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„Das Schönste in meiner Karriere“

Frau K. ist seit 25 Jahren Pflegerin. Im Interview mit ORF.at erzählt sie, dass sie mit Herz dabei ist und ihren Beruf eigentlich liebt. Dass aber alles schwieriger geworden ist, eigentlich schlechter. Für die Pflegerinnen und die Gepflegten. Sie erzählt aber auch eine Geschichte aus besseren Zeiten. Von einer glücklichen Pflegerin und einer glücklichen Gepflegten.

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Eine alte Dame wurde pflegebedürftig. Die Tochter entschloss sich dazu, eine Heimhilfe zu engagieren. Vier Stunden bezahlte die öffentliche Hand, drei weitere Stunden legte die Familie aus eigenen Mitteln drauf. Ein ungewöhnliches Modell, aber Frau K. wurde von ihrem Dienstgeber erlaubt, zu den vier Stunden über die Institution auch die drei privat bezahlten zu übernehmen. Sprich: Sie war fünf Tage die Woche sieben Stunden pro Tag bei der Klientin.

Die Tochter konnte sich weiterhin um andere Verpflichtungen kümmern. Frau K. hatte geregelte Arbeitszeiten. Und, am wichtigsten: Die betagte Frau hatte eine Ansprechperson, eine Begleiterin, zu der sie über viele Monate hinweg ein Vertrauensverhältnis, fast so etwas wie eine Freundschaft aufbauen konnte.

Spielen, lesen, Spaziergänge

„Schon wenn ich gekommen bin, ist sie aufgeblüht“, erzählt Frau K. Bei gemeinsamen Spaziergängen habe sie Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählt. Besonders gern sprach sie über Salzburg, wo sie einmal gearbeitet hatte. Die Pflegerin erinnert sich gerne an diese Spaziergänge: „Das war das Schönste in meiner Karriere.“ Endlich einmal ein bisschen Spielraum zu haben, wo man einem Klienten Freude bereiten könne, zum Beispiel um etwas zu spielen oder zu lesen.

Menschen mobilisieren Kräfte, sagt Frau K., wenn man gemeinsam mit ihnen arbeitet. Wenn man sie animiert zu gehen, sich, wo es geht, noch selbst zu waschen, Kreuzworträtsel zu lösen. Zu solchen Aktivitäten müssten Pflegebedürftige erst motiviert werden, sie könnten sich von alleine nicht dazu aufraffen: „Sie brauchen Ansprache.“ Das ist dann auch gut für den Gesundheitszustand.

„Ein Begleiten bis zum Schluss“

Wunder darf man sich dennoch nie erwarten. Auch für jene Frau, um die sich Frau K. so intensiv kümmerte, kam der Zeitpunkt, an dem es bergab ging. Die Tochter kam in der Früh, um Frühstück zu machen, und hatte dann immer schon eine diplomierte Pflegerin dabei. Danach übernahm erst Frau K. Später war immer öfter auch der Pfarrer anwesend, als es immer schlechter wurde: „Sie war so eine liebe Frau. Einmal hat sie sich übergeben, sie hatte Schmerzen. Ich habe nichts waschen müssen, ich habe es nur in die Badewanne geschmissen, das hat die Tochter dann gemacht. Ich habe die Tochter angerufen, die ist auch gekommen.“

Frau K. erinnert sich noch genau an ihren letzten Tag mit ihrer Klientin: „Es war wirklich schön. Ein Begleiten bis zum Schluss. Bevor sie starb, hatte ich sie noch angezogen. Es hat alles gepasst. Sie wollte zu Hause sein und zu Hause sterben. Das ist ihr gelungen. Das war ein schönes Begleiten. Heute gibt es so etwas kaum noch.“

Wenn alle zusammenhelfen

Am nächsten Tag, als in der Früh bereits die Tochter und der Schwiegersohn anwesend waren, habe sie sofort gewusst: Ihre Klientin ist tot. Am Abend, als sie zu ihrer Mutter gekommen sei, habe diese nicht mehr gelebt, aber noch immer ein Lächeln auf den Lippen gehabt, sagte die Tochter. Sie hatte die Pflegefirma absichtlich nicht informiert, damit Frau K. es von ihr selbst erfährt. „Sie haben mir sogar die ganzen sieben Stunden bezahlt, damit ich nach Hause gehen konnte. Dann haben sie mir noch einen Topf geschenkt, den die Mutter getöpfert hatte, mit ihren Initialen unten.“

Was Frau K. hier erzählt, ist der pflegerische Idealfall, der in dieser Art nur selten vorkommt. Die öffentliche Hand und die Familie haben finanziell und vom Arbeitsaufwand her zusammengeholfen, damit es der alten Frau möglichst gut geht. Eine Pflegerin wurde regelmäßig beschäftigt, offiziell angemeldet - und nicht illegal unter unwürdigen Bedingungen und ohne Versicherungsschutz. Die Familie hatte Sicherheit, dass es der Frau gut ging, die Pflegerin konnte ihren Beruf zufrieden und erfüllend ausüben. Und die Gepflegte - sie starb mit einem Lächeln auf den Lippen.

Simon Hadler, ORF.at