Themenüberblick

Verkohlte Leichen auf Gelände

Bei einer schweren Explosion in einem Treibstofflager in der libyschen Stadt Sirte sind nach Angaben des Nationalen Übergangsrats mehr als 100 Menschen getötet worden. Wie ein Kommandant der Truppen des Übergangsrats am Dienstag sagte, wurden zudem 50 Menschen verletzt. Einwohner sprachen allerdings von rund 50 Toten.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Durch die „enorme Explosion“, die sich am Montagabend ereignete, wurde demnach ein großes Feuer ausgelöst. Die beiden Tanks brannten noch in der Nacht auf Dienstag lichterloh. Auf dem Gelände des Lagers lägen „Dutzende verkohlte Leichen“, sagte ein Kommandant der Übergangsrat-Truppen. Nach ersten Hinweisen handelte es sich nicht um einen Anschlag, meldete der Nachrichtensender al-Arabija.

Zwei Männer blicken auf brennende Öltanks

Reuters/Youssef Boudlal

Die beiden Tanks brannten lichterloh

Schwierige Versorgungslage

Bei der Explosion dürfte es sich offenbar um einen Unfall handeln. Ein Kurzschluss habe die Detonation ausgelöst, berichteten Augenzeugen laut der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Vor dem Vorfall habe es auf dem Gelände des staatlichen Energiekonzerns großes Gedränge gegeben, als Bewohner der Stadt dort nach Kraftstoff und Gasflaschen für ihren privaten Bedarf suchten, so der Sender al-Arabija.

In Sirte, der lange umkämpften Geburtsstadt des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi, war die Versorgungslage in den Wochen der Kämpfe zwischen den Truppen des Übergangsrates und den Einheiten Gaddafis sehr schlecht gewesen. Am Donnerstag war Gaddafi in seiner Heimatstadt Sirte verletzt und kurz darauf getötet worden.

Geheimbegräbnis in der Wüste

Gaddafi wurde unterdessen einem Fernsehbericht zufolge in den frühen Morgenstunden an einem unbekannten Ort in der Wüste beerdigt. Das berichtete der Sender al-Jazeera am Dienstag unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Vertreter der libyschen Übergangsregierung.

Es werde ein „einfaches Begräbnis“ in Anwesenheit muslimischer Kleriker werden, hatte am Montag ein Vertreter der Übergangsregierung, der namentlich nicht genannt werde wollte, gesagt. Gaddafis Sohn Mutassim sollte demnach mit seinem Vater beigesetzt werden. Mit dem Stamm des Herrschers habe keine Einigung über eine Überstellung der Leichname erzielt werden können. Davor hatte es geheißen, die Leichen Gaddafis und seines Sohnes sollten an Angehörige übergeben werden, statt sie an einem unbekannten Ort zu vergraben.

Tagelang zur Schau gestellt

Zuvor waren die Leichen Gaddafis, seines Sohnes und seines Armeechefs aus einem Kühlraum in der Stadt Misrata an einen unbekannten Ort gebracht worden. In dem Kühlraum waren die Leichname tagelang zur Schau gestellt worden. Die Ausstellung der verwesenden Körper hatte bei ausländischen Verbündeten des Übergangsrates Befremden ausgelöst. Gaddafi wurde am Donnerstag gefasst und starb wenig später unter Umständen, die noch immer nicht geklärt sind.

Saif al-Islam bereitet Flucht vor

Ein anderer Sohn Gaddafis, Saif al-Islam, bereitet offenbar seine Flucht vor. Er befinde sich an der Grenze zum Niger und zu Algerien und wolle mit Hilfe eines gefälschten Passes das Land verlassen. Das sagte ein Vertreter der Übergangsregierung am Montag. Gaddafis früherer Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi sei in die Pläne involviert. Die Region sei extrem schwierig zu überwachen und einzugrenzen. Deshalb sei es schwer, die Flucht Saif al-Islams zu verhindern.

Gaddafi erhoffte Hilfe von Berlusconi

Gaddafi hatte sich im August offenbar in einem Brief an den italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi gewandt und ihn um Hilfe gebeten. Wie aus dem Brief hervorgeht, der vom französischen Magazin „Paris Match“ veröffentlicht wurde, übte Gaddafi Druck auf Berlusconi aus, damit dieser die Militärangriffe gegen Libyen zu stoppen versuche.

In seinem Schreiben erklärte sich Gaddafi über Italiens Teilnahme an der NATO-Mission überrascht. Er sei sich jedoch im Klaren darüber, dass Berlusconi mit dem Militärangriff gegen Libyen nicht einverstanden gewesen sei. „Ich glaube, dass Du noch die Möglichkeit zur Kehrtwende hast. Daher bitte ich Dich, Dich bei deinen westlichen Alliierten einzuschalten, um die Bombardierung zu stoppen, die unsere libyschen Brüder und unsere Kinder tötet“, hieß es in dem Schreiben.

Massakervorwürfe: USA fordern Aufklärung

Nach Berichten über eine Massenhinrichtung von Gaddafi-Anhängern forderten die USA eine umfassende Untersuchung. Die Vorwürfe seien „außerordentlich beunruhigend“, erklärte das Außenministerium am Montag in Washington. Außerdem rief die US-Regierung die neue Führung in Libyen zur Einhaltung der Menschenrechte auf. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) waren am Sonntag in einem leerstehenden Hotel in der Gaddafi-Hochburg Sirte 53 verwesende Leichen gefunden worden. Einige der Toten auf dem Rasen im Garten des Hotels hatten demnach die Hände am Rücken gefesselt.

Das US-Außenministerium verlangte von Libyen auch ausdrücklich, die Rechte der Frauen zu respektieren. Damit reagierte Washington auf Äußerungen des Präsidenten des Übergangsrates, Mustafa Abdel Dschalil, der die Einführung islamischen Rechts angekündigt und dabei auch auf die Polygamie verwiesen hatte.

Gaddafi-Tod soll untersucht werden

Eine Sprecherin von UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon rief erneut alle Seiten in Libyen zum Gewaltverzicht auf. „Das ist nicht eine Zeit der Rache, sondern der Heilung und des Wiederaufbaus“, sagte sie in New York. Das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf begrüßte unterdessen, dass die neue libysche Führung eine Kommission zur Untersuchung der Todesumstände Gaddafis einsetzte. Der Version des Übergangsrats zufolge wurde der Machthaber im Gefecht getötet. Andere Berichte und Videoaufnahmen lassen dagegen vermuten, dass Gaddafi erst nach seiner Gefangennahme durch Kämpfer der neuen Führung getötet wurde.

Links: