„Das sind große Potenziale“
Helmut Rechberger, Professor am Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft an der TU Wien, erklärt im Interview mit ORF.at die Idee „Urban Mining“, ihre Potenziale und Grenzen.
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ORF.at: Was genau bedeutet „Urban Mining“?
Helmut Rechberger: Es ist sicher zehn oder fünfzehn Jahre her, dass der Begriff „Urban Mining“ aufgetaucht ist, und er meint Folgendes: Wir haben natürliche Lagerstätten, und wir haben, man kann es vereinfacht ausdrücken, Städte, Siedlungen, Infrastrukturen. Im Prinzip wird das Material aus dem Boden geholt, daraus bauen wir unsere Städte. Das heißt, wir sitzen jetzt inmitten dieser Materialien und nutzen sie großteils.
Es gibt aber auch gewisse Sachen, die nicht mehr genutzt werden. Es gibt jede Menge Leitungen im Boden, die gar nicht mehr genutzt werden, weil sie stillgelegt sind und auch niemand mehr weiß, dass sie da drinnen sind. Da sitzen wir zwar drauf, aber wissen nicht, dass sie da sind. Eine Stadt erneuert sich aber auch. Jedes Produkt, jedes Gebäude hat eine gewisse Lebensdauer, irgendwann wird es entsorgt bzw. abgerissen.
„Urban Mining“ meint im Prinzip, dass wir uns aus diesen Abfällen, die da entstehen, diesen Sekundärrohstoffen bedienen und dass wir die zurück in den Kreislauf führen und wieder nutzen. Das heißt, dass wir die zukünftigen Rohstoffe, die wir benötigen, nicht mehr zu 100 Prozent oder 99 Prozent, wie es in der Vergangenheit war, aus den primären Lagerstätten verwenden, sondern uns sozusagen immer wieder erneuern, wobei man wissen muss, dass diese Erneuerung nicht zu 100 Prozent funktionieren kann. Man wird immer einen gewissen Anteil nicht mehr verwenden können, den man ablagern, deponieren und durch neue Rohstoffe ersetzen muss.
ORF.at: Was macht dabei den Unterschied zum bekannten Begriff „Recycling“ aus?
Rechberger: Das Recycling ist ein Teilbereich, der für das „Urban Mining“ notwendig ist. Nur, wenn von „Recycling“ gesprochen wird, dann denken wir an das Papierrecycling, an das Glasrecycling, an Kunststoffe, Verpackungen. Das ist aber nur ein sehr kleiner Materialanteil. Die großen Massen, in denen sitzen wir immer noch drinnen. Wir nennen das auch „anthropogenes Lager“ oder anthropogenen Bestand. Zu diesem Bestand, schätzt man, fallen auf jeden Wiener ungefähr 400 Tonnen, die ihm rein statistisch „gehören“. Statistisch „gehört“ jedem ja ein Teil an Gebäuden, Straßen usw.
Woraus besteht dieser Anteil? Das meiste aus mineralischen Stoffen, Beton und Steinen und Ziegeln, aber nach Schätzungen auch fünf bis zehn Tonnen Stahl. Also jeder von uns „besitzt“ statistisch fünf bis zehn Tonnen Stahl, vielleicht eine Tonne Kunststoffe, 200 bis 300 Kilogramm Kupfer. Sammeln tun Sie, wenn es gutgeht, 20 Kilo Kunststoffe im Jahr. Das heißt, Sie müssen schon sehr lang Kunststoff sammeln, damit sie auf diese Tonne kommen, die da drin ist. Das soll nur zeigen, das sind große Potenziale.
Bei Kupfer etwa haben wir in Österreich keine Lagerstätten, da wird nichts abgebaut. Das heißt, es wird alles importiert, es ist teurer geworden. Nun haben wir eigentlich schon relativ viel von dem Material, und wenn wir das vernünftig bewirtschaften und immer wieder nutzen und vermeiden, dass es mit den Abfällen auf der Deponie landet, das heißt, dass man schaut, dass man es wirklich zum Großteil recycelt, dann könnten wir unseren Kupferhaushalt auch in Zukunft zu einem großen Teil abdecken.
ORF.at: Wo sind die größten Ressourcen „versteckt“? Wie viel Potenzial geht verloren?
Rechberger: Das sind nur grobe Zahlen, die ich genannt habe. Was nützt Ihnen das, wenn ich jetzt sage 250 Kilo? Wir können diese Stoffe ja erst nutzen, wenn Gebäude abgerissen werden. Da allerdings gibt es erst relativ wenige Erkenntnisse, wo das Kupfer wirklich ist. Das heißt, es geht sehr viel in den Deponien verloren, weil es halt einfach im Bauschutt drin ist und dann in die Deponie gelangt.
Das heißt, „Urban Mining“ bedeutet in einem ersten Schritt, dass man diese anthropogenen Bestände erkundet. Genauso so wie Sie eine primäre Lagerstätte erkunden müssen, das heißt, Sie müssen schauen, wie groß ist die. Sie machen Probebohrungen und schauen, wie hoch ist denn der Erzgehalt da drin. Genauso müssen wir unsere urbanen Lagerstätten erkunden und schauen, wo steckt denn das Kupfer, wo steckt das Aluminium, in welchen Bauteilen.
ORF.at: Das heißt, neben technischen Möglichkeiten braucht es vor allem Kreativität im „Aufspüren“ der Potenziale? Nicht alle Ideen des „Urban Mining“ klingen so naheliegend, wie zum Beispiel eine Blechdose wiederzuverwerten.
Rechberger: Genau, weil ich die Dose sehe, als Einzelding in der Hand habe. Aber wir brauchen Pläne, um sagen zu können, wo diese Stoffe drinstecken. Ich muss wissen, in welchen Bauteilen, in welchen Produkten sind die großen Mengen zu finden. Das ist bei jedem Stoff ja wieder anders. Und dann, wenn ich dieses Potenzial kenne, dann gibt es Überlegungen, ob man das mit räumlichen Daten verknüpfen kann beispielsweise. So, dass ich auch eine örtliche Verteilung dieser Rohstoffe kenne.
ORF.at: Also eine Art Landkarte für „Urban Mining“?
Rechberger: Genau, das Endziel wäre, dass man einen Rohstoffkataster hat, dass ich weiß, wo ist das Kupfer, wo ist der Stahl, wo ist das Aluminium in der Stadt. Und solche Kataster sollten dann verknüpft werden mit Rückbauplänen. Ich weiß ja auch, welche Gebäude irgendwann zum Abriss anstehen und könnte dann, wenn ich diese Informationen verknüpfe, Potenziale abschätzen an Schrott. Also ich könnte dann sagen, im Jahr 2017 nehmen wir an, dass mit den Rückbautätigkeiten, die in Wien stattfinden, so und so viele Tonnen Aluminium anfallen.
Das wiederum ist auch für die Industrie relativ wichtig zu wissen, weil die Industrie immer mehr auf Schrotte angewiesen ist, weil Primärressourcen knapper bzw. teurer werden. Das heißt, für die Industrie ist es auch wichtig zu wissen, mit welchem Potenzial können wir in 20 Jahren rechnen? Das wäre eigentlich das Ziel, der Industrie Voraussagen geben zu können.
Außerdem ist es wichtig zu wissen, was sind überhaupt die 100 Prozent (an verwertbaren Materialien, Anm.). Wenn ich Erfolgskontrolle betreiben will, muss ich die Potenziale kennen, ich brauche Planungsgrundlage. Bei den anthropogenen Ressourcen verstehen wir das heute noch nicht. Es kommen irgendwelche Abfälle daher, die einen werden etwas besser verwertet, die anderen etwas stiefmütterlich.
ORF.at: Das bedeutet, man kennt das Potenzial eigentlich noch nicht wirklich.
Rechberger: Genau, es gibt grobe Schätzungen. Aber um dieses riesige Potenzial wirklich ordentlich abschätzen zu können, und einen Nutzen zu ziehen aus der Bewirtschaftung dieser Dinge, da ist noch relativ viel Forschung nötig. Man kann nur aus verschiedenen Teilinformationen versuchen, das ganze Bild so wie ein Puzzle so gut wie möglich zusammenzusetzen. Aber die Puzzlesteine, die es eventuell gibt, die sind noch nicht alle gefunden.
ORF.at: Wären, aus rein technischer Sicht, alle Ideen des „Urban Mining“ schon umsetzbar oder gibt es da noch Schwierigkeiten?
