte seien an dem fünfstündigen Einsatz nahe dem Stadtzentrum beteiligt gewesen, zwei Verdächtige seien zur Vernehmung festgenommen worden, teilte Van Der Sypt am Montag mit. Abdeslam sei aber nicht unter den Festgenommenen.
Spekulation über weiteren Hintermann
Medienberichten zufolge suchen belgische Ermittler auch einen weiteren möglichen Hintermann der Pariser Terroranschläge. Wie die belgische Zeitung „Het Nieuwsblad“ am Montag berichtete, könnte der Mann von Belgien aus die islamistischen Attentate gesteuert haben.
Die Ermittler stützen sich laut Zeitung auf die Überwachung des Telefonverkehrs zwischen Belgien und Frankreich. Der Verdächtige soll laut der Zeitung am Abend der Anschläge, dem 13. November, über zwei Mobiltelefone die Attentäter kontaktiert haben. Die Staatsanwaltschaft nahm zunächst nicht Stellung.
Links: