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Keine verlässlichen Zahlen

Ist der Anstieg des Ölpreises nur eine Spekulationsblase oder gerechtfertigt? Droht ein Versorgungsengpass? Die Fragen werden je nach Interessenlage unterschiedlich beantwortet. Eine gemeinsame, verlässliche Datengrundlage fehlt.

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„Meine einzige Mission ist es, Ihnen zu versichern, dass es keinen Angebotsengpass gibt“, sagt etwa der saudi-arabische Ölminister Ali al-Naimi. „Das Angebot ist knapp. Daher ist die Ausweitung der Produktion notwendig“, sagt dagegen US-Vizeenergieminister Daniel Ponemann. Unbestritten ist, dass der Preis für die richtungsweisende Nordsee-Sorte Brent in den vergangenen Monaten um etwa ein Viertel gestiegen ist und Anfang März mit 128,40 Dollar je Fass (96 Euro) ein Dreieinhalbjahreshoch markierte. Damit liegt der Brent-Preis nur noch knapp 20 Dollar unter seinem bisherigen Rekordwert von 2008.

Hohe Belastung durch Euro-Kurs

Weil der Euro durch die Schuldenkrise mittlerweile deutlich an Stärke gegenüber dem US-Dollar verloren hat, ist derzeit Rohöl in Europa teurer als am damaligen Höhepunkt: Während damals das Fass knapp 93 Euro kostete, kostet das Fass nach heutigem Wechselkurs trotz niedrigerer Notierung 96 Euro.

Grund für diese Rally sind vor allem die Spannungen mit dem Iran. Der Westen wirft der Islamischen Republik vor, nach Atomwaffen zu streben. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Union ein Ölembargo verhängt, das zum 1. Juli in Kraft treten soll. Der Iran wiederum hat mehrfach mit der Sperrung der Straße von Hormus gedroht. Durch diese Meerenge im Persischen Golf wird rund 20 Prozent des weltweit geförderten Rohöls transportiert. Im Grunde kann jeder Grundschüler ausrechnen, ob es ein Überangebot an Rohöl gibt oder einen Engpass. Die Krux ist das fehlende Zahlenmaterial.

Preise orientieren sich nicht an Lieferung

Einigermaßen verlässliche Schätzungen zu Angebot und Nachfrage gibt es nur für die in der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) zusammengeschlossenen Produzenten: Analysten zufolge liegen die Ausfuhren der OPEC-Staaten derzeit auf einem Vierjahreshoch von 31 Millionen Barrel täglich. Den Bedarf für Lieferungen aus Ländern wie Saudi-Arabien, Kuwait oder Nigeria beziffern sie auf 30 Millionen Barrel täglich.

„Auf dem Papier wird der Markt mit Rohöl geflutet“, sagt Rohstoffexperte Lawrence Eagles von J.P. Morgan. Die Preise spiegelten dagegen eher die geringen Lagerbestände wider. Eagles und einige seiner Kollegen halten die Reserven für den Schlüssel zum Verständnis der Kursentwicklung. Das Problem dabei: Es ist so gut wie unmöglich, belastbare Daten zu bekommen, vor allem aus boomenden Schwellenländern wie China oder Indien.

Ölreserven für 60 Tage

Während Eagles betont, die Ölvorräte seien gering, hält Analyst Oswald Clint von Bernstein Research die Kursrally für überzogen. „Angesichts des Produktionsüberschusses der OPEC-Staaten werden die Lagerbestände weiter zunehmen.“ Ölminister al-Naimi teilt diese Einschätzung. In den Tanks der OPEC-Staaten lagere derzeit genug Rohöl, um die Welt damit 60 Tage lang zu versorgen. Im Jänner hätten die Vorräte nur für 57 Tage gereicht. Zur kurzfristigen Überbrückung von Lieferschwierigkeiten habe sein Land zudem rund zehn Millionen Barrel in den Tanks von Rotterdam (Niederlande), Sidi Kerir (Ägypten) und Okinawa (Japan) gebunkert.

Wie stark kann Riad zulegen?

Die Addition der Produktionsausfälle ist wiederum recht einfach. Reuters-Schätzungen zufolge liegen derzeit Förderkapazitäten im Volumen von 1,1 Millionen Barrel täglich brach: im Süd-Sudan, Jemen, Syrien, Kanada und der Nordsee. Minister al-Naimi bezeichnet dies als „unbedeutend“. Sein Land pumpt nach offiziellen Angaben täglich 9,9 Millionen Barrel des „schwarzen Goldes“ aus dem Wüstenboden. Einige Analysten gehen davon aus, dass es tatsächlich 500.000 Barrel mehr sind.

Wie stark der weltgrößte Erdölexporteur seine Förderung bei Bedarf erhöhen kann, darüber gehen die Meinungen ebenfalls auseinander. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) geht davon aus, dass Saudi-Arabien dauerhaft 11,88 Millionen Barrel Rohöl täglich fördern kann. Damit wäre der Polster, um den möglichen Ausfall des Lieferanten Iran auszugleichen, recht dünn. Der Beratungsfirma Petrologistics zufolge liegen dessen Ausfuhren derzeit bei knapp zwei Millionen Barrel täglich. Al-Naimi dagegen betont, dass der staatliche saudi-arabische Ölkonzern mehr leisten kann. „Vertrauen Sie Saudi Aramco. Wenn Sie 12,5 Millionen Barrel bestellen, wird Saudi Aramco 12,5 Millionen Barrel liefern.“

Differenzen bei Gesamtverbrauch

Bei alledem ist noch nicht einmal klar, wie viel Erdöl weltweit eigentlich benötigt wird. Während die IEA den Bedarf auf 90,47 Millionen Barrel täglich taxiert, beziffert die ebenfalls einflussreiche Statistikabteilung des US-Energieministeriums (EIA) die Nachfrage auf 89,62 Millionen Barrel täglich. Einig sind sich die Experten lediglich, dass die Nachfrage in Asien boomt, während sie in den USA und Europa von der schwachen Konjunktur gedämpft wird.

Christopher Johnson und Peg Mackey, Reuters

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