„So was von aktuell“
100 Jahre alt wäre Schriftsteller Jura Soyfer am 8. Dezember geworden, und die heimische Kulturlandschaft gedenkt pflichtschuldigst. Wieder erinnert man sich des „jungen Wilden“ der österreichischen Zwischenkriegsliteratur, der 26-jährig im Nazi-Konzentrationslager Buchenwald ums Leben kam, und geht oft genug gerade mit der Würdigung bequem auf Distanz zu seinem Werk.
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Dass man Soyfer bejubeln, seine Inhalte aber trotzdem ignorieren kann, hat auch der österreichische Musiker Georg Herrnstadt oft genug erlebt: „Man kann den Soyfer auch feiern und vergessen, was er geschrieben hat“, meint Herrnstadt im Interview mit ORF.at. Er war mit der Band „Schmetterlinge“ und deren Vertonung von Soyfer-Texten maßgeblich an der Wiederentdeckung des Autors seit den 70er Jahren beteiligt. Dass sich die damalige Protestkultur Soyfer verbunden fühlte, ist für Herrnstadt kein Wunder.
„Kein Salonlinker“
„Was für uns Linke damals sehr wichtig war: Er war immer ein unabhängiger Mann, er war nie ein Parteisoldat“, so Herrnstadt. Soyfers Zorn über die Zustände seiner Zeit, inklusive der Enttäuschung über den Stillstand bei den eigenen linken Gesinnungsgenossen, ließ sich in den 70ern quasi tagesaktuell wiederverwerten. Pazifismus, Gesellschafts- und Kapitalismuskritik einten Soyfer ebenso mit den Trägern der damaligen Protestkultur.
„Bestechend war sein Humor. Bestechend war, dass er unter den widrigsten Bedingungen geschrieben hat“, führt Herrnstadt weitere Gründe für die damals gefühlte Nähe zu Soyfer an. Der sei eben gerade „kein Salonlinker“ gewesen und zeitlebens eben auch „nicht berühmt“. Vielmehr habe Soyfer „schnell Gebrauchsgedichte geschrieben, und Theaterstücke, die im Untergrund aufgeführt wurden“. Herrnstadt wundert sich eher darüber, dass das heute anders ist.
Homer und Shakespeare waren nie im Kabarettkeller
Soyfers Liedtexte seien weiterhin „so was von aktuell“, so Herrnstadt etwa unter Verweis auf „Bankencrashs“ und „Menschen, die dabei nicht zählen“. Dennoch wird Verehrung oft zum Mittel für Verharmlosung. „Jetzt, wo er keine Gefahr mehr ist, da verbrüdert man sich mit ihm“, so Herrnstadt. Bequem ist Soyfer seiner Ansicht auch heute noch für niemanden: „Wenn der jetzt von den Sozialdemokraten hofiert wird, dann haben sie ihn nicht genau gelesen oder sie müssten lernen daraus.“
Auch aus Herrnstadts Sicht kann Soyfer dabei wohl nicht als „Weltliteratur“ gelten. „Das ist das Pech von ihm“. Soyfer sei am Beginn seiner literarischen Laufbahn gestanden und „war von den Umständen gezwungen, Gebrauchsliteratur zu schreiben“. Shakespeare und Homer seien eben nicht gezwungen gewesen, unter Druck „im zensurierten Kabarettkeller“ des Ständestaates zu schreiben. „Er war gezwungenermaßen politisch. Ansonsten wäre er vielleicht gerne ein Literat gewesen.“
1.000 Seiten in fünf Jahren
Jene rund 1.000 Seiten Gesamtwerk, die Soyfer in nur rund fünf Jahren herausschleuderte, vergleicht Herrnstadt mit den „Werken von Mozart, die er zwischen dem 12. und dem 16. Lebensjahr geschrieben hat: Das sind auch nicht die bleibenden.“ Er „glaube, wenn der Soyfer den Krieg überlebt hätte und dann in Ruhe Literatur hätte schreiben können, hätte er wirklich hervorragende Werke zusammengebracht“. Soyfer starb nach elf Monaten in nationalsozialistischer Gefangenschaft am 16. Februar 1939 an Typhus.
„Ganz fest“ im Kanon
Obwohl Soyfer ein Autor ist, dem die - bis dahin rasend schnelle - Weiterentwicklung seines Stils durch den frühen Tod versagt blieb, sah ihn der heimische Literaturpapst Wendelin Schmidt-Dengler spätestens seit den 80er Jahren „ganz fest“ im „Kanon der österreichischen Literatur“ verankert. Inzwischen ist Soyfer als einer der „Großen“ etabliert: Es gibt eine Jura-Soyfer-Gasse in Wien, es gibt Gedenktafeln an ehemaligen Wirkstätten - das Standardprogramm eben.
Soyfer selbst hätte vermutlich eine Gedenktafel am Landesgericht von Feldkirch ehrlicher gefunden. Dort lieferten ihn österreichische Richter im März 1938 an die Nazis aus. Die Auslieferung hatte keine rechtliche Grundlage: Soyfer, der im austrofaschistischen Ständestaat in Haft war, war gerade in den Genuss einer Amnestie für politische Gefangene gekommen und damit rechtlich gesehen ein freier Mann. Das kümmerte die Richter, die erst zwei Tage danach auf das Hitler-Regime vereidigt wurden, nicht.
Lukas Zimmer, ORF.at
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