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Garcia Marquez’ Autobiografie

Autobiografien sind heikle Unterfangen. Was erzählt man in dieser Geschichte des eigenen Lebens? Selten, so wissen wir schon von Goethe und dem programmatischen Titel seiner Lebensgeschichte „Dichtung und Wahrheit“, das, was wirklich geschah. Der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez hat ein halbes Jahrhundert an einem poetischen Reich an Geschichten und Fabeln gesponnen.

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Von 1989 bis 2002 saß „Gabo“, wie der verstorbene Autor von seinen Freunden und Fans genannt wurde, aber an seinem Opus magnum - der Erzählung seines eigenen Lebens. Marquez nahm dabei vor allem den Anspruch „Erzählung“ ernst. Seine Autobiografie will nicht im Detail das rekonstruieren, was war, sondern die Teile der eigenen Biografie und der seiner Familie aus der Erinnerung zu einer zusammenhängenden Erzählung formen. „Unser Leben ist nicht das, was geschah, sondern das, was wir erinnern und wie wir erinnern - um davon zu erzählen.“

Literarische Reise in die Kindheit

Die Konstruktion seiner Autobiografie ist dementsprechend so kunstvoll wie viele seiner Romane. Da erinnert sich ein alter Schriftsteller an den jungen Schriftsteller, der er einmal war. Und der junge Schriftsteller kehrt zurück an die Orte seiner Kindheit. „Meine Mutter bat mich darum, sie zum Verkauf des Hauses zu bitten.“ So lapidar beginnt die Lebenserzählung. Doch ist der Beginn wie so oft bei Marquez Programm.

Der junge Autor kehrt gemeinsam mit der Mutter im Alter von 22 Jahren zurück an den Ort seiner Kindheit: Aracataca in Kolumbien, das Macondo in den Romanen von Marquez. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Sohn gerade sein Jusstudium abgebrochen und sich an seine ersten literarischen Gehversuche gemacht. Finanziell über Wasser hielt er sich mit Meldungen und Kommentaren für die Zeitung „El Heraldo“.

Auf einem verrotteten Schiff reist er mit der Mutter zurück - über den Rio de Magdalena, durch die Sumpflandschaft der Cienaga. Es ist zugleich eine Reise zurück in die Erinnerung. Zwei Tage verbringt der junge Schriftsteller mit seiner Mutter in Aracataca, und es sind Tage, die in der Erinnerung eine ganze Welt auferstehen lassen. „Ich erinnerte mich an alles, was mich in meiner Kindheit beeindruckt hatte, doch ich war mir nicht sicher, ob das alles in meinem Leben irgendetwas bedeutet hatte“, heißt es da.

Erinnerungen an die Familie

Die Erinnerungen des ältesten von elf Geschwistern drehen sich immer wieder um die Familie, vor allem um die Eltern, deren Leben Marquez literarisch nicht nur in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ein Denkmal gesetzt hat. Luisa Santiaga Marquez, die Ende der 1990er Jahre im Alter von 97 Jahren als Großmutter von über hundert Enkeln und Urenkeln gestorben war, hatte die Romane ihres Sohnes nie gelesen. Das Leben ihrer Familie sei ja das Rohmaterial seiner Bücher gewesen; das, was er geschrieben habe, habe sie gelebt, sagte sie einmal.

Buchhinweis

Gabriel Garcia Marquez: Leben, um davon zu erzählen. S. Fischer, 608 Seiten, 10,30 Euro.

In genau diesen Tönen erinnerte sich Marquez, etwa, wenn er in der Autobiografie über Vater und Mutter schreibt: „Meine Eltern waren beide vorzügliche Erzähler.“ Marquez, der gegen alle Zweifel seines Vaters von der Idee nicht abrückte, Schriftsteller zu werden, waren die Stoffe für seine Bücher geradezu in die Wiege gelegt.

Autobiografie blieb unvollendet

Für den Leser seiner Romane ist die Autobiografie aus diesem Grund spannend: Viele Gestalten der Romane bekommen einen realen Hintergrund, werden aus der Fiktion in das Leben des Autors quasi zurückgeholt. Von der Kindheit bis zum Beginn seiner literarischen Karriere reicht der Zeitrahmen von „Leben, um davon zu erzählen“. Drei weitere Bände, in denen die Autobiografie fortgesetzt werden sollte, konnte der Autor nicht mehr verwirklichen.

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