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Konservativ und demokratisch

Der breit angelegte Gesellschaftsroman, der Bildungsroman: alte Kategorien, die seit Jahren, seit Jahrzehnten nicht mehr so recht zur aktuellen Buchproduktion passen wollen. Jonathan Franzen jedoch ist einer jener Erzähler, die der Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts treu geblieben sind. Seine Fans lieben ihn dafür. Allen anderen ist er zu behäbig.

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Pip, das ist kurz und einprägsam. So nennt Franzen die Hauptfigur seines neuen, epischen Romans „Unschuld“ - obwohl die junge Frau eigentlich von ihrer Mutter „Purity“ getauft worden war. Was es mit diesem „Reinheitsgebot“ für ein ganzes Leben auf sich hat, und warum die Namensträgerin sich dieser Reinheit verweigert, das ist im Kern die Geschichte, die hier erzählt wird. Aber es wäre nicht Franzen, würde nicht im Vorbeigehen räsonierend die Welt gerettet.

Pip lebt mit ein paar anderen Verweigerern in einem besetzten Haus, das eigentlich gar kein besetztes Haus ist. Das Haus gehört einem der Verweigerer. Aber weil eine WG zu gewöhnlich wäre, tun alle so, als wäre das Haus besetzt. Solchermaßen kratzt Franzen schon auf den ersten Seiten am moralischen Imperativ seiner Figuren. Mehr noch als in den „Korrekturen“ und in „Freiheit“ arbeitet Franzen hier akribisch die Widersprüche und psychologischen Eigenheiten seiner Charaktere heraus.

Geheimnisse im Transparenzzeitalter

Pip etwa ist widerborstig und wild. Gleichzeitig wünscht sie sich nichts dringlicher, als ihre Familie zu rekonstruieren. Rekonstruieren deshalb, weil die Mutter ihr einen entscheidenden Teil der Herkunftsgeschichte verschweigt: den Vater - und überhaupt alles, was vor ihrer Geburt geschah. Ausgerechnet in einer Zeit, in der es längst keine Geheimnisse mehr zu geben scheint, weil jeder via Facebook alles offen vor sich herträgt, zwingt ihre Mutter sie, sich mit einer großen Auslassung in der eigenen Biografie abzufinden.

Jonathan Franzen

APA/EPA/Tamas Kovacs

Jonathan Franzen im April bei einem Auftritt in Budapest

Pip liebt ihre verhuschte, neurotische Mutter über alles. Aber mit dieser einen entscheidenden Auslassung will sie nicht leben. Da trifft es sich, dass Annagret in der WG auftaucht. Die Deutsche gehört einem Orden des Lichts und der Transparenz an, der sich rund um den „Whistleblower“ Andreas Wolf gebildet hat. Sie ködert Pip: Wer bei den Datenjägern mitmacht, der kann nicht nur die Machenschaften der Reichen und Mächtigen aufdecken - sondern auch die Identität seines Vaters herausfinden.

Der Wolf und die Geißlein

Es versteht sich von selbst, dass der Wolf hier einen Schafspelz trägt. Nicht nur der Datenhunger der investigativen Lichtgestalt ist unstillbar. Schon bei seinen ersten E-Mails an Pip trieft die Geilheit zwischen den Zeilen hindurch. Trotzdem vermutet Purity, ganz in Rotkäppchen-Manier, noch die Großmutter unter der Schürze. Die Geißlein kommen zum Wolf, der Kreide gefressen hat. Das klingt nach WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Franzen will seinen Wolf aber nicht mit Assange gleichgestellt wissen - Assange wird im Roman zu einer eigenen Figur.

Wolf ist dämonischer. Aber Aufklärung naht, nicht nur für Pip. Der Roman wird immer mehr zum Parforceritt quer durch die Geschichte. Vergangenheitsbewältigung ist das Gebot der Stunde. Was hat es mit Andreas Wolf und der DDR auf sich? Ist die NSA eine neue, weltumspannende Stasi? Sind die „Whistleblower“ am Ende die neuen Informanten und Blockwarte? Und auf der privaten Ebene: Ganz abgesehen vom Vater - wer ist eigentlich Pips Mutter wirklich? Franzen gräbt tief, sehr tief. Ob er dabei einen Schatz zutage fördert, darüber scheiden sich die Geister.

Episch oder fad?

In einem Essay für den „New Yorker“ hatte Franzen 2002 dekretiert, Romane hätten „konservativ und konventionell“ zu sein und ein demokratisches Publikum zu unterhalten. Demokratie heißt hier, man hat die Wahl, Franzen zu lesen oder Franzen zu lassen. Viele entscheiden sich fürs Lesen. Dabei wird sogar in Kauf genommen, dass seine Art zu schreiben, ganz im Gegensatz zum allgegenwärtigen Schnitt-und-Gegenschnitt-Verfahren, sich durchaus den Mut zur Langeweile herausnimmt.

Ein mögliches Diplomarbeitsthema für angehende Literaturwissenschaftler könnte lauten: „Exkurse und Nebenschauplätze bei Herman Melville, Leo Tolstoi und Jonathan Franzen“. Da rücken das Spiel mit der Sprache und die evozierten Bilder in den Vordergrund. Figuren werden nicht ausgeleuchtet - sie werden durchleuchtet. Die eine Hälfte der Kritiker meint: Nirgends kann man so schön versinken wie in Franzen-Romanen.

Andere monieren bei „Unschuld“ einen Überhang an Psychologisierungen, gepaart mit einer kulturpessimistischen Paranoia. Wobei man gerade bei Franzen die Gattungen Roman und Sachbuch nicht verwechseln sollte. Aber so ist es eben in einer Demokratie: Man kann es nie allen recht machen.

Simon Hadler, ORF.at

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