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Liebe, Sex und ein Frosch im Hals

Egal was Miranda July bisher angefasst hat, es ging auch auf. Ihre Performances wurden u. a. im Museum of Modern Art in New York aufgeführt, ihre Arbeiten auf der Biennale in Venedig ausgestellt und sie wurde mit Preisen für ihre Filme und ihre Kurzgeschichten ausgezeichnet. Nun legte sie ihr mit Spannung erwartetes Romandebüt vor: „Der erste fiese Typ“ ist ein Buch voller Gegensätze. Beängstigend und ermutigend, abstoßend und anziehend, irreal und real zugleich.

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Die Protagonistin und Icherzählerin Cheryl ist Mitte 40, wohnt alleine und ist etwas schrullig - was gleich ab den ersten Seiten betont, wiederholt, detailliert und schonungslos beschrieben wird. Sie lebt unter strengen selbstentworfenen Lebens- und Wohnsystemen und arbeitet in einer skurrilen gemeinnützigen Organisation, die Selbstverteidigungsvideos vertreibt.

Cheryl leidet unter einem chronischen Frosch im Hals (in der Fachsprache Globussyndrom genannt), aber vor allem unter der Sehnsucht nach „Kubelko Bondy“, einem Baby, das sie in beinahe allen Babys wiederzuerkennen meint. Dazu kämpft sie auch noch mit Liebeskummer wegen der nie ausgesprochenen und nicht auf Gegenseitigkeit beruhenden Zuneigung zu ihrem Arbeitskollegen Philipp.

Die Gewalt zieht ein

Alles spitzt sich mehr und mehr zu, als Clee, die 20-jährige Tochter ihrer Chefs, bei ihr einzieht. Unerzogen, respektlos, boshaft und immer brutaler nimmt sie Cheryls Haus ein. Deren Leben gleicht von nun an einem einzigen gewalttätigen Übergriff: „Ich sah nicht einmal, wie sie aufstand. Zack, war meine Kehle in ihrer Armbeuge gefangen, und sie riss mich nach hinten. Ich knallte auf die Couch, mir blieb buchstäblich die Luft weg. Bevor ich die Balance wiederfand, stieß sie mir das Knie in die Hüfte.“

Miranda July

AP/Jonathan Short

Der Künstlerin Miranda July ist kein Medium fremd

Körperlich unterlegen und psychisch eingeschüchtert wehrt sich Cheryl gegen die rohe Gewalt und die verbalen Gemeinheiten nicht und vertraut sich nur ihrer Therapeutin an. Auch deshalb, weil ihr die immer regelmäßigeren Angriffe eine Form von Befriedigung verschaffen. Zunächst unausgesprochen schließen sie schon bald einen mündlichen Vertrag ab und beginnen eine Art Erwachsenenspiel. Fortan wird gekämpft - zunächst ungeplant und triebhaft, später nach Anleitung und Drehbuch von Selbstverteidigungsvideos.

Ein Frosch verschwindet

Cheryls Frosch im Hals verschwindet, umso weniger sie in der Wirklichkeit lebt. Sie studiert die Videos ein und träumt ununterbrochen von immer irritierender werdenden Sexfantasien, die sich um Clee drehen. Die junge Frau erlebt eine zuvor nie gekannte neue Erregung, die sie in realen Kämpfen und irrealen sexuellen Fantasiewelten auslebt.

Die Rollen verschieben sich langsam, aber merklich. Die zarte, schüchterne Cheryl und die rohe, provokante Clee lassen sich nicht mehr so leicht einsortieren - ganz besonders ab dem Moment, in dem Clee schwanger wird und sich ohnehin ganz neue psychische Zustände einstellen.

Fremdschämen ist Programm

Fremdschämen ist bei July ganz gezieltes Programm, genauso wie die explizite und provokante Sprache. Sie schreibt von „Wichse“, „Pisse“, „spritzen“, „blasen“ und „Polöchern“. Es wird mit Schneckenschleim masturbiert, Plazentas werden verspeist, Kot und Urin stehen in China-Imbiss-Behältern auf dem Schreibtisch, immer wieder ist Thema, wer gerade womit in welchen Anus stößt.

Buchhinweis

Miranda July: Der erste fiese Typ. Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 20,60 Euro.

Weite Teile von „Der erste fiese Typ“ erinnern an Charlotte Roches Romane - dabei aber nicht unbedingt nur an tabulosen Stellen. Vielmehr sind es die Passagen, die die Verletzlichkeit ihrer Figuren auf eine beeindruckend gefühlvolle und echte Art und Weise schildern. Dass vieles in dem 336-Seiten-Roman wirr ist und auch bleibt, ist aus gutem Grund so: Es ist die menschliche Gefühlswelt, über die July schreibt, und die ist ja nur selten rational und stringent.

Ein Debüt, das polarisiert

Recht einig ist sich die amerikanische Literaturkritik über Julys Debüt nicht - von langweilig bis abstoßend reichen da die Attribute. Andere zeigten sich wiederum begeistert, wie etwa Lena Dunham, Schauspielerin und Produzentin der US-amerikanischen Comedy-Fernsehserie „Girls“: „Noch nie hat mich ein Buch so sehr in meiner Sexualität, meiner Spiritualität, meinem geheimen Selbst berührt wie dieses.“

Für jene Leser, die sich in ähnlicher Art in die Welt des Romans verliebt haben, setzte die Allround-Künstlerin einen Onlineshop auf. In diesem gab es neben dem Buch auch Clees pinke Boxershorts, Cheryls Halskette und andere Devotionalien aus dem verschrobenen Universum von „Der erste fiese Typ“ zu ersteigern. Die Erlöse daraus gingen an eine Frauenrechtsorganisation. Bis auf den Roman ist bereits alles ausverkauft.

Lena Eich, ORF.at

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