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„Würde hat man keine mehr“

Man muss nicht die ganz schlimmen Fälle aufzählen, grobe Fehler, wie sie in jeder Branche vorkommen können, weil Kontrolle niemals lückenlos sein kann. Es reicht, im Pflegebereich den Alltag zu beobachten, um zu erkennen, woran das System krankt.

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Frau S. erinnert sich. 2012 war ihre Mutter, über 80 Jahre alt und krank, mehrere Monate auf der Pflegestation eines Wiener Seniorenheimes untergebracht. Es gibt dort einen Aufenthaltsraum, der allerdings auch Speisezimmer und Durchgangszimmer ist, mit unbequemen Sesseln. Der Fernseher lief ständig, weitgehend ignoriert von den Patienten. Es gibt Bilder an den Wänden und der Balkon für frische Luft ist gleich ums Eck. Dennoch: Eine Wohlfühlumgebung sieht anders aus. Und die Menschen blieben meist sich selbst überlassen.

„Die Alte kann warten“

Man kümmerte sich um ihre Mutter, sagt Frau S., aber die Stimmung sei keine von Menschlichkeit und Wärme geprägte gewesen. Einmal fragte sie, ob ihre Mutter gewickelt werden könne. Als Antwort bekam sie ein unfreundliches „Warum schon wieder? Wir haben sie heute schon fünfmal gewickelt.“ Natürlich wurde sie sofort gewickelt. Aber die Blicke und der Tonfall prägten sich ein. Immer wieder musste Frau S. beobachten, wie Patienten „ausgeschimpft“ wurden.

Von einer besonders unangenehmen Situation berichtet die Schwiegertochter von Frau S. Eine der betagten Patientinnen klammerte sich an ihr fest und bat mit weinerlicher Stimme eindringlich darum, auf die Toilette gebracht zu werden. Die junge Frau ging deshalb zum Balkon, wo eine Pflegerin und ein Pfleger sich eine Pause gönnten und rauchten. Höflich habe sie gefragt, ob man sich um die Dame kümmern könne. Die Pflegerin habe daraufhin die Zigarette ausdämpfen wollen, ihr Kollege habe ihre Handbewegung aber sanft abgestoppt und leise - aber nicht leise genug - gesagt: „Die Alte kann warten.“

Das Scheitern am Alltag

Was etwa nicht nur in diesem, sondern in vielen Pflegeheimen beobachtet wird: Dass das Abendessen bereits aberwitzig früh serviert wird, damit die Nachtruhe möglichst bald beginnt und somit möglichst lange dauert. Im Notfall wird mit Schlaftabletten nachgeholfen. Ebenfalls kommt es vor, dass Patienten das Trinken zwar nicht verweigert wird, sie aber dennoch dazu angehalten werden, gerade am Abend etwas weniger Flüssigkeit zu sich zu nehmen, damit sie nicht so oft aufs Klo gehen bzw. gewickelt werden müssen.

Selbst die „schwarzen Schafe“ werden gebraucht

Die Gewerkschaft kritisiert in diesem Zusammenhang den „Pflegekatalog“. Dieser schreibt fest, welche Leistungen bei welcher „Pflegegeldstufe“ des Patienten inkludiert sind. Auf Basis dieses Katalogs werden die notwendigen Tätigkeiten festgelegt und Dienstpläne in der mobilen Pflege und in Heimen erstellt. Man rechnet etwa aus, dass bei vierzig Patienten auf einer Station während der Nacht eine gewisse Anzahl von Aktivitäten anfällt. Daraus ergibt sich die Zahl an Pflegerinnen, die eingeteilt wird.

Im Pflegekatalog, so Gewerkschafterin Michaela Guglberger, sei etwa festgehalten, dass jemand bei einer bestimmten Pflegestufe viermal am Tag gewickelt werde bzw. Zeit für die Notdurft habe, was jeweils 15 Minuten dauern dürfe. Nur das Unvorhergesehene werde für die Dienstpläne nicht miteinberechnet. Dass sich jemand übergibt, dass ein Notfall eintritt, dass psychische Probleme plötzlich akut werden - oder was auch immer. Frau M., eine Pflegerin, sagt im Gespräch mit ORF.at: „Das Unvorhergesehene passiert immer.“ Das heißt: Die Überforderung ist einprogrammiert.

Und auf diese Überforderung reagieren manche der Pflegerinnen und Pfleger falsch. Schwarze Schafe zu kündigen kann sich eine Institution aber kaum leisten - sonst bricht der Dienstplan endgültig zusammen. Der Grund: Zu wenig Personal, zu wenig Geld.

Mehr Zeit, mehr Menschlichkeit

Frau S. sagt, am nettesten seien auf der Pflegestation ihrer betagten Mutter jene gewesen, die am meisten Zeit gehabt hätten: die Zivildiener. Die hätten sich sogar zu den älteren Menschen an den Tisch gesetzt und „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt: „Die waren menschlich.“ Mehr Menschlichkeit, die wäre auch vonseiten des Pflegepersonals wünschenswert gewesen.

Die Familie von Frau S. war sich übrigens nicht einig, manche fanden das Heim in Ordnung. Andere wollten die „Oma“ lieber woanders unterbringen. Die alte Dame selbst wollte trotz so mancher gestresster Pflegekraft in kein anderes Heim, beziehungsweise äußerte sie sich nicht eindeutig und sagte zu verschiedenen Angehörigen einmal dies, einmal das. Zu Frau S. sagte sie unter anderem: „Würde hat man keine mehr.“

Simon Hadler, ORF.at