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Die Einbauküche als Rollengefängnis

Wer die Verwandlung des Küchenraums in den letzten hundert Jahren in den Blick nimmt, wird nicht nur auf die Geschichte technologischer Innovationen verwiesen. Die Küche, sie ist mithin Kristallisationsort für gesellschaftliche Entwicklungen.

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Die zunehmende Rationalisierung rund um den Herd im kleinen Heim bedeutete keineswegs automatisch Emanzipation von traditionellen Rollenklischees. Das macht der nun von Eva Ottilinger kuratierte Band „Küchen/Möbel. Design und Geschichte“ deutlich, der eben nicht nur die Formentwicklung der Küche in der entstehenden Wohnkultur des 20. Jahrhunderts in den Blick nimmt. Die Leiterin des Hofmobiliendepots hat begleitend zur aktuellen Ausstellung zur Geschichte der Küche ein Kompendium herausgegeben, das sich wie eine Gesellschaftsgeschichte rund um die Entwicklung moderner Küchenmöbel bzw. des Baukastenprinzips zum Küchenraum liest.

Einbauküche

Bundesmobilienverwaltung/Lois Lammerhuber

Glatte Flächen, serielle Produktion: Doch auch in der Nachkriegsküche dominierten alte Rollenmuster

Es sind die 1920er Jahre, die den entscheidenden Entwicklungsschritt hin zu Küchenformen bringen, wie man sie in der Gegenwart kennt. Ökonomisierung und zukünftige Serialisierung von Küchenmöbel sind da nur ein Aspekt in der Entwicklung des modernen Kochortes. Die Wohnformen in der Stadt zielen auf die neue Kleinfamilie oder kleinere Familieneinheiten ab.

Einbauküche

Bundesmobilienverwaltung/Edgar Knaack

Hocker als Element, um Essen und Küchenraum miteinander im Kleinformat zu verbinden

Und auch wenn man in Wien noch mit Bauformen experimentiert, in dem Wohnungen rund um eine Gemeinschaftsküche gruppiert werden, wie im Projekt „Heimhof“ (1922) von Architekt Otto Rudolf Pollak-Hellwig in der Wiener Pilgramgasse verwirklicht, so geht der Trend zur integrierten Wohnung, in der Gas und Elektroanschlüsse eine neue, verkleinerte Küchenform ermöglichen, in der Raum- und Handlungsökonomie oberste Maxime waren.

Einbauküche

Public Domain

Die „Frankfurter Küche“ als Keimzelle der Einraum-Einbauküche

„Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit“

Als die Architekturstudentin an der Wiener Kunstgewerbeschule Margarethe Schütte-Lihotzky in den 1920er Jahren ihre theoretischen Überlegungen zum Verhältnis von Wohnung und Küchenraum formuliert, geht sie von starken gesellschaftlichen Veränderungen aus, die die Frau eben nicht in den neu geschaffenen ökonomischen Kleinraum für die Speisenzubereitung drängen.

Ihre „Rationalisierung der Hauswirtschaft“, der sie ja unter anderem mit der Frankfurter Küche eine konkrete Gestalt geben wird, zielt auf eine Stellung der Frau, wo „die Berufstätigkeit der Frau“, wie Schütte-Lihotzky schreibt, „in absehbarer Zeit nicht mehr nur zum Dazuverdienen zum Einkommen des Mannes dienen“, sondern „das Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung der Frau Allgemeingut werden“ würde.

Einbauküche

Bundesmobilienverwaltung/Edgar Knaack

Auch die „Küchenwerkbank“ findet man schon lange vor zeitgenössischen Küchenansätzen, die für die Essenszubereitung minimalistische Altäre entwickelt haben

Nazi-Zeit und Weltkrieg als Zäsur

Blickt man freilich in die folgenden Jahrzehnte der Küchenentwicklung, dann hat sich der Küchenraum weiter ökonomisiert. Auch die Küchenmöbel haben sich weiterentwickelt. Die Debatte der 1920er Jahre zur Weiterentwicklung von Geschlechterrollen scheinen durch Nationalsozialismus und Weltkrieg wie ausgelöscht.

