„Ozeane sind ein Failed State“
Aus ökologischer Sicht waren die letzten Jahrzehnte für die Meere und deren Bewohner eine für immer verlorene Zeit. Infolge des industriellen Fischfangs sind viele Arten vom Aussterben bedroht - generell sinkt der Fischbestand immer weiter. Doch die Nachfrage der wachsenden Weltbevölkerung nach Fisch verstärkt sich. Eine Entwicklung, die der Umwelt immens schadet und noch dazu viel Geld kostet.
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Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte ist der Fischfang zu einem gigantischen Geschäft geworden. Jene Länder, in denen der Fischkonsum besonders hoch ist, buttern jährlich Milliarden in den industriellen Fischfang. Japan, China, die USA, die EU sowie andere Länder lassen einem Bericht der Global Ocean Commission (GOC), einer Expertenkommission, die Vorschläge für die UNO erarbeitet, jährlich etwa 27 Milliarden US-Dollar dafür springen, dass sie mit Fisch versorgt werden.
Höhere Fangquoten, weniger Fische
Doch das ist nicht so einfach, wie es klingt - schließlich sind die Hochseegewässer im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten praktisch leergefischt. Da nützt auch die gigantische Größe der Netze nichts, die zwölf Jumbojets einfangen könnten. Zudem ist gegenüber den 50er Jahren etwa das Zehnfache an Schiffen unterwegs. Ohne großen Rechenaufwand stellt sich heraus, dass es für die dahinterstehenden Unternehmen einen steigenden Aufwand bedeutet, die Fangvorgaben erfüllen zu können.
Immer länger müssen die riesigen Schiffe zur Erfüllung der Quote unterwegs sein - damit steigt auch der finanzielle Aufwand, die westlichen Industrieländer investieren deshalb allein fünf Milliarden Dollar pro Jahr in Treibstoff für die Schiffe, wie die GOC für ihren Bericht errechnete. Die mit öffentlichen Geldern versorgten Fischerei- und Fischverarbeitungsunternehmen arbeiten also kaum noch rentabel - für dieselbe Menge an Fischen sind die Schiffe länger unterwegs und benötigen mehr Treibstoff.
Kostspielige Leerläufe
Die immer kostspieligeren Leerläufe auf hoher See bringen zwangsläufig immer weniger Ertrag, weil es immer weniger zu fangen gibt. Für unrentable Unternehmen werden also gigantische finanzielle Mittel aufgewendet - mit dem Effekt des systematisch ausgeprägten Raubbaus an der Umwelt, denn für nachhaltigen Fischfang fehlen die Fische - und auch das Geld. Schließlich wird der industrielle Massenfang noch immer weit höher gefördert als Unternehmen, die im Sinne der Nachhaltigkeit arbeiten - nicht zuletzt aus Gründen des höheren Ertrags.
Es ist auch in ökonomischer Hinsicht ein Irrlauf: Viele der Firmen könnten ohne die Subventionen gar nicht überleben und müssten den Betrieb einstellen - in wirtschaftswissenschaftlicher Hinsicht handelt es sich hierbei um Zombie Companies (Zombie-Unternehmen). Diese Art von Unternehmen verursachen eine Reihe von Folgeproblemen: Sie bekommen jene finanzielle Zuwendung, die verhindert, dass sich neue, produktivere Unternehmen etablieren können.
Schwerwiegende Folgen
Noch dazu können sie die Preise (infolge der Subventionen) niedrig halten, auch das drängt andere Unternehmen aus dem Wettbewerb. Zudem fischen sie jenen, die auf Nachhaltigkeit setzen (teilweise auch zwangsweise; aus finanziellen Gründen), die immer kleiner werdenden Bestände weg. Doch nicht alle Förderungen gehen ins Leere bzw. laufen dem Naturschutz zuwider.
Sinnvoll erscheinen etwa Förderungen, die Ressourcenmanagement bzw. Bestandsschätzungen gewidmet sind. Das freilich mit einer klaren Rechnung im Hintergrund - so werden 16 Mrd. Dollar jährlich für Planungsarbeit aufgewendet, wie man billiger zu höheren Fangerträgen kommen kann. Ein, wie die GOC meint, schwieriges Unterfangen - schließlich ist die Tiefseeflotte der globalen Fischerei zweieinhalb Mal so groß, wie sie in Bezug auf Nachhaltigkeit sein sollte.
„Geplünderter Teil des Planeten“
Kürzlich hatte die GOC den Regierungen noch dringend nahegelegt, binnen der kommenden Jahre harte Regelungen in Sachen Fischereipolitik festzulegen. Auch müssten über manche Gebiete Fangverbote verhängt werden, schließlich seien die „Ozeane ein Failed State“ (gescheiterer Staat, Anm.), wie David Miliband, ehemaliger britischer Außenminister und nunmehriger Kovorsitzender der Kommission kürzlich meinte.
„Ein zuvor unberührtes Gebiet ist zu einem geplünderten Teil des Planeten geworden“, sagt Miliband - und meint damit alle Ozeane. Eine Studie des Strategieberaters McKinsey zeigte vor kurzem, dass ein generelles Hochseefischereiverbot jeden Erdenbürger im Schnitt zwei Euro kosten würde - mit einem positiven Effekt: Die Erträge an den Küstenregionen würden massiv steigen - in Zahlen ausgedrückt auf vier Euro pro Mensch.
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