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Literatur beste Aufklärung

Ein neuer gesellschaftspolitischer Vorstoß sorgt für Aufsehen in Russland. Wenige Wochen nach der Verabschiedung des umstrittenen Gesetzes gegen „Homosexuellenpropaganda“ wettert der einflussreiche Kinder-Ombudsmann Pawel Astachow gegen die Rufe nach Einführung eines Aufklärungsunterrichts an russischen Schulen.

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Junge Russen könnten alles, was sie über Liebe und Sexualität wissen müssten, in der russischen Literatur finden, zitierte die britische Tageszeitung „Guardian“ Astachow, der direkt Präsident Wladimir Putin unterstellt ist. „Ich bin gegen jede Form von Aufklärungsunterricht für Kinder“, sagte Astachow demnach in einem TV-Interview. „Es ist unakzeptabel, etwas zu erlauben, was die Kinder korrumpiert.“

Russland hat eine der höchsten HIV-Wachstumsraten, und in den Schulen gibt es - wegen des Drucks der russisch-orthodoxen Kirche und anderer konservativer Kräfte - keinen Aufklärungsunterricht.

„Kinder züchtig erziehen“

Astachow fordert ein Gesetz, um sexuelle Aufklärung im Unterricht auch künftig zu verhindern, und schlägt stattdessen die Lektüre von Literaturklassikern vor. „Die beste Aufklärung ist russische Literatur. Überhaupt Literatur ganz allgemein. Darin ist alles zum Thema Liebe und Partnerschaft enthalten. Schulen sollen die Kinder züchtig und mit einem Verständnis für die Familienwerte aufziehen“, so Astachow.

Laut „Guardian“ ist das nicht das erste Mal, dass Regierungsvertreter sich öffentlich für den Schutz der „Unschuld“ russischer Kinder aussprechen. Im Sommer hatte das Parlament das umstrittene Gesetz gegen „Homosexuellenpropaganda“ verabschiedet, das jede neutrale Form von Information für Kinder über Homosexualität unter Strafe stellt. Astachow hatte sich auch für das ebenfalls umstrittene Verbot für Adoptionen russischer Kinder durch US-Bürger starkgemacht.

„Es geht nicht nur um Sex“

NGOs dagegen fordern nachdrücklich die Einführung von Aufklärungsunterricht: Tanja Ewlampiewa von der Gruppe Focus-Media betont laut „Guardian“, all ihre Umfragen würden zeigen, dass 90 Prozent der russischen Teenager im Alter von 17 Jahren sexuelle Erfahrungen gemacht hätten - „und die Regierung will ihnen das Recht absprechen, sie richtig darüber aufzuklären“.

Bei Aufklärung gehe es nicht nur um den Geschlechtsakt, so Ewlampiewa. Kinder sollten vielmehr „imstande sein, Themen a la ‚Wie wähle ich den richtigen Partner?‘ und ‚Wie sage ich Nein?‘, zu diskutieren. Wenn wir den jungen Menschen den Zugang dazu verwehren, setzen wir sie einem erhöhten Risiko ungeplanter Schwangerschaften und der Ansteckung mit dem HI-Virus aus.“

Mehr als eine Million Russen sind HIV-positiv, und die Hälfte der Infektionen wurde durch Sex übertragen. Astachow schlug vor, man könne ja alternativ ein Fach der Sowjet-Ära wiedereinführen: „Ethik und die Psychologie des Familienlebens“.

Dramatische Liebesgeschichten

Der „Guardian“ fügte dem Bericht eine Zusammenfassung einiger Liebesgeschichten in russischen Klassikern an, etwa die unglückliche Ehe der Anna Karenina, die Leo Tolstoi in seinem gleichnamigem Romanepos beschreibt, und diese eine Affäre beginnen lässt Das führt zum Zusammenbruch ihrer Ehe und treibt die Romanheldin in die Depression und schließlich zum Selbstmord.

Erst Anfang September hatte ein Abgeordneter von Putins Partei Geeintes Russland einen Gesetzesentwurf vorgelegt, homosexuellen Eltern ihre Kinder wegzunehmen. Der Vorstoß passt in die sozialpolitisch deutlich härtere Linie, die Putin in seiner dritten Amtszeit vertritt - offensichtlich um sich die bröckelnde Unterstützung bei konservativen Teilen der Bevölkerung zu sichern. Allerdings wurde der Entwurf mittlerweile abgelehnt - selbst die für ihr Vorgehen gegen Homosexuelle kritisierte Abgeordnete Jelena Misulina hielt diesen Schritt für nicht umsetzbar.

Menschenrechtsgruppen sehen in Putins harter Linie jedenfalls einen weiteren Schritt, die Rechte für Homosexuelle zu unterminieren. Sie werfen Moskau vor, Homosexuelle zu Sündenböcken für die niedrige Geburtenrate und die rasante Verbreitung des HI-Virus zu machen. Homosexualität wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 entkriminalisiert. Viele Russen sehen darin aber weiter wahlweise eine Krankheit oder ein Verbrechen.

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