Fangobergrenzen fehlen
Die Überfischung des Mittelmeers nimmt dramatisch Ausmaße an, warnt eine aktuelle Studie griechischer Wissenschaftler. Während sich die Fischbestände im Nordostatlantik aufgrund besserer gesetzlicher Bestimmungen und Kontrollen in den vergangenen zehn Jahren erholen konnten, schrumpfen die Bestände im Mittelmeer seit über zwei Jahrzehnten.
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Seit 1990 werden immer mehr und vor allem junge Fische aus dem Mittelmeer geholt, belegt die umfassende Studie unter Leitung des Meeresbiologen Paraskevas Vasilakopoulos vom Hellenic Center for Marine Research in Griechenland. Für die im Fachmedium „Current Biology“ veröffentlichte Studie wurden Fischfangdaten von 1990 bis 2010 von insgesamt 42 Beständen von neun Fischarten wie Seehecht, Meerbarbe, Sardellen und Sardinen ausgewertet. Darüber hinaus halten die Wissenschaftler aber die Bestände zahlreicher weiterer Fischarten im Mittelmeer für gefährdet.

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Meerbarben zählen im Mittelmeer zu den überfischten Arten
70 Prozent überfischt
Die Überfischung und der Druck der Fischerei nahmen in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich zu. 2010 sei erstmals bei allen Arten der höchstmögliche Dauerertrag überschritten worden, so die Studie. Darunter versteht man die maximale Fangmenge, die gefischt werden darf, ohne den Bestand der Art zu gefährden. Ausschlaggebend für den schrumpfenden Bestand sei auch, dass viele Fische bereits gefangen werden, bevor sie die Geschlechtsreife erreicht haben. Davon sind vor allem Meerbarben und Seehechte betroffen, die auf dem oder nahe dem Meeresboden leben und daher in großen Mengen in Grundschleppnetzen landen.
80 Mio. Tonnen Fang pro Jahr
19 Kilogramm Fisch werden jährlich pro Kopf der Weltbevölkerung verzehrt. Die Nachfrage steigt. Aus Fischzucht werden mittlerweile mehr als 90 Mio. Tonnen gewonnen. Weltweit werden 80 Mio. Tonnen Fisch jährlich direkt aus dem Meer geholt. Insgesamt sind laut UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) knapp 30 Prozent der Fischbestände überfischt.
Mindestens 96 Prozent der bodennahen Arten im Mittelmeer seien überstrapaziert, hieß es Ende Juni auch vonseiten der EU-Kommission. Fische aus mittleren Tiefen wie Sardinen und Sardellen seien zu mehr als 70 Prozent überfischt. „Die schlechte Lage im Mittelmeer bereitet mir große Sorgen“, sagte EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki.
Laxe Regeln, schwierige Kontrolle
Außer beim Roten Thun gibt es bisher im Mittelmeer keine Fangobergrenzen. Die Lage ist im Gegensatz zu den nordeuropäischen Gewässern unübersichtlicher. Denn es gibt mehr Fischarten, mehr Kutterflotten und mehr Fischer, die mit unterschiedlichen Fangmethoden nur kleine Mengen aus dem Meer holen. Zu Flottengrößen und Fangzeiten müssen daher von den Anrainerstaaten nationale und regionale Regeln erlassen werden, die für die EU-Kommission oft nicht weit genug gehen.
Auch für die griechischen Wissenschaftler ist die Besonderheit der Situation im Mittelmeer mitverantwortlich für die schlechtere Lage als etwa im Nordatlantik. Schwierig sei hier vor allem auch die Kontrolle von bestehenden Vorschriften, so die Studie. Denn die Fänge würden an vielen Häfen angelandet, meist ohne dabei offizielle Stellen zu passieren. Die finanziell angespannte Situation einiger Mittelmeer-Länder erschwere die Situation zusätzlich.
„Es ist Zeit, dass die EU und die regionalen Regierungen Fischereiforschung und -management im Mittelmeer ernster nehmen“, fordert Vasilakopoulos: „Es sind größere Investitionen nötig, um durch die Erhebung und Auswertung von Daten guter Qualität zu Biologie und Ausbeutung mediterraner Fischbestände die Fischereiforschung zu verbessern.“
Stolpernde Reformbemühungen
Mit einer bereits beschlossenen Fischereireform sollen nun strapazierte Bestände schonender befischt werden. Laut der Reform sollen künftig alle gefangenen Fische an Land gebracht werden - auch versehentlich gefischte. Das soll die Kontrolle der Behörden erleichtern, ob die erlaubten Fangmengen eingehalten wurden.
Details sind unter EU-Ländern aber weiterhin strittig. Offen ist etwa, was mit kleinen Fischen geschehen soll. Nur Tiere mit einer bestimmten Größe sind in Europa zum Verzehr freigegeben. Einige Länder treten aber dafür ein, dass auch kleinere Fische als Nahrungsmittel verwendet werden dürfen. Hintergrund der Größenvorgabe: Es soll zumindest in der Theorie verhindert werden, dass zu viele junge und kleinwüchsige Fische gefangen werden, um daraus einen attraktiven Markt entstehen zu lassen.
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