Ein Leben für Fotografie und Film
Im Werk von William Klein nähern sich Malerei, Fotografie und Film einander an. In den 1950er und 1960er Jahren schuf er Bücher über die Metropolen New York, Rom, Moskau und Tokio, die neue Maßstäbe im Erzählen mit Bildern setzten.
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„Als ich mit dem Fotografieren angefangen habe, musste ich mir überlegen, was ich mit den Bildern anfangen will“, so William Klein im Gespräch mit ORF.at, „also dachte ich mir, ich mache ein Buch. Ein Fotobuch.“ Der 87-jährige Künstler spricht bedächtig und präzise, sein Blick schweift manchmal ab, als würde er in sich die Bilder suchen, von denen er gerade erzählt.
Klein ist zum ersten Mal in Wien, als Ehrengast auf dem Vienna Photobook Festival. „1956 gab es schon Fotobücher, aber sie waren die Sache einer winzigen Avantgarde“, erzählt er, schüttelt dann den Kopf. „Heute gibt es hier ein Fotobuchfestival.“ Dass ein solches Festival existieren kann, daran hat Klein keinen geringen Anteil. Denn es gibt einerseits Bücher mit Fotos darin, und dann gibt es solche, wie William Klein sie macht: echte Fotobücher.

Günter Hack
Klein im Gespräch mit ORF.at
Das gute Leben
Das erste von Kleins Büchern erschien 1956. Es hieß „Life is Good & Good for You in New York“. Klein, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris bei Fernand Leger Malerei studiert hatte, war in seine Heimatstadt am Hudson zurückgekehrt, um ein Porträt von ihr zu schießen. „Ich komme aus einer armen Familie“, erzählt er, „ich habe die Stadt so fotografiert, wie ich sie erlebt habe. Den Leuten dort wurde erzählt, dass sie in der größten und besten Stadt der Welt lebten, im Big Apple. Doch der Big Apple war voller Würmer. Man brauchte sich nur die Leute in der U-Bahn anzusehen. Glückliche Menschen sehen anders aus. Mein Vater fuhr jeden Tag so zur Arbeit, niedergedrückt.“
Klein tauchte mit der Kamera in die Menschenmassen der Metropole ein und brachte in seiner Dunkelkammer Szenen zum Vorschein, die den Alltag in seiner ganzen Unheimlichkeit zeigen. Klein: „Als ich mit der Kamera unterwegs war, habe ich bei jedem Bild daran gedacht, wie es ins Buch passen würde. So habe ich immer gearbeitet.“ Sorgfältig montierte er die Abzüge zu einem Prototyp seines Fotobuchs, zu einer Sequenz von Bildern, die dem Betrachter ein Gefühl vermitteln, mit einer Wucht, wie sie vor William Klein den klassischen Künsten vorbehalten war.

Andreas Bitesnich
William Klein
Selbst ist der Monteur
„Ich verstehe nicht, wie ein Fotograf es seinem Verlag überlassen kann, die Bilder für sein Buch auszuwählen“, sagt Klein, „auch das Layout muss man selbst machen. Das gehört zum Prozess. Ein echter Fotograf muss das alles selbst in die Hand nehmen.“ Ein echtes Fotobuch ist für Klein nicht einfach eine Zusammenstellung schöner einzelner Bilder. Wenn er eine Sequenz montiert, hat sie einen Fluss, eine eigene Dramaturgie, die den Betrachter die Bewegungen des Fotografen miterleben lässt.
Der Untertitel des New-York-Buchs hieß nicht umsonst „Trance Witness Revels“, also „Die Feier des Zeugen einer Trance“. Klein verstieß gegen alle damals gängigen Regeln der Fotografie. Seine Bilder waren grobkörnig, voller Bewegungsunschärfen. „Ich kam ja von der Malerei, ich wollte etwas machen wie die Impressionisten“, erzählt Klein, der zu seinen Vorbildern auch die Avantgardekünstler der frühen Sowjetunion zählt: Alexander Rodtschenko, Sergej Eisenstein, El Lissitzky. Allesamt Meister der Montage.
Gute schlechte Bilder
Von den „Büchern mit Fotos“ unterscheidet sich ein Klein’sches Fotobuch auch dadurch, dass nicht jedes Bild darin technisch perfekt ist, aber dafür das richtige Bild am perfekten Platz steht. Klein: „Ein Foto, das für sich genommen technisch zweitklassig ist, das man auf den ersten Blick vielleicht wegwerfen würde, kann sich bei der Montage als Schlüsselbestandteil einer Sequenz erweisen. Es ist wie ein Pass bei einem Fußballspiel, der dann zum Tor führt.“
Kleins fertiges New-York-Werk war ein Meilenstein von etwas, das sich im Internet mit der Bildkommunikation über Instagram und ähnliche Dienste erst noch zu voller Blüte entfalten wird. Die New Yorker Verleger hassten das Buch.
Triumph in Paris
„Sie hielten es für antiamerikanisch“, sagt Klein. Erst zurück in seiner Wahlheimat Paris fand er einen kongenialen Komplizen, den Fotografen und Filmemacher Chris Marker, der beim Verlag Editions du Seuil eine erfolgreiche Reihe von Reisebüchern herausgab. „Markers Chefs hassten das Buch auch, aber er war dort ein sehr wichtiger Mann und drohte seinen Bossen damit, zu kündigen, falls sie es nicht drucken würden“, so Klein. Es wurde gedruckt, die Kritik erkannte seinen Wert, es erhielt 1957 den wichtigen Buchpreis Prix Nadar, und Kleins Verleger, der das Werk eigentlich nicht mochte, musste eine flammende Festrede darüber halten.

William Klein
Rauch und Schleier: Modefoto von William Klein für die „Vogue“ (1958)
Dem New-York-Buch ließ Klein noch drei weitere Städtebücher folgen. Federico Fellini lud ihn ein, Regieassistent für seinen Film „Die Nächte der Cabiria“ zu werden. Als sich das Projekt verzögerte, blieb Klein viel Zeit, mit ortskundigen Führern wie Alberto Moravia, Pier Paolo Pasolini und Fellini die Ewige Stadt auf der Suche nach Bildern zu durchstreifen. Um sich teure Reisen leisten zu können, arbeitete Klein als Modefotograf für „Vogue“. 1964 folgten seine Bücher über Moskau und Tokio. Die vier Städtebücher von Klein gelten heute als grundlegende Meisterwerke des Genres.
Buchstaben am Broadway
„Ich montierte die Fotobücher wie Filme“, erzählt Klein. Mit seinen Freunden Chris Marker und Alain Resnais machte er sich daran, den Film „Broadway by Light“ (1958) zu drehen, einen abstrakten Rausch in Farbe. Klein: „Nach dem harten New-York-Buch wollte ich das Schönste zeigen, was die Stadt zu bieten hatte: Werbung.“
Eine Sequenz in dem Film ist Klein besonders wichtig: Arbeiter montieren vor riesigen Leuchtwänden die Buchstaben mit den Titeln der nächsten Broadway-Theaterstücke und Filme. „Sie nahmen diese Elemente und stellten sie, wie auf ihren Anleitungen vorgesehen, zu neuen Reihenfolgen zusammen“, erinnert sich Klein, „da dachte ich mir: Genau so leben wir alle.“
Günter Hack, ORF.at
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