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Erste Sitzung unter Draghi

Bereits im Vorfeld ist darüber spekuliert worden, aber die am Donnerstag angekündigte Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt doch überraschend. Bei der ersten Sitzung unter dem neuen Präsidenten, dem Italiener Mario Draghi, wurde der Leitzins - einstimmig - von 1,5 auf 1,25 Prozent gesenkt - die erste Zinssenkung seit Mai 2009.

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Der konjunkturelle Ausblick sei weiter von hoher Unsicherheit belastet, begründete Draghi den Schritt. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone werde in der zweiten Jahreshälfte sehr moderat bleiben, sagte Draghi. Zudem müsse die EZB die Wachstumsprognose für 2012 „sehr wahrscheinlich“ senken.

Die meisten Ökonomen hatten trotz der drohenden Rezession und der Staatsschuldenkrise eine Zinssenkung frühestens für Dezember erwartet. Denn die Inflation im Euro-Raum liegt mit drei Prozent deutlich über dem Zielwert der Währungshüter von knapp unter zwei Prozent. Draghi hatte noch im Vorfeld angedeutet, dass er nicht niedrige Zinsen zum Preis einer hohen Inflation anstrebe.

OECD forderte Zinssenkung

Die aktuelle Situation spräche eher für höhere Zinsen. Mit niedrigeren Zinsen werden aber Kredite billiger. Die Unternehmen sind eher bereit zu investieren, die Konsumenten kaufen eher. Dadurch soll die Konjunktur angekurbelt werden - unter der Gefahr einer steigenden Inflation. „Ein Großteil der derzeitigen Schwächephase ist auf einen generellen Vertrauensverlust in die Fähigkeit der Politik zurückzuführen, angemessene Antworten zu platzieren“, analysierte die OECD erst vor wenigen Tagen und forderte Zinssenkungen in der Euro-Zone.

Staatsanleihenprogramm bleibt vorerst

Die EZB hatte unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet wegen gestiegener Risiken für die Preisstabilität den wichtigsten Zins zur Versorgung der Geschäftsbanken im Euro-Raum mit Zentralbankgeld zuletzt in zwei Schritten von 1,0 auf 1,5 Prozent angehoben. Als sich die Schuldenkrise verschärfte und die Konjunkturaussichten pessimistischer wurden, legten die Währungshüter in den vergangenen Monaten eine Zinspause ein.

Den Aufkauf von Staatsanleihen von Krisenstaaten wird die EZB auch unter Draghi fortsetzen. Draghi betonte am Donnerstag in Frankfurt jedoch, das Programm sei vorübergehend und in seinem Umfang begrenzt. Die Sondermaßnahme sei dadurch gerechtfertigt, dass die EZB dadurch ihre Geldpolitik am Laufen halte.

Ökonomen zufrieden

Der Internationale Währungsfonds (IWF) begrüßte die unerwartete Leitzinssenkung. Der IWF unterstütze die EZB-Entscheidung ausdrücklich, „die den nachlassenden Preisdruck und die zunehmend negativen Perspektiven für die Euro-Zone“ widerspiegele, sagte ein IWF-Sprecher in Washington.

Auch Analysten nahmen die Entscheidung der EZB positiv auf, die deutlich zeige, „wie beunruhigt die Währungshüter sind“, so Commerzbank-Chefvolkswirrt Jörg Krämer. „Das ist eine sehr positive Überraschung. Die Zinssenkung ist mehr als gerechtfertigt“, ist Christian Schulz von der Berenberg Bank im Reuters-Interview überzeugt.

Alle wichtigen Indikatoren seien in den letzten Wochen eingebrochen. Der Schritt Draghis könne auch als Signal gewertet werden, dass die EZB unter seiner Leitung pragmatischer agiere als unter Trichet. Schulz gibt auch bei einem möglichen Anstieg der Inflation Entwarnung. Das sei angesichts der wirtschaftlichen Lage derzeit nicht zu erwarten.

Börsen legen zu

Obwohl die Devisenanalystin der DZ Bank, Dorothea Huttanus, Draghis Schritt kritisierte, da nun die EZB in Zeiten unsicherer Märkte nicht kalkulierbar sei, reagierten die Börsen erleichtert auf die Zinssenkung. Der deutsche Leitindex DAX stieg um mehr als drei Prozent. Der ATX legte um 1,66 Prozent zu.

Die Zinssenkung sowie Signale, dass das Referendum in Griechenland doch noch vermieden werden könne, beflügelten die Wall Street. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 1,8 Prozent höher auf 12.044 Punkte. Der breiter gefasste S&P-500 stieg um 1,9 Prozent auf 1261 Zähler. Der Index der Technologiebörse NASDAQ gewann 2,2 Prozent auf 2.697 Punkte.

Konsequenzen für Sparzinsen

Für die Sparer, die wegen der höheren Inflationsrate ohnehin schon real mit Negativzinsen konfrontiert waren, dürfte es nach einer „Nachdenk- und Beobachtungsphase“ ebenfalls mit den Zinsen nach unten gehen, wie es bei Banken am Donnerstag gegenüber der APA hieß. Mit genauen Ankündigungen hielten sich die Institute zunächst zurück: „Bei den Sparzinsen geben wir den Zinsschritt vorerst nicht an die Kunden weiter. Wir lassen die Sparzinsen noch dort, wo sie sind“, sagte ein Sprecher der Erste Bank.

„Gegenwärtig“ lässt auch die Bank Austria in Österreich die Sparzinsen unverändert. „Wir beobachten aber den Markt und werden allenfalls im November Anpassungen vornehmen“, sagte ein Bank-Austria-Sprecher am Donnerstag. Auf Kreditseite werde es im Neugeschäft Zinsvorteile geben.

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