Intrigenspiel an Elizabeths Hof
Es ist eine Frage, die Theater- und Literaturwissenschaftler seit Jahrhunderten beschäftigt: Wer hat die 38 Dramen, die unter dem Namen William Shakespeare veröffentlicht worden sind, wirklich geschrieben? Blockbuster Regisseur Roland Emmerich hat sich dem - für seine Verhältnisse ungewöhnlich schöngeistigen - Thema angenommen und daraus mit „Anonymus“ einen aufwendigen Kostümfilm gezimmert.
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Die institutionalisierte Shakespeare-Forschung stellt die Urheberschaft zwar längst nicht mehr in Zweifel, dennoch tauchen immer wieder Spekulationen über mögliche andere Autoren auf, denen die Werke zugeschrieben werden. Hauptgrund dafür ist die Tatsache, dass ein Mann einfacher Herkunft aus dem Dorf Stratford-upon-Avon, der gerade einmal die Volksschule besucht haben soll, gerüchtehalber Analphabet und niemals im Ausland war, nur schwer in das Bild des gebildeten Schriftstellers passen will.
Zudem sind - abgesehen von ein paar unterschiedlichen Unterschriften - keine handschriftlichen Aufzeichnungen des Dichters überliefert. Verschwörungstheorien über mögliche Verfasser gibt es hingegen dafür umso mehr: Von Francis Bacon über Sir Walter Raleigh bis hin zu Christopher Marlowe hat es kaum ein intellektueller Zeitgenosse Shakespeares nicht auf die Liste geschafft.

2011 Sony Pictures Releasing GmbH
Roland Emmerich im originalgetreu nachgebauten Globe Theatre
Auf der Seite der „Oxfordianer“
Emmerich schlägt sich auf die Seite der „Oxfordianer“, der Anhänger der Theorie, die Edward de Vere, den Earl of Oxford, als wahren Shakespeare identifiziert. Doch statt sich nur mit literaturwissenschaftlichen Verschwörungstheorien abzugeben, würzte der Regisseur den Film mit jeder Menge Intrigen, Verwechslungen und Liebesverwirrungen des an Motiven strotzenden Elisabethanischen Zeitalters.
So erzählt „Anonymus“, wie William Shakespeare (Rafe Spall) - ein versoffener und mäßig begabter Schauspieler - als Autor mit den Dramen De Veres (als junger Earl: Jamie Campbell Bower, im Alter: Rhys Ifans) zum Publikumsliebling avanciert. Dem Earl war das poetische Genie schon in die Wiege gelegt worden - unglücklicherweise ein Talent, das im puritanischen Haushalt seiner Ziehfamilie ganz und gar nicht gefragt war.

2011 Sony Pictures Releasing GmbH
Höchst komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse am englischen Königshof
Nicht besonders jungfräuliche Königin
Gegen ein Schweigegeld gelingt es ihm, die Stücke im Namen Shakespeares nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern auch innerhalb kürzester Zeit zum Propagandainstrument für seine politischen Ziele zu nutzen. Denn De Vere ist nicht nur Poet, sondern auch tief in die Intrigenspiele am Hofe Elizabeths I. (in den verschiedenen Lebensphasen gespielt von Vanessa Redgrave und ihrer Tochter Joely Richardson) verstrickt.
Denn schon als Jugendlicher verfällt er der wesentlich älteren Elizabeth, die als „jungfräuliche“ Königin in die Geschichte einging - bei Emmerich aber alles andere als unberührt durchs Leben ging. Im Gegenteil: Mehrere illegitime Kinder machen die Verwandtschaftsverhältnisse am Hof alles andere als leicht zu durchschauen und heizen die Thronfolgekämpfe erst so richtig an.
Pathetischer Kitsch und Ausstattungsmegalomanie
Inhaltlich bietet „Anonymus“ somit jede Menge pathetischen Kitsch, formal eine aufwendige Ausstattung. Emmerich enttäuscht somit nicht, wenn man auch im Kostümgenre Megalomanie - im Bezug auf Setdesign und visuellem Anspruch - von ihm erwartet, doch so recht erwischen wird er mit „Anonymus“ die Zielgruppen auch nicht. Wer sich Action und bombastische Massenszenen erwartet, wird mit dem Film ebenso wenig glücklich wie jemand, der sich einen Historienfilm mit Authentizitätsfaktor wünscht.
Filmhinweis
„Anonymus“ ist ab Freitag in österreichischen Kinos zu sehen.
An einem Punkt der Welt handelte sich Emmerich auf jeden Fall jede Menge Kritik und Spott ein: In Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon protestierte eine von Prinz Charles unterstützte Stiftung gegen die „Verschwörungstheorie“ - ist der Autor doch gleichzeitig der ganze Stolz und die Cash-Cow der Stadt. Zweifel an der Urheberschaft sieht man dort naturgemäß gar nicht gern.
Sophia Felbermair, ORF.at
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