Die Inszenierungen des Attentäters
Jahrelang hat der Norweger Anders Behring Breivik offenbar den Massenmord geplant. Er schrieb darüber ein wirres ideologisches Manifest mit dem Haupttenor, Europa retten zu wollen. Im Internet hinterließ der 32-jährige Norweger eine umfangreiche Visitenkarte.
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„Die Zeit für Dialog ist vorbei. Wir haben dem Frieden eine Chance gegeben. Jetzt ist die Zeit für bewaffneten Widerstand gekommen“, schreibt er unter englischem Pseudonym in seinem „Manifest“, das er wenige Stunden vor dem ersten Anschlag an mehrere Adressaten als Mail verschickt hatte. Sein „Manifest“ trägt den Titel „2083. A European Declaration of Independence“ („2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“).

Reuters/Scanpix Sweden
Der 32-jährige Hauptverdächtige
Er wolle Europa vor dem Islam und dem „Kulturmarxismus“ retten. „Einige Kulturen sind besser als andere, einige sind unsere Freunde, einige unsere Feinde“, schreibt er. Sich selbst bezeichnet er als einen Tempelritter.
„Brüder und Schwestern in Österreich“
Wie die Websites Kurier.at und DerStandard.at nach Durchsicht des Dokuments berichten, bedankt sich Breivik in der Einleitung unter anderen auch bei den „Brüdern und Schwestern“ aus Österreich. Er zählt Österreich demnach zu jenen Ländern, die sich „mehr oder weniger der islamischen Herrschaft“ unterworfen haben sollen. Im Namen der „europäischen Widerstandsbewegung“ bietet er Österreich die „volle Begnadigung“ an, sollte es sich bis zum 1. Jänner 2020 ergeben. Widrigenfalls drohe ein Atomangriff.
Er erwähnt die Wiener Demonstrationen gegen den EU-Vertrag von Lissabon im Jahr 2008 und befasst sich auch mit den Sanktionen gegen die schwarz-blaue Bundesregierung im Jahr 2000 („Österreich-Haider Vorfall“). Damals habe die EU eine „Kampagne der psychologischen Kriegsführung“ gegen die österreichische Bevölkerung gestartet. Österreicher seien von der Weltpresse „als Land voller Nazis“ dargestellt worden.
Auch Türkenbelagerung fand Niederschlag
Wie Kurier.at weiter berichtet, bezeichnet Breivik SPÖ, ÖVP und Grüne als „Kulturmarxisten, selbstmörderische Humanisten, kapitalistische Globalisten“. FPÖ und BZÖ werden dagegen als Antieinwanderungsparteien hervorgehoben. Gleich mehrere Seiten widmet der mutmaßliche Terrorist der Türkenbelagerung von Wien, von der er vermutlich auch die Jahreszahl in seiner „Unabhängigkeitserklärung“ (2083) abgeleitet hat. Die zweite Türkenbelagerung fand im Jahr 1683 statt. In diesem Zusammenhang schlägt Breivik vor, den 12. September 1683 (Ende der osmanischen Belagerung Wiens) zum europäischen Feiertag zu erklären.
„Grausam, aber notwendig“
Auf der letzten Seite seines 1.516 Seiten langen Manifests steht: „Ich glaube, das wird mein letzter Eintrag sein. Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51 Uhr.“ Zweieinhalb Stunden später explodiert im Osloer Regierungsviertel eine Bombe, die acht Menschen in den Tod reißt. Auf der Ferieninsel Utöya schießt der 32-Jährige nach später korrigierten Angaben 68 Jugendliche kaltblütig nieder. Das alles sei „grausam, aber notwendig“ gewesen, sagte er am Samstag im Verhör. Er gesteht beide Taten und bezeichnet sich als Einzeltäter.
Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, teils gibt es Anleitungen zum Bombenbau und beschreibt die Islamfeindlichkeit des Autors. Es gehe um „Rassenkrieg“ und die Frage, wie sich Europa von Zuwanderern befreien könne. „Ich werde als das größte (Nazi-)Monster beschrieben werden, das es seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat“, heißt es in dem Manifest.
Erfolgloser Unternehmer
Der Attentäter beschreibt seine Kindheit mit vier Halbschwestern - er habe zu viel Freiheit bekommen, so Breivik. Ein ehemaliger Schulkamerad sagte im Fernsehen, der mutmaßliche Attentäter sei einer der Starken gewesen, die den Schwachen halfen. In der Öffentlichkeit will er offenbar als konservativer Christ gesehen werden. Seiner Facebook-Seite zufolge besuchte er ein Osloer Handelsgymnasium.
Laut der britischen Zeitung „Guardian“, die Nachbarn zitiert, kleidete er sich gerne militärisch. Viele Fotos, die im Internet und den Medien von ihm kursieren, zeigen ihn hingegen meist als adretten gutaussehenden Mann, als erfolgreichen jungen Unternehmer, der er wohl gerne gewesen wäre. Allerdings dürfte die Realität anders ausgesehen haben. Viele Unternehmen wurden nach kurzer Zeit wieder aufgelöst, bis er 2009 eine Biofarm gründete.
Von Kant zu „World of Warcraft“
Er gehe gerne jagen, spiele „World of Warcraft“, schreibt er auf seinem Facebook-Profil. Als Idole sind der britische Premierminister Winston Churchill (1874 bis 1965) genannt und Max Manus (1914 bis 1996) - Widerstandskämpfer während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens. Das Profil outet ihn als Liebhaber klassischer Musik.
Er nennt Philosophen, John Locke, Plato und Immanuel Kant, sowie Franz Kafka und George Orwell als seine Lieblingsautoren. Ein sozial inkompetenter, vereinsamter Einzelgänger scheint er allerdings nicht zu sein. Immerhin soll er laut Medienberichten aktives Mitglied der zweitstärksten Partei Norwegens - der rechtspopulistischen Fortschrittspartei - wie auch ein Freimaurer sein.

Reuters
Der mutmaßliche Täter in Freimaurerkleidung
Freimaurerloge schließt Breivik aus
Die Großloge der Freimaurer von Norwegen bestätigte auf ihrer Website mittlerweile die Mitgliedschaft von Anders Breivik, er sei jedoch mit sofortiger Wirkung von seiner Loge ausgeschlossen worden. Man sei schockiert über den Massenmord.
Tagebuch eines Bombenbauers
Deutlich sind die nationalistischen Einträge auf einer islamkritischen Website: Wortgewandt teilt er in den schon älteren Einträgen die Welt in kulturkonservative Menschen und Multikulturalisten, die eine „antieuropäische Hassideologie“ vertreten. Ihr Ziel sei es, die europäische Kultur, die Nationalstaaten und das Christentum zu zerstören.
In seinem Manifest gibt Breivik eine genaue Anleitung, wie der Multikulturalismus ausgelöscht werden müsse. Er listet Rezepte zur Herstellung von Sprengstoffen und Chemikalien auf. In einer Art Tagebuch beschreibt er, wie er auf seinem Bauernhof nördlich von Oslo die Bombenherstellung probte. Laut Handelsregister sollte er hier Gemüse, Melonen und Rüben anbauen - in Wahrheit nutzte er die Geofarm, um sechs Tonnen Kunstdünger zu kaufen, der als Sprengstoff genutzt werden kann.
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