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Die wichtigsten Fakten zur Zinsaffäre

Die EU will Konsequenzen aus dem Bankenskandal um die Manipulation zweier international bedeutsamer Zinssätze ziehen, die im Sommer 2012 aufgeflogen war. Künftig sollen der LIBOR und der EURIBOR durch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) mitbeaufsichtigt werden. Von den Manipulationen dürften indirekt auch zahlreiche Verbraucher betroffen gewesen sein.

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Was sind LIBOR und EURIBOR? Bei beiden Begriffen handelt es sich um Abkürzungen. LIBOR steht für den englischen Terminus „London Interbank Offered Rate“, EURIBOR für „Euro Interbank Offered Rate“. Der LIBOR ist der Zinssatz, zu dem einander Banken am Finanzplatz London Geld leihen. Der EURIBOR ist das Pendant für Geschäfte zwischen Banken in der Euro-Zone in der Währung Euro. Genau genommen gibt es nicht nur einen LIBOR oder EURIBOR, sondern viele. Die Zinssätze werden für verschiedene Laufzeiten berechnet - beim EURIBOR zwischen einer Woche und einem Jahr. Den LIBOR gibt es zudem für Geldgeschäfte in verschiedenen Währungen.

Wie werden die beiden Referenzzinssätze berechnet? LIBOR und EURIBOR werden im Auftrag zweier Bankenverbände täglich durch einen Finanzinformationsdienstleister berechnet und gegen jeweils 11.00 Uhr Londoner beziehungsweise Mitteleuropäischer Zeit veröffentlicht. Hinter dem LIBOR steht der britische Bankenverband BBA, hinter dem EURIBOR die European Banking Federation. Grundlage für die Zinssatzberechnung sind Daten, die eine Gruppe festgelegter Banken liefert - die Panel-Banken. Zum EURIBOR-Panel gehören 32 in Europa tätige, internationale Geldhäuser.

Wie wurden LIBOR und EURIBOR manipuliert? Wie die Manipulationen vielfach verlaufen sein dürften, zeigte zuletzt ein Verfahren am Arbeitsgericht Frankfurt am Main. Das Gericht hatte bei der Deutschen Bank bei Mitarbeitern, die in der täglichen Zinsermittlung tätig sind, Anhaltspunkte dafür gesehen, dass diese „in unzulässiger Weise“ mit Finanzmarkthändlern im Konzern kommunizierten, die Finanzprodukte verwalteten, die an die Referenzsätze gekoppelt waren. So war es möglich, dass die Zinsermittler Daten meldeten, die für die Händler der Deutschen Bank günstig waren. In dem Verfahren wehrten sich Mitarbeiter gegen Kündigungen, welche die Deutsche Bank wegen der Manipulationen ausgesprochen hatte.

Wer ist in die Manipulationen verwickelt? In den Zinsskandal ist eine Reihe international tätiger Großbanken aus mehreren Ländern verstrickt. Bei der Deutschen Bank läuft in der Angelegenheit noch eine Sonderprüfung der deutschen Finanzaufsicht BaFin. In Großbritannien gibt es mehrere Klagen gegen beteiligte Bankmitarbeiter vonseiten der Behörde gegen Finanzbetrug. Die britische Großbank Barclays zahlte Millionensummen, um Ermittlungen ein Ende zu setzen. Bei der Schweizer UBS handelte es sich um einen Milliardenbetrag. Die Royal Bank of Scotland musste eine dreistellige Millionenstrafe akzeptieren.

Welche Auswirkungen hatten die Manipulationen? Die Manipulationen dürften zulasten anderer Banken, von Unternehmen und Privatverbrauchern gegangen sein. Von der Entwicklung des EURIBOR und des LIBOR ist eine Vielzahl von Finanzprodukten abhängig. So kann sich etwa die Höhe der Zinssätze für Festgeld daran orientieren und die Renditen von Investmentpapieren wie Geldmarktfonds. Auch sind in verschiedenen Ländern Haus- und Verbraucherkredite an die Referenzmarken gekoppelt, wodurch Verbrauchern erhebliche Kosten entstanden sein können.

Was will die EU ändern? EU-Finanzmarktkommissar Michel Barnier will die Berechnung international bedeutsamer Zinssätze wie LIBOR und EURIBOR unter behördliche Aufsicht stellen. Die nationalen Aufsichtsbehörden sollen dabei mit der ESMA zusammenarbeiten.

Martin Achter, AFP