Wenn Ausbildung nichts mehr wert ist
Sie sind jung, gut ausgebildet - und haben dennoch keinen Platz in der arbeitenden Gesellschaft: Die Jugendproteste in Spanien sind der jüngste Kulminationspunkt einer Entwicklung, die praktisch die ganze EU und nicht nur die wirtschaftlichen Problemländer betrifft. Bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise sind es offenbar vor allem die Jungen, die auf der Strecke bleiben.
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Erstmals werden die gesellschaftlichen Versprechungen, mit einer guten Ausbildung auch einen Arbeitsplatz zu bekommen, nicht mehr eingehalten. Genau diesem Frust machen seit Tagen die spanischen Jugendlichen Luft.
Abrechnung mit dem politischen System
Auf dem Platz der Puerta del Sol in Madrid sowie in vielen anderen Städten Spaniens bringen sie ihr tiefes Misstrauen gegenüber Politik und Parteien zum Ausdruck. Zumindest die regierenden Sozialisten bekamen diesen Zorn bei der Kommunalwahl am Sonntag mit deutlichen Verlusten zu spüren.
Inspirieren ließ sich die Protestbewegung von den Aufständen des arabischen Frühlings. Ihre Protestbewegung nennt sich Democracia Real Ya! (Echte Demokratie Jetzt!), manche nennen sich auch „Los Indignados“ („Die Empörten“), über Twitter und Facebook - erneut die Kommunikationsbasis solcher Proteste - bezeichnen sie ihren Protest als „SpanishRevolution“. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt über 40 Prozent, sie ist so hoch wie nirgendwo sonst in Westeuropa. Perspektiven auf Jobs gibt es nicht - auch nicht mit Studienabschluss.

AP/Armando Franca
Auch in Portugal erinnerte die Spontanität der Proteste an die Anfänge der Unruhen in Tunesien oder Ägypten.
Protestwelle überrollte Portugal
Spanien ist freilich nicht das erste Land, das von Jugendprotesten überrollt wird - und die Parallelen sind frappant. Im März verwandelten Jugendliche Portugals Städte in eine einzige Aufmarschzone. Zehntausende protestierten dagegen, von der Politik vergessen worden zu sein: „Wir sind die Generation mit dem höchsten Bildungsniveau in der Geschichte des Landes“, betonten die Veranstalter der Proteste. „Wir lassen uns nicht von Frust und Perspektivlosigkeit entmutigen.“
Hinter den Demonstrationen standen keine Parteien und keine Gewerkschaften. Ein einfacher Facebook-Appell von vier arbeitslosen Portugiesen mobilisierte überraschend Hunderttausende. Die Initiatoren des Protests nannten sich die „Geracao a Rasca“, was etwa bedeutet: „Generation in der Klemme“ oder „verlorene Generation“. „Wir demonstrieren hier, weil wir einen Wandel zum Besseren auslösen wollen“, betonten sie in ihrem Manifest. Ihr Aufruf richtete sich unter anderem an „die Arbeitslosen, die 500-Euro-Jobber und anderen Unterbezahlten, die verkappten Sklaven, die Leih- und Zeitarbeiter, die Scheinselbstständigen und Praktikanten“.
Gewalt in Griechenland
Bereits knapp zweieinhalb Jahre davor waren es die griechischen Jugendlichen, die ihrem Frust freien Lauf ließen: Und wiederum waren es Tausende junge Menschen, die nach jahrelangem Hochschulstudium und erstklassiger Qualifikation dennoch eine düstere Zukunft haben. Mit Aushilfs- und Übergangsjobs könne man keine Familie gründen oder sich eine Wohnung leisten, hieß es von der „700-Euro-Generation“. Anders als in Spanien und in Portugal verliefen die Proteste nicht friedlich. Bei den Ausschreitungen in Athen 2008 gab es Dutzende Verletzte und sogar einen Toten.
Europaweit 20 Prozent arbeitslose Jugendliche
Dass Spanien das letzte Land ist, in dem die Jugend aufbegehrt, scheint unwahrscheinlich. In Italien brodelt es, die Arbeitslosenrate bei Jugendlichen liegt bei rund 25 Prozent. In der gesamten EU liegt der Schnitt deutlich über 20 Prozent - und damit weit höher als die Gesamtarbeitslosenrate. Zudem sind laut EU 40 Prozent der jungen Arbeitnehmer in einem zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnis.
In Irland, dem zweiten EU-Land, das Finanzhilfe erhalten hatte, setzt mit der Krise ein Exodus der gut ausgebildeten Jungen ein - und das, obwohl sie einer der Faktoren waren, mit denen der „keltische Tiger“ nur ein paar Jahre zuvor den Wirtschaftsaufschwung geschafft hatte. Schweden wiederum gilt als ökonomisches Wunderland der EU und führt bei jedem Ranking deutlich. Doch auch dort ist jeder Vierte unter 25 arbeitslos – und die Politik offenbar hilflos. Überraschend kommt die Entwicklung freilich nicht: Sowohl IWF als auch UNO hatten im Vorjahr die Regierungen gewarnt, bei der Krisenbekämpfung nicht auf die Jungen zu vergessen.
Alles anders in Österreich?
Österreich könnte mit einer Jugendarbeitslosigkeit von derzeit 9,4 Prozent fast als Insel der Seligen gesehen werden, nur Deutschland und die Niederlande haben geringere Quoten. Andererseits freilich hat sich die Arbeitslosenquote bei 15- bis 24-Jährigen im Vergleich zu 2000 zeitweise praktisch verdoppelt. Gleichzeitig verweisen Umfragen darauf, dass das Vertrauen der Jungen in die Politik ähnlich gering ist wie in den derzeitigen Krisenländern Spanien und Portugal.
Jugendforscher verweisen seit Jahren darauf, dass zur angeblichen Politverdrossenheit der Jugend auch immer die Jugendverdrossenheit der Politik zu nennen ist: Mit Ausnahme der Wahlaltersenkung auf 16 Jahre, wo Österreich durchaus eine Vorreiterrolle einnahm, zeichne sich die Politik nicht unbedingt durch ihren Einsatz für Jugendliche aus.
Verärgerung über Bildungspolitik
Botschaften, dass das Budget „für die Zukunft“ saniert werden muss, kommen offenbar nicht an, wenn gleichzeitig die lange überfällige Schulreform weiter hinausgezögert wird. Auch beim zukünftigen Pensionssystem herrscht unter den Jungen laut Umfragen große Unsicherheit.
Der Unmut über die Hochschulpolitik entlud sich bei den Uniprotesten 2009 – auch kein europäischer Einzelfall: Die Jugend reagiert verärgert, wenn aus ihrer Sicht Regierungen die Bildungspolitik eher als Sparpotenzial und nicht als Investition in die Zukunft auffassen. Das bewiesen zuletzt britische Studierende bei ihren Protesten gegen die Verdreifachung von Studiengebühren und Sparprogrammen an den Universitäten.
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