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Wie in einem Horrorfilm

Meuterei, Morde und Massaker: Seit gut 20 Jahren wird der Osten der Demokratischen Republik Kongo von immer neu aufflammenden Konflikten heimgesucht. Seit ein paar Monaten hat die Gewalt wieder erschreckende Ausmaße angenommen, über 100.000 Menschen sind auf der Flucht. Die Hintergründe sind verzwickt und haben ihre Wurzeln unter anderem im ruandischen Völkermord von 1994.

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Aber für die Menschen, die unschuldige Zeugen dieses Alptraums sind, macht es keinen Unterschied, welche Rebellengruppe oder Miliz gerade am Werk ist. Sie bangen um ihr Leben - und müssen oftmals alles zurücklassen, um sich in Sicherheit zu bringen. „Die Angreifer sind plötzlich in unser Dorf gekommen“, sagt eine Frau aus der besonders schlimm betroffenen Provinz Süd-Kivu.

Menschen verbrennen in angezündeten Häusern

„Auf Häuser mit Metalldach haben sie Benzin geschüttet, um sie niederzubrennen. Wenn das Dach aus Blättern oder Gras bestand, haben sie das Haus direkt mit Feuer angezündet und die Menschen darin verbrannt.“ Der Mutter von vier Kindern gelang die Flucht, in letzter Minute. Aber sie hat bei der Attacke sämtliche Besitztümer verloren.

Zudem wurde sie verletzt und suchte Hilfe bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), einer der ganz wenigen medizinischen Organisationen, die sich überhaupt noch trauen, in den Kivu-Provinzen zu arbeiten. Schon mehrmals mussten die Mitarbeiter ihre Arbeit einschränken oder unterbrechen, seit die Gewalt im April wieder lebensbedrohliche Ausmaße angenommen hatte.

Eltern vor den Augen der Tochter niedergemetzelt

„Wenn man die Patienten zählt, die jüngst mit Schusswunden oder Machetenwunden in unseren Krankenhäusern aufgenommen wurden, vermittelt das vielleicht einen Eindruck davon, welch enormen Auswirkungen dieser Konflikt auf die Gesundheit der Menschen hat“, hieß es in einer MSF-Mitteilung.

Eine andere Frau aus Nord-Kivu berichtete, wie ihre Eltern vor ihren Augen niedergemetzelt wurden. „Meine Mutter war zu schwach, um zu fliehen. Sie haben sie mit einer Machete aufgeschlitzt und getötet. Mein Vater wollte weglaufen, aber sie haben ihn erschossen.“ Erzählungen wie aus einem Horrorfilm. Aber worum geht es in dieser neuerlichen blutigen Auseinandersetzung und wer kämpft da eigentlich gegen wen?

Zwischen Meuterei und Milizenterror

Im Grunde handelt es sich um eine regelrechte Meuterei von wichtigen Teilen der kongolesischen Armee. Die Kämpfer gehörten zuvor der Tutsi-Rebellengruppe CNDP an und wurden im März 2009 in die Streitkräfte eingegliedert. Das sollte den von Bürgerkriegen geplagten Osten des Landes stabilisieren. Doch werfen die Rebellen der Regierung in Kinshasa das Scheitern des damals vereinbarten Friedensprozesses vor.

Im Mai gründeten sie die Bewegung des 23. März, eine Rebellenarmee, die sich seither fast täglich schwere Gefechte mit den Regierungstruppen liefert. Die Meuterer sind angeblich Anhänger des ehemaligen Militärführers Bosco Ntaganda, der vom Haager Internationalen Strafgerichtshof (ICC bzw. IStGH) unter anderem wegen Massenvergewaltigungen und des Einsatzes von Kindersoldaten gesucht wird.

Ethnische Hintergründe

Aber der Konflikt hat auch ethnische Hintergründe. Denn 18 Jahre nach dem Genozid in Ruanda, bei dem innerhalb von hundert Tagen mehr als 800.000 Tutsis und Teile der Hutu-Mehrheitsbevölkerung massakriert wurden, leben viele Angehörige der Volksgruppen mittlerweile im Nachbarland. Während übergelaufene Hutu-Milizen anscheinend die Regierungstruppen aus Kinshasa unterstützen, sind die Meuterer größtenteils Tutsis.

So ist es nicht verwunderlich, dass ein interner Bericht der Vereinten Nationen (UNO) kürzlich zeigte, dass Ruanda die Rebellen in der Demokratischen Republik Kongo offenbar mit ausgebildeten Kämpfern und Waffenmaterial versorgt. Die ruandische Regierung von Tutsi-Präsident Paul Kagame rekrutiere und trainiere ruandische Staatsangehörige, gebe diesen Waffen und schicke sie über die Grenze ins Nachbarland, hieß es in dem UNO-Bericht.

Umkämpftes Grenzgebiet

Ort des brutalen Geschehens ist das Grenzgebiet zu Uganda, eine dicht besiedelte und rohstoffreiche Region, in der nun vor allem Zivilisten leiden. Zehntausende sind bereits über die Grenze geflohen, andere suchen in Ruanda Zuflucht, und viele sind Vertriebene im eigenen Land. Vor allem Mütter machen sich Sorgen um die Zukunft: „Ich habe große Angst um meine fünf Kinder und weiß nicht, was mit ihnen geschehen wird, wenn der Krieg weitergeht“, sagte eine Frau den Mitarbeitern von „Ärzte ohne Grenzen“.

Carola Frentzen und Shabtai Gold, dpa

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