Israels Politik ringt um Antworten
Passieren kann es überall: Ein junger Mann, ein Teenager oder auch eine junge Frau zieht ein scharfes Messer und stürzt sich auf die Umstehenden. Sticht auf sie ein, bis er oder sie gestoppt wird. Passieren kann es im städtischen Autobus, an der Bushaltestelle, in der Altstadt von Jerusalem oder anderswo im öffentlichen Raum in Israel.
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Sieben Israelis fielen dem neuen Terror seit Beginn dieses Monats zum Opfer. Dutzende weitere wurden verletzt. Fast 30 Palästinenser kamen ums Leben: als erschossene Attentäter, aber auch als Demonstranten im Westjordanland und am Grenzzaun zum Gazastreifen, auf die die israelische Armee gelegentlich mit scharfer Munition schießt.
Als Auslöser der jüngsten Gewaltwelle gilt der Streit um die Zukunft des Tempelberg-Plateaus in Jerusalem, einer heiligen Stätte der Muslime und der Juden. Ausschlaggebend dürfte aber vor allem die Perspektivelosigkeit der palästinensischen Jugend in dem von Israel annektierten Ostjerusalem und im besetzten Westjordanland sein.
Klares Täterprofil
Nach rund 20 Terrorangriffen zeichnet sich für den Sicherheitskorrespondenten Amos Harel von der Tageszeitung „Haaretz“ ein recht klares Täterprofil ab: Bei fast allen handelte es sich um Teenager. Der jüngste war erst 13 Jahre alt. Auch vier junge Frauen waren darunter. Kaum jemand war mit einer militanten Organisation verbunden. Einige, aber nicht alle waren fromme Muslime. Und die meisten von ihnen waren Bewohner von Ostjerusalem mit israelischen Personalausweisen, was es ihnen - anders als den Palästinensern aus dem Westjordanland - ermöglichte, sich frei in ganz Israel und Jerusalem zu bewegen.
All das erschwere es den israelischen Sicherheitskräften, die Attacken dieser „einsamen Wölfe“ abzuwehren, schreibt Harel. „Würde eine Flut von Razzien und Festnahmen wirklich etwas nutzen, wenn die ‚Infrastruktur des Terrors‘ aus Teenagern besteht, die mit Küchenmessern bewaffnet sind?“, fragt er rhetorisch. In der Zeit der viel opferreicheren Selbstmordattentate in den frühen 2000er Jahren konnte das israelische Militär beim organisatorischen Hintergrund des Terrors ansetzen: bei den Bombenwerkstätten, bei den Geldströmen der Geldgeber, bei den Hintermännern, die man ausforschte und gezielt tötete oder verhaftete.
„Nützt Kampf der Palästinenser nicht“
Doch heute scheint dieser organisatorische Hintergrund zu fehlen. Bestenfalls holt sich der jugendliche „einsame Wolf“ Anregungen aus den anonymen Schmuddelzonen des Internets. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte schon früher darüber geklagt, dass ihm die Kontrolle über die palästinensische Jugend zu entgleiten drohe.
Die gegenwärtige Gewaltwelle unterstützt er nicht. „Das nützt dem Kampf der Palästinenser nicht“, sagte er am Montag zu palästinensischen Milizführern. Manche Kommentatoren in Israel sehen in der Terrorwelle nicht nur einen Aufstand gegen den politischen Status quo in Nahost, sondern auch eine Revolte der Jugend gegen die von Abbas geführte Autonomieverwaltung, die als korrupt und unfähig empfunden wird.
Experten gegen kollektive Bestrafung
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird hingegen nicht müde, den neuen Terror als Ergebnis der Aufhetzung radikaler arabischer Politiker in Israel darzustellen. „Der Terror ist nicht eine Folge der Frustration wegen des fehlenden Fortschritts im diplomatischen Prozess", sagte er am Montag im israelischen Parlament unter Anspielung auf die weitgehend von ihm zum Scheitern gebrachten Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung für Israel und Palästina. "Es ist vielmehr klar, dass er dem Wunsch entspringt, uns zu zerstören.“
Immer wieder hat Netanjahu, der seit 2009 regiert und 2013 nur knapp wiedergewählt wurde, seinen Wählern versprochen, den Terror mit einer Politik der harten Hand niederzuhalten. Vorerst muss er sich aber mit Maßnahmen der kleinen Schritte begnügen: härtere Strafen für Steinewerfer, beschleunigte Zerstörung der Häuser von Terroristen, Verbotsverfahren gegen islamistische Organisationen.
Von massiven, kollektiven Bestrafungen wie Großrazzien in palästinensischen Städten und Vierteln und der Streichung von Arbeitsgenehmigungen raten ihm die eigenen Experten und Thinktanks ab. Man möge nicht auch noch jenes Segment der palästinensischen Gesellschaft herausfordern, das die Mehrheit bildet und derzeit noch stillhält.
„Keine Vorwarnungen und keine Schutzräume“
Doch Israels Bürger fühlen sich durch die neue Terrorwelle verunsichert. „Wir verzeichnen einen dramatischen Anstieg von Anrufen bei unserer Hotline“, sagt Gila Sella vom Natal-Zentrum für Terror-und Kriegsopfer. In der Zeit der Selbstmordattentate konnte man Orte größerer Menschenansammlungen meiden, und während der Raketenangriffe aus Gaza gab es klare Instruktionen für das Aufsuchen von Schutzräumen, meint die Expertin für posttraumatischen Stress. „Aber bei Messerattacken - mussten die Menschen feststellen - gibt es keine Vorwarnungen und keine Schutzräume.“
Gregor Mayer, dpa
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