Einbauküche

Bundesmobilienverwaltung/Edgar Knaack

Einbauküche und Einbaugeräte in Modulmöbelform

In der funktionellen Küchenwelt der Wiederaufbaujahrzehnte ist zwar Rationalisierung der Handlungsabläufe oberstes Gebot im Küchenraum. Die Rollenverteilung in der Familie scheint klar. Es ist die „Hausfrau“, wie Ottilinger zeigt, die in den funktionalen Küchenraum abgeschoben wird.

Ein in dem Band zitierter Ratgeber zum „Neuen Wohnen“ des Gewerkschaftsbundes aus dem Jahr 1957 gibt so praktische wie klare Antworten auf die Frage „Wie richten wir unsere Wohnung ein?“: Die Küche, sie ist „der Arbeitsplatz der Frau“. Die neuen Wohnungen sollten, wie es in Wohnkunden der 1950er Jahre hieß, auf das Familienleben ausgerichtet sein. Ein großer Zentralraum „gehört der Familiengemeinschaft“, liest man im Ratgeber „Neues Wohnung“ (hrsg. von Robert Stern, 1956), und: „Die Küche oder Kochnische solle unmittelbar anschließen, damit die Wege der Frau so kurz wie möglich gehalten werden. Die Mutter hat so auch die Möglichkeit, die Kinder im Wohnraum zu beaufsichtigen. Die Küche soll zur Speisenzubereitung und zum Abwaschen dienen.“

Einbauküche

bulthaup

Einbauschrank der Gegenwart. An den Fetisch Zweikreis-Espressomaschine darf eher der Mann ran.

Raus aus dem Kleinraum

Solange die Küche Einbauküche im Kleinraum bleibt, halten sich Rollenklischees. Das macht die historische Betrachtung, die dieser Küchenband ermöglicht, deutlich. Die Enge der Einbauküche wurde zum Rollengefängnis. „Eine Küche, in der sich praktisch nur eine Person aufhalten kann, ist ein Unding“, befand der Gründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm, Otl Aicher.

Buchcover

Böhlau Verlag

Buchhinweis

Küchen/Möbel. Design und Geschichte, hrsg. von Eva B. Ottillinger, 165 Seiten, Böhlau Verlag, 29,90 Euro. Das Buch erscheint in Verbindung mit der noch bis zum 26. Juli laufenden gleichnamigen Ausstellung im Wiener Hofmobiliendepot.

Aicher, einer der wichtigsten Nachkriegsdesigner Deutschlands, bewegte sich mit seiner für Bultaup entwickelten Reintegration von Wohnraum und Küche just in eine Richtung, die Adolf Loos schon angedacht hatte, aus „rein evolutionistischen, modernen gesichtspunkten heraus“, wie Loos 1926 schrieb: „Der erste einwand gegen die wohnküche ist immer: wir wollen ein zimmer haben, in dem es nicht stinkt. Auf die frage, woher der gestank komme, sagt man mir: vom kochen. Aber für die ernährung des menschen wär es gut, wenn so gekocht würde, daß es nicht stinkt (...).“ Die Küche „durchwärmt“ für Loos das ganze Haus auch auf einer symbolischen Ebene, auch wenn er in seinem Rollenverständnis noch reflektiert, dass man mit der Wohnküche „die hausfrau entlastet und ihr stärkeren anteil an der wohung gibt, als wenn sie die zeit des kochens in der küche verbringen muss“.

Gemeinsam speisen, gemeinsam kochen

Für die Küche der Gegenwart ist der Arbeitstisch im Raum, an dem „gemeinsam Speisen zubereitet werden können“ - der Anfang zur Überwindung der Rollenklischees, in dem die Mutter mit der Dienstmagd vermählt war. Für Aicher und seine Küchenkonzeption ist Kochen Teil vom Essen - und Essen gehört eng verschränkt mit dem Wohnen.

Im gemeinsamen Wohnraum sollen auch die Rollenklischees der Speisenzubereitung verschwimmen. Einziger Haken der neuen „Küchenwerkbank“: Sie steht meist in Haushalten mit sozialer Besserstellung, die am Ende gar nicht selbst kochen müssen und die „Küche kalt lassen“, um fein auswärts zu tafeln.

Gerald Heidegger, ORF.at

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