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Zeigefinger statt Strafzettel

Die venezolanische Hauptstadt Caracas versucht mit einem neuen Mittel, dem Verkehrschaos Herr zu werden. Pantomimen sollen die Auto-, Motorradfahrer und Fußgänger dazu bringen, sich an die Verkehrsregeln zu halten. Seit Anfang Oktober versuchen 120 extra ausgebildete Menschen im Clownskostüm wortlos ihr Glück in den Straßen von Caracas.

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Rund 6.000 Verkehrstote sind laut WHO in Venezuela pro Jahr zu beklagen. Das sind fast zehnmal so viele wie in Österreich, obwohl in dem lateinamerikanischen Land viel weniger Autos zugelassen sind. Die Behörden stehen dem täglichen Chaos auf den Straßen - insbesondere in Caracas - machtlos gegenüber.

Clown hilft Menschen über die Straße

AP/Ariana Cubillos

Behörden setzen auf Vorbildwirkung der Pantomimen

Statt auf strafende Polizisten setzt der Stadtteil Sucre nun auf künstlerische Interventionen. Pantomimen mit weißen Gesichtern und Handschuhen sowie knalligen Kostümen sollen die Verkehrsübertreter mahnen. Viel mehr als erhobene Zeigefinger stehen ihnen aber nicht zur Verfügung.

Pures Chaos auf den Straßen

Auf den Straßen der Stadt herrscht das pure Chaos: Motorradfahrer kümmern sich häufig weder um Einbahnen noch um die Verbote, auf dem Gehsteig zu fahren - häufig auch mit kleinen Kindern als Mitfahrer. Rote Ampeln und Tempobeschränkungen werden von Autofahrern entweder ganz ignoriert oder gerade als Empfehlungen und nicht als Anordnung gesehen. Verpasst man eine Autobahnausfahrt, geht es oft im Rückwärtsgang gegen die nachkommenden Autos. Busse lassen ihre Passagiere häufig mitten auf den stark befahrenen Straßen aussteigen. Dass sich dann auch Fußgänger kaum an die Regeln halten, scheint nur logisch zu sein.

Hoffnungsvolle Verantwortliche

„Die meisten Menschen zeigen sich kooperativ, aber schlechte Gewohnheiten sind schwer zu durchbrechen. Und einige Fahrer ändern sich einfach nicht“, sagt die 18-jährige Neidy Suarez, die im knallgelben Overall auf der Straße steht, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. „Manche Leute werden richtig verärgert, wenn wir sie zurechtweisen.“ Von etlichen Verkehrsteilnehmern sei sie schon beschimpft worden. Anderseits würde es wenigstens von manchen Lob geben.

Clown hilft Menschen über die Straße

AP/Ariana Cubillos

Verkehrssicherheit mit bunten Kostümen

Carlos Ocariz, der Bürgermeister von Sucre, will mit den Pantomimen Vorbilder für die Höflichkeit für die Verkehrsteilnehmer liefern. Alex Ojeda, der das Trainingsprogramm für die Pantomimen organisiert hat, ist sich sicher, dass die Maßnahme wirkt - auch wenn die Änderung der Kultur im Straßenverkehr ein Langzeitprojekt ist - und neue Gesetze und klassische Anordnungen immer wieder versagt haben. Mit künstlerischen und friedfertigen Mitteln könnte das nun erreicht werden, glaubt er.

Experimente in Bogota als Vorbild

Vorbild für die Aktion war Bogota, wo der ehemalige Bürgermeister Antanas Mockus gleich 420 Pantomimen in den Straßenverkehr schickte. Mockus selbst trat im Superman-Kostüm auf. Die Zahl der Verkehrstoten fiel infolge seiner Initiativen um die Hälfte. Der zuvor als Universitätsprofessor tätige Mockus war von 1996 bis 1997 und 2001 bis 2003 Bürgermeister der kolumbianischen Hauptstadt und erzielte mit einer ganzen Reihe origineller Ideen überraschende Erfolge.

Einerseits sorgte er dafür, dass alle Haushalte der Stadt mit Trinkwasser versorgt wurden, in einem Spot für Wasserverschwendung stellte er sich anderseits selbst unter die Dusche - tatsächlich wurde der Wasserverbrauch um 40 Prozent gesenkt. 7.000 Nachbarschaftshilfsgruppen ließen die Mordrate um ganze 70 Prozent fallen. Als weiteres Sozialexperiment rief er die „Nacht der Frauen“ aus, die dafür sorgen sollte, dass sich Frauen auch nachts sicherer fühlen sollten. Männer wurden aufgerufen, an dem Abend zu Hause zu bleiben und Frauen das Ausgehen zu ermöglichen. 700.000 Frauen waren in der Nacht in den Straßen Bogotas bei Open-Air-Konzerten unterwegs.

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