Systematische Verfolgung von Frauen
Mit der Verbrennung einer jungen Frau als Hexe ist Papua-Neuguinea Anfang Februar in die Schlagzeilen geraten. Doch der dramatische Vorfall reiht sich in eine jahrelange Reihe von systematischer Gewalt gegen Personen, die angeblich schwarze Magie betreiben - vor allem Frauen. Wissenschaftler sehen darin nicht das Beibehalten archaischer Kulte - im Gegenteil.
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80 Prozent der Bevölkerung von Papua-Neuguinea leben in ländlichen Gebieten, praktisch ohne Zugang zu basalen Gesundheitsversorgungs- und Bildungseinrichtungen. Sie ernähren sich im Wesentlichen von dem, was sie selbst ernten. Noch vor wenigen Generationen war die ländliche Bevölkerung unberührt von jeglichen Außeneinflüssen. Von der Zivilisation wurde sie spät eingeholt, der Bergbauboom hat seine Spuren hinterlassen, auch wenn die Bevölkerung davon praktisch nicht profitiert.
Junge Frau verbrannt
„Wenn jemand stirbt, fragen sich die Menschen, vor allem die Männer, nicht: ,Was steckt dahinter?‘, sondern: ,Wer steckt dahinter?‘“, sagt der Anthropologe und Aberglaubensexperte Philip Gibbs der australischen Nachrichtenwebsite Global Mail. Natürliche Gründe wie Krankheit und Unfälle würden nicht oder nur schwer als solche akzeptiert. Sofort werde die Schuld auf schwarze Magie geschoben.
So war es der Tod eines Sechsjährigen, der aufgebrachte Angehörige nach einem Sündenbock suchen ließ. Die 20-jährige Kepari Leniata wurde in Mount Hagen wegen angeblicher übernatürlicher Kräfte gefoltert und anschließend auf einem Abfallhaufen mit Benzin übergossen und verbrannt.
Nur einige Wochen danach konnte die Polizei zwei weitere Frauen in letzter Minute retten. Auch ihnen wurde der Tod eines Kindes vorgeworfen. Die Ermittlungen ergaben dagegen, dass das Mädchen von zwei identifizierten Männern vergewaltigt und ermordet worden war, die dann selbst dem Lynchmob angehörten.
Riesige Dunkelziffer
Meist sind es Gruppen von jungen Männern die auf Hexenjagd gehen, angetrieben zumeist von Angehörigen eines Opfers, die Vergeltung haben wollen oder fürchten, der böse Zauber könnte sich wiederholen. Menschenrechtsexperten und sogar die UNO sprechen mittlerweile von einem „sozialen Terror“, der die historischen Rituale an Brutalität weit übersteigt und auch in Gebieten vorkommt, wo es gar keine entsprechende Tradition gab.
Wie viele Fälle von Verfolgung es gibt, ist unklar, nur ein Bruchteil wird bekannt, die Dunkelziffer ist wohl riesig. Einig ist man sich, dass das Phänomen seit den 1980er Jahren im Steigen begriffen ist. Allein in der Provinz Simbu soll es jährlich 150 Fälle von Übergriffen, teilweise mit Todesfolgen geben, die Schätzungen gehen aber weit auseinander. Die Opfer sind manchmal Männer, aber zumeist Frauen, berichtet Global Mail, die im Artikel drastische Bilder von verletzten Frauen zeigt.
Frauen als Opfer
Meistens würden die Opfer am Rande der Gesellschaft leben, zumeist seien es alleinstehende Frauen, die keinen Schutz durch Ehemann oder männliche Verwandte hätten, erklärt der Anthropologe Gibbs. Auch ein gesellschaftliches Problem liege dem häufig zugrunde: Frauen müssten bei der Heirat auch ihre Ursprungsfamilie verlassen, sterbe der Ehemann oder gehe die Ehe in die Brüche, stünden sie alleine da. Und solche Frauen seien die ersten, die als Sündenböcke herangezogen würden, wenn es zu vermeintlich nicht erklärbaren Todesfällen komme.
Sadistischer als alte Rituale
Der australische Anthropologe Richard Eves sagte der Website, es sei eigentlich eine wissenschaftliche Binsenweisheit, dass in modernen Gesellschaften der Einfluss von Aberglauben und Hexerei abnehme. Doch während in Europa und Nordamerika diese Entwicklung deutlich zu sehen sei, laufe es in der gesamten Region und vor allem in Papua-Neuguinea eher in die Gegenrichtung.
Dort hätten alte Kulte eine viel bösartigere, sadistischer und voyeuristische Dimension angenommen. Auch die alten Rituale hätten oft tödlich geendet - hätten aber ohne die stundenlange Folterung stattgefunden, die nun zum Spektakel mit mehreren hundert Zuschauern geworden seien. Dabei würden die vermeintlichen Hexen öffentlich verhört und sollten Komplizen und Komplizinnen nennen. Die Zeitung „Post Courier“ führte zudem ins Treffen, dass niemand der Zeugen und Schaulustigen eingegriffen habe. Und das sei vielleicht eine noch größere Gefahr für das Land, weil die Bürger diese Morde als normal hinnähmen.
Verzweifelte Lage in zerbrochenen Strukturen
Der Anthropologe Gibbs publizierte mehrere Artikel zu dem Thema und plant auch für heuer eine Expertentagung dazu. Er führt gleich mehrere Gründe für diese Form der Gewalt ins Treffen. Zumeist seien Alkohol und Drogen im Spiel, im Grunde gehe es aber um eine verzweifelte Jugend. Die alten sozialen Strukturen seien zerbrochen, gleichzeitig gebe es aber kaum Perspektiven für die Bevölkerung. Der Einzug von Geld und Statussymbolen habe Gier und Eifersucht befeuert, gleichzeitig lebten die Menschen aber in Armut inmitten einer völlig kaputten Infra- und Sozialstruktur.
Anti-Hexerei-Gesetz verschärfte Lage
Auch die Behörden sind machtlos - und teilweise mitschuldig an der Misere: Die Polizei ist laut „Global Mail“ unterbezahlt und schlecht ausgebildet - und auch viele der Polizisten glauben an Hexerei. Zum Teil sympathisieren sie auch mit dem Mob - und verweisen auf ein entsprechendes Gesetz. 1971 wurde eine Regelung erlassen, die sowohl Hexerei als auch Angriffe auf „Hexen“ unter Strafe stellt. Damit wurde von offizieller Seite praktisch anerkannt, dass es Hexerei gibt.
In der Regelung heißt es, es gebe einen „weitverbreiteten Glauben im Land, dass es so etwas wie Hexerei gibt und Hexen außerordentliche Kräfte haben, die manchmal für gute Zwecke, aber viel öfter für böse eingesetzt werden“. Zudem wird zwischen „unschuldiger Hexerei“ unterschieden, die als schützend und heilend beschrieben wird, und „verbotener Hexerei“. Mit dem Gesetz wollte man die Realität der Menschen anerkennen - und gleichzeitig dafür sorgen, dass entsprechende Vorwürfe vor ordentlichen Gerichten landen. Doch der Effekt war ein gegenteiliger: Selbstjustiz, die eigentlich verhindert werden sollte, nahm zu.
Gesetz soll abgeschafft werden
Schon 2009 hatte ein aufsehenerregender Fall für Schlagzeilen gesorgt, als eine junge Frau von einem Mob - ebenfalls bei Mount Hagen verbrannt wurde. Schon damals rückte das Gesetz von 1971 ins Visier der Kritik. Eine Kommission wurde eingerichtet, und die kam zum Ergebnis, dass angebliche „Hexen“ nicht verfolgt wurden. Allerdings wurde selbsternannten Hexenjägern eine Argumentationshilfe gegeben. Verhaftungen deswegen hätte es aber kaum gegeben, und wenn, dann seien die Strafen mild ausgefallen. Die Kommission empfahl daher, das Gesetz abzuschaffen, eine Entscheidung soll nun in den nächsten Wochen fallen.
Doch Experten glauben, nur das Gesetz abzuschaffen, werde kaum die Lösung sein. Der Anthropologe Gibbs fordert von der Regierung eine Menschenrechtskommission für das Land und schlägt eine Spezialeinheit der Polizei vor. Und auch Sozial- und Entwicklungsprojekte müssten umdenken, meint sein Kollege Eves. Religion und Kulte seien lange Zeit als Tabu behandelt worden, auch weil es schwierig sei, damit umzugehen.
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