Themenüberblick

Archivierte Fälle neu aufgerollt

Ein lange vergessen geglaubter „barbarischer Kodex“ findet im süditalienischen Kalabrien offenbar bis heute Anwendung: Nach wie vor werden Frauen Opfer von „Ehrenmorden“, wobei laut einem Medienbericht allein im Landstrich Piana di Gioia Tauro rund 20 Frauen Opfer ihrer Familienangehörigen geworden sein sollen.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Bei den Tätern handle es sich um Söhne, Väter und Brüder der ’Ndrangheta-Clans, die offenbar nicht nur in außerehelichen Beziehungen ihrer Frauen, sondern auch aus anderen Gründen die Ehre ihrer Familien beschmutzt und damit auch ihren Status in der Gesellschaft beschädigt sehen.

Da die Ehe nach dem Kodex der kalabrischen Mafia auch nach dem Tod unauflöslich ist, sei auch für Witwen eine neue Beziehung tabu, so das italienische Wochenmagazin „L’Espresso“. Selbst bei virtuell, etwa in Sozialen Netzwerken geschlossenen Freundschaften könne mittlerweile der „endgültige Urteilsspruch“ drohen.

Erste Frauen brechen Mauer des Schweigens

Nun brachen erstmals mehrere Frauen die Mauer des Schweigens. Darunter auch die Tochter des Paten der Familie Pesce, die seit Generationen rund um die Ortschaft Rosarno die Fäden ziehen soll. Nachdem Giuseppina Pesce jahrelang von ihrem Ehemann missbraucht worden war, wandte sich diese an die Staatsanwältin Alessandra Cerreti, die die Frau zur Kooperation überreden konnte.

Vor wenigen Wochen sagte Giuseppina Pesce nun vor den Richtern aus und bestätigte den Mafia-Kodex: „Die Frau, die betrügt oder die Familie entehrt, muss mit dem Tod bestraft werden.“ Anwendung soll dieses ungeschriebene ’Ndrangheta-Gesetz laut „Corriere della Sera“ auch innerhalb des Pesce-Clans gefunden haben, den Angaben zufolge etwa 1981, als auf Befehl des damaligen Paten Don Pepe Annunziata Pesce wegen einer außerehelichen Beziehung ermordet worden sein soll.

Angst um ihr Leben führte auch Simona Napoli zu den Anti-Mafia-Behörden, wo die 24-Jährige ihren Vater und Bruder der Ermordung jenes Mannes beschuldigte, den sie im Vorjahr über das Soziale Netzwerk Facebook kennengelernt habe. Unter Mordverdacht festgenommen wurde im Anschluss Bruder Domenico, Vater Antonio befindet sich seitdem auf der Flucht. Von der Leiche fehlt laut „Corriere“ weiter jede Spur.

„Kreis ist gebrochen“

Die sterblichen Überreste ihrer Opfer verschwinden zu lassen entspreche laut Medienberichten ganz dem Stil der ’Ndrangheta. Auch viele als verschwunden gemeldete Frauen könnten nach Ansicht der Behörden Opfer eines „Ehrenmordes“ geworden sein. Dasselbe gelte auch für eine Reihe als Selbstmorde in den Akten verschwundener Todesfälle, die nun auf Anordnung der Staatsanwaltschaft neu aufgerollt werden sollen.

Die Anti-Mafia-Organisation Stopp ’Ndrangheta sieht darin ein erstes Zeichen eines „kampfbereiten Kalabriens“: Dank jener Frauen, die sich von ihren Clans abwenden und den Weg der Legalität wählen, sei der Kreis gebrochen worden.

Links: