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KMUs im Blickpunkt

Seit dem Verkauf der Handysparte des jahrzehntelang die Volkswirtschaft beherrschenden Elektronikkonzerns Nokia an Microsoft ist der Nimbus Finnlands als wirtschaftliches Vorzeigeland angekratzt. Auch heuer senkte das Finanzministerium bereits nach dem ersten Quartal die Wirtschaftsprognose. International wurden bei den Ratingagenturen Zweifel am bisherigen Topstatus Finnlands wach.

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In Helsinki rechnet man nun für 2015 mit einem Gerade-noch-Wachstum von 0,5 Prozent. Neben dem schon seit Jahren mehr oder weniger stagnierenden Wirtschaftswachstum machen Finnland auch die ungewohnte Staatsverschuldung, die steigenden Schulden der privaten Haushalte, die damit verminderte Konsumbereitschaft und die Wirtschaftskrise beim Nachbarn und Haupthandelspartner Russland zu schaffen.

Palfinger: „Strukturelles Manko“

Der gegenseitige Sanktionenabtausch zwischen Brüssel und Moskau im Zuge der Krise in der Ukraine ist laut dem österreichischen Handelsdelegierten in Helsinki, Herwig Palfinger, nur das „Tüpferl auf dem i“ des Exportproblems mit Russland. Viel schwerer wiege die Rezession im großen Nachbarland, die bereits davor eingesetzt habe und hausgemacht sei.

Als zweiten Hauptgrund ortet Palfinger ein strukturelles Manko der finnischen Unternehmenslandschaft: eine kopflastige Exportwirtschaft mit rund einem Dutzend Großkonzernen an der Spitze, die noch dazu in traditionellen Industriebereichen wie Maschinenbau, Forstwirtschaft und Elektronik tätig und eng mit der Politik verflochten sind. Es gebe zu wenige KMUs (kleine und mittlere Unternehmen) im Export, und denen mangle es an Internationalisierung, so der Handelsdelegierte.

Suche nach einem Nokia-Nachfolger

Das scheint auch den finnischen Entscheidungsträgern bewusst zu sein. Seit Jahren versuchen verschiedene staatliche Wirtschaftsförderstellen, Auswege zu finden. Hielt man anfangs noch vergeblich nach einem direkten Nachfolger für das Phänomen Nokia Ausschau und bemühte sich durch radikale Einsparungen bei Personal und Reduktion von Geschäftsfeldern um Verschlankung bei den Großunternehmen, so setzt man heute mehr auf Diversifizierung.

Vergangenes Jahr war das die Computerspielbranche. Als Bahnbrecher diente die „Angry-Birds“-Eintagsfliege Rovio, die mittlerweile in Schwierigkeiten ist. Die hochgesteckten Erwartungen konnten jedoch auch Epigonen wie Supercell („Clash of Clans“) nicht erfüllen. Viele der in den „Start-up-Brütern“ gestarteten Miniunternehmen sind heute bereits verschwunden.

Bier als Retter?

Damit das nicht wieder passiert, ist geplant, steuerliche und administrative Erleichterungen für Kleinbrauereien zu schaffen. Dafür herrscht ein parteiübergreifender Grundkonsens. Die Craft-Beer-Szene umfasst in Finnland derzeit zwischen 40 und 50 Betriebe, die zum großen Teil erst in den vergangenen zwei, drei Jahren von jungen Männern gegründet wurden.

Und schließlich ist auch Nokia nicht aus der finnischen Volkswirtschaft wegzudenken. Nach dem Ende des globalen Handywunders hat sich das Traditionsunternehmen einmal mehr neu erfunden und hat als gut aufgestellter Netzwerkspezialist - nicht zuletzt durch die diese Woche verkündete Fusion mit Alcatel - gute Chancen auf eine Renaissance. Dass man das Ende als großer Player im Handygeschäft längerfristig gut überstehen kann, exerzierte vor rund 15 Jahren bereits der schwedische IT-Konkurrent Ericsson vor.

Andreas Stangl, APA