Fokus könnte sich verschieben
Die Terrororganisation Al-Kaida steht nach Einschätzung eines führenden Terrorexperten vor einem Machtkampf um die Nachfolge ihres getöteten Anführers Osama bin Laden. Ein Kampf um die Al-Kaida-Führung sei sicher, weil Bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri in der Extremistenorganisation sehr unbeliebt sei, sagte der pakistanische Journalist und Al-Kaida-Kenner Ahmed Rashid am Dienstag in Berlin.
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Sawahiri konzentriere sich zu sehr auf Ägypten, wie es aus Al-Kaida-Kreisen heißt. Ein Konflikt könnte sich auch daraus ergeben, dass die einzelnen regionalen Gruppen mehr oder weniger autonom agieren. Sie würden keine Befehle von Sawahiri entgegennehmen, so andere Experten. Zugleich ist es laut Rashid gut möglich, dass sich das Operationszentrum der Gruppe von Pakistan in den Jemen oder nach Nordafrika verschiebe, wo sich in den vergangenen Jahren mächtige Ableger der Al-Kaida gegründet und mit eigenen Anschlagsplanungen einen Namen gemacht hatten.
„Handvoll Männer“ steht bereit
Laut „Asia Times“ von letzter Woche steht Al-Kaida nach Bin Ladens Tod nicht führungslos da. Das Netzwerk sei intern gut organisiert. Eine „Handvoll Männer“ stünden bereit, die Führung zu übernehmen. Sie seien bereits vor dem Tod Bin Ladens dafür vorgesehen worden. Ein Machtkampf ist allerdings trotzdem nicht ausgeschlossen. Es habe schon einige Treffen zu Strategien gegeben, so die „Asia Times“ mit Verweis auf gute Quellen in pakistanischen Stämmen, die das Terrornetzwerk bisher unterstützt haben.
Neuer Al-Kaida-Chef mit US-Pass?
Der gesuchte Hassprediger Anwar al-Awlaki, der kürzlich bei einem US-Drohenangriff im Jemen verfehlt wurde, gilt als möglicher Nachfolger Bin Ladens. Awlaki hat einen US-amerikanischen Pass. Er gilt als besonders gefährlich. Die USA führen den Jemeniten auf einer schwarzen Liste, nach der er „tot oder lebendig“ gefasst werden soll. Der Hassprediger soll mehrere englischsprachige Islamisten im Jemen rekrutiert haben, um Anschläge im Ausland auszuführen.
So stand Awlaki etwa in Kontakt mit dem „Unterhosenbomber“, der Weihnachten 2009 versuchte, eine Passagiermaschine über Detroit zu sprengen. Im November vorigen Jahres hatte er Muslime aufgerufen, US-Bürger zu töten. Außerdem soll Awlaki in Kontakt mit dem Amokläufer von Fort Hood gestanden sein, der Ende 2009 auf dem texanischen Militärstützpunkt zwölf Soldaten und einen Zivilisten getötet hatte.
Wichtigere Rolle für Planer der ersten Anschläge
Bei der Suche nach einem möglichen Nachfolger für Bin Laden wird einem Bericht der tansanischen Zeitung „The Citizen“ zufolge auch über ostafrikanische Islamisten spekuliert. Vor allem der Kenianer Abdallah Mohammed Fazul, der schon 1998 der Planer der ersten Al-Kaida-Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam gewesen sein soll, könnte nach Einschätzung von Anti-Terror-Experten künftig eine noch wichtigere Rolle im Al-Kaida-Netzwerk spielen. Fazul gilt als wichtigster Führer Al-Kaidas in Ostafrika und soll sich in Somalia aufhalten.
Al-Kaida: Dschihad wird fortgesetzt
Die Al-Kaida kündigte unterdessen Ende letzter Woche an, „ohne Zögern und Widerwillen“ den „Dschihad“ fortzusetzen, wie das auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierte US-Unternehmen SITE mitteilte. Bin Ladens Tod werde als „Fluch“ dienen, „der die Amerikaner und ihre Agenten verfolgt, innerhalb und außerhalb ihrer Länder“, zitierte der Sender CNN SITE, gefolgt von einer unmissverständlichen Drohung: „Bald, mit der Hilfe Allahs, wird sich ihr Glück in Trauer wandeln, und ihr Blut wird sich mit ihren Tränen mischen.“
Taliban hatten Bin Laden satt
Für die Aussöhnung mit den radikal-islamischen Taliban in Afghanistan biete der Tod Bin Ladens eine große Chance, sagte Rashid. Bin Laden habe dem Taliban-Chef Mullah Omar zwar persönlich die Treue geschworen, ansonsten gebe es jedoch kein festes Bündnis zwischen den beiden Organisationen. Die Taliban hätten es schon lange satt, dass sie die Konsequenzen des Kampfes der Al-Kaida tragen müssten und besonders von den USA in den gleichen Topf geworfen würden.
Tatsächlich seien die Taliban eine nationalistische Organisation in Afghanistan und Pakistan, während die Al-Kaida international Anschläge verübe. Daher seien die Chancen für Verhandlungen mit den Taliban über eine friedliche Lösung in Afghanistan momentan gut.
Gespräche mit Taliban als Lösung für Afghanistan
Nun sei es für Afghanistan entscheidend, dass die für Dezember geplante Afghanistan-Konferenz in Bonn die Gespräche mit den Taliban in Schwung bringe, sagte Rashid. Vor allem die USA müssten sich bemühen, die Taliban an den Verhandlungstisch zu holen. Außerdem müssten sie ihre Gespräche mit den Taliban, die bisher heimlich abliefen, öffentlich machen. Auch die Nachbarstaaten Afghanistans, die allesamt eigene Absichten in der Region verfolgten, müssten in die Verhandlungen in Bonn einbezogen werden.
Zugleich müsse sich die Konferenz bemühen, in Afghanistan selbst einen Konsens für Verhandlungen mit den Taliban zu schaffen, forderte Rashid. Das habe der afghanische Präsident Hamid Karzai bisher vernachlässigt. Es gebe eine große Kluft in der afghanischen Gesellschaft zwischen den Paschtunen, die für Gespräche mit den Taliban seien, und dem Rest der Bevölkerung, der solche Verhandlungen eher skeptisch betrachte.
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