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Empörung über Umgang mit Opfern

Vor dem Eintreffen ausländischer Luftfahrtexperten herrschen an der Absturzstelle der Boeing 777 in der Ostukraine chaotische Zustände. Bewaffnete und zum Teil maskierte Separatisten behinderten die Arbeit der Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) östlich von Donezk, so deren Sprecher Michael Bociurkiw am Samstagabend zu CNN.

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„Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren“, so Bociurkiw. Am Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie landeten am Samstag in Kiew.

Rutte: „Schockiert“ über Bilder von Absturzstelle

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Die meisten der 298 Passagiere an Bord von Flug MH17 waren Niederländer. Den Rettungskräften zufolge wurden bisher 196 der 298 Opfer geborgen. Die Leichen sollen laut OSZE nach Angaben der Rebellen mittlerweile in einen Zug mit Kühlwaggons gebracht worden und auf dem Weg nach Donezk sein. Timmermans hatte sich zuvor während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko „schockiert“ und „empört“ über den Umgang mit den Leichen am Absturzort gezeigt.

Pro-russische Rebellen stehen an der Absturzstelle, einer von ihnen hält ein Plüschtier hoch

APA/AP/Dmitry Lovetsky

Ein Separatist hält das Stofftier eines Opfers hoch

Auch der niederländische Regierungschef Mark Rutte zeigte sich am Samstag „schockiert“ über Bilder von „schamlosen“ prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten. Niederländische Banken leiteten unterdessen Vorsichtsmaßnahmen gegen möglichen Kreditkartenbetrug ein. Es gebe Berichte, wonach Kreditkarten von Absturzopfern vom Trümmerfeld „gestohlen“ worden seien, teilte der niederländische Bankenverband am Samstag mit. Mögliche illegale Abbuchungen würden den Angehörigen ersetzt, hieß es in der Erklärung.

Gepäck der verunglückten Passagiere

APA/AP/Dmitry Lovetsky

Das Gepäck der Passagiere auf einer Wiese

Blackbox gefunden?

Nach eigenen Angaben fanden die Separatisten am Sonntag möglicherweise die Flugschreiber der Boeing. Ukrainischen Ermittlern wollen die Separatisten sie nicht aushändigen, da sie ihnen nicht vertrauen. Das Material könne jedoch „internationalen“ Ermittlern übergeben werden, hieß es. Die Regierung in Kiew hatte zuvor den Separatisten vorgeworfen, Beweise „ihrer Mitwirkung an dem Unglück“ zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen. Die Separatisten wiesen alle gegen sie gerichteten Vorwürfe zurück.

Die Maschine von Malaysia Airlines war am Donnerstag mit 298 Menschen an Bord im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt. Vieles deutet darauf hin, dass die Boeing 777 mit einer Boden-Luft-Rakete aus von den prorussischen Separatisten kontrolliertem Gebiet abgeschossen wurde.

Trümmerteile der abgestürzten Boeing

Reuters/Maxim Zmeyev

Die Trümmer sind kilometerweit verteilt

Rebellen „wenig vertrauenerweckend“

Bei der Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeuges halten sich nach Angaben des Schweizer Botschafters bei der OSZE, Thomas Greminger, außerdem zu viele Menschen auf. Angesichts der schwer bewaffneten Separatisten vor Ort hat Greminger Sicherheitsbedenken.

„Es hat zu viele Leute. Das beunruhigt uns“, sagte Greminger in einem Interview, das in der „SonntagsZeitung“ und in „Le Matin Dimanche“ erschien. Es hielten sich Rebellen, Journalisten und bald auch internationale Delegationen sowie Angehörige bei der Absturzstelle auf. Der ukrainische Vizeregierungschef Wladimir Groisman sprach von bis zu 900 Aufständischen rund um die Absturzstelle nahe der Ortschaft Grabowo.

Wenig vertrauenerweckend seien die Leute an Ort und Stelle. „Die Rebellen sind schwer bewaffnet - und das ist noch ziemlich diplomatisch ausgedrückt“, sagte Greminger weiter. Unklar sei auch, ob die Separatisten die Gruppen unter Kontrolle hätten. „Unsere Beobachter kehren zu ihrer eigenen Sicherheit abends nach Donezk zurück.“ Keine Kenntnisse habe die OSZE allerdings davon, dass Rebellen Habseligkeiten der Absturzopfer gestohlen hätten.

Die trilaterale Kontaktgruppe (Ukraine, Russland, OSZE) werde mit den Separatistengruppen in Kontakt bleiben, „damit diese ihre Versprechen bezüglich Zugang, Korridor und Zusammenarbeit einhalten“, sagte Greminger weiter. Das sei unerlässlich für die Arbeit der internationalen Ermittler. Die OSZE-Beobachter sollen laut Greminger für die Dauer der Untersuchungen an Ort und Stelle bleiben.

Rebellen wollen Abkommen „mit Republik Donezk“

Die prorussischen Separatisten wollen die Sicherheit der internationalen Ermittler am Ort des Absturzes der malaysischen Passagiermaschine unter der Bedingung garantieren, dass Kiew in einen Waffenstillstand einwilligt. Die ukrainische Regierung werde aufgefordert, ein solches Abkommen mit der „Republik Donezk umgehend einzugehen“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident der selbst proklamierten Volksrepubik, Andrej Purgin, am Sonntag. Die Waffenruhe müsse „zumindest für die Dauer der Untersuchung“ am Absturzort gelten.

Kerry: „Inakzeptable Sicherheitslage“

In einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow kritisierte US-Außenminister John Kerry die Zugangsbeschränkungen für internationale Ermittler zur Absturzstelle. Kerry sei „zutiefst besorgt“, dass Experten der OSZE und anderen Ermittlern „ein angemessener Zugang“ verwehrt werde, berichtete sein Ministerium am Samstag aus dem Gespräch mit Lawrow.

Zudem kritisierte Kerry, dass Berichten zufolge bereits Leichen und Trümmerteile weggebracht wurden. Russland müsse seinen Einfluss auf die Separatisten geltend machen. In einer Mitteilung verurteilte Kerrys Sprecherin Jen Psaki am Samstag in Washington eine „inakzeptable“ Sicherheitslage an der Absturzstelle. Die Zustände in der Gegend seien „ein Angriff auf all jene, die ihnen liebe Menschen verloren haben und auf die Würde, die den Opfern gebührt“.

Ukraine: Stellungen von Russland aus beschossen

Unterdessen sollen ukrainische Stellungen nach Angaben der Regierung in Kiew in der Nacht auf Sonntag zweimal von Russland aus beschossen worden sein. Mörsergranatenangriffe seien kurz nach Mitternacht (Ortszeit) verzeichnet worden und dann noch einmal etwa zwei Stunden später, hieß es auf einer von der Regierung eingerichteten Facebook-Seite. In beiden Fällen sei aus Richtung Russlands geschossen worden.

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