Rechberger: Wenn man das Beispiel Autos nimmt, da wird heute schon sehr viel Design für Recycling eingesetzt, das heißt, Autos werden schon so geplant, dass man sie mit einer möglichst hohen Recyclingquote wieder rückführen kann. Bei Gebäuden ist das überhaupt nicht der Fall. Den Bauingenieur, den Planer, interessiert es überhaupt nicht, ob das Gebäude recycelbar ist, weil das passiert in 60 oder 70 Jahren. Das heißt, da gibt es keine Produzentenverantwortung.
Ein anderes Problem ist, Gebäude, Produkte allgemein, werden immer komplexer. Sie wissen, ein Handy, das hat heute das halbe Periodensystem drin. Auch moderne Gebäude werden immer komplexer, enthalten mehr Materialien, was auch ein Problem für das Recycling ist. Je mehr Materialien da drinnen stecken, desto schwieriger ist es, das Ding zu recyceln.
Dieses Gerät (Aufnahmegerät, Anm.) wird in sehr sehr vielen Produktionsschritten hergestellt. Da ist Kupfer drin, sicher auch seltene Erden und sonst was. Da brauchen Sie ganz viele Prozessschritte, um das reine Kupfer herzustellen, die Kunststoffe. Sie müssen es zusammenbauen etc. Dazu sind sicher 100 Prozessschritte notwendig. Wenn sie das recyceln wollen, kann das nicht mit drei oder vier Prozessschritten funktionieren.
Etwas komplex Zusammengefügtes kann nicht einfach wieder zerlegt werden. Das bedeutet, dass wir, wenn wir wirklich Kreislaufwirtschaft betreiben wollen, dass wir auch eine technologisch hoch entwickelte Abfallwirtschaft benötigen, d. h. Recyclingtechnolgien, die aus komplexen Produkten möglichst reine Stoffe machen, die man dann wieder nutzen kann.
ORF.at: Eine Idee, die sehr komplex klingt, ist die, (Schwer-)Metalle aus Abgasfilteranlagen zurückzugewinnen. Wie kann man sich das vorstellen?
Rechberger: Die Schwermetalle sind im Abfall drin, man betreibt Abfallverbrennung aus unterschiedlichen Gründen: um die Energie zu nutzen, um das Volumen zu verkleinern. Wenn man den Abfall unbehandelt in die Deponie gibt entsteht dagegen Deponiegas, Methan, das sehr treibhauswirksam ist. Man hat auch Emissionen organischer Natur, eine Gefahr für das Grundwasser.
Die Filterung der Abgase ist im Prinzip ein Konzentrierungsprozess, und das ist positiv. Konzentrierung heißt immer, Sie kriegen wieder eine gewisse Kontrolle über ein Material. Verdünnt, über den Schornstein ist es weg. Das kriegen sie nie wieder zurück. Im Filter ist es konzentriert. So können Sie es dann beispielsweise sicher ablagern, zum Beispiel unter Tag. Und wenn es heute noch nicht ökonomisch ist - vielleicht ist es in 100 Jahren ökonomisch, dass man sich diese Aschen wieder rausholt. Dann habe ich nämlich auch eine große Menge. Heute ist das für die Industrie noch nicht interessant, weil es noch kleine Mengen sind.
ORF.at: Das bedeutet, die Rückgewinnung ist wahrscheinlich teurer als das Material selbst und der Prozess folglich unrentabel.
Rechberger: Nicht immer, das ist schon ökonomisch. Warum? Das Ablagern ist natürlich teuer. Wenn man jetzt einen Prozess entwickeln kann, wo ich diese Aschen so weit dekontaminiere von diesen Schwermetallen, dass ich sie vielleicht obertägig ablagern kann und gleichzeitig durch das Dekontaminieren wiederum ein höheres Konzentrat erzeuge, das ich dann vielleicht recyceln kann, dann könnte das Gesamtpackage eventuell günstiger werden als die Ablagerung ohne diesen Prozess.
ORF.at: Also die teure Rückgewinnung wird durch geringere Deponiekosten kompensiert?
Rechberger: Ja, weil ich es auf einer obertägigen Deponie ablagern kann und sich die Kosten um ein Vielfaches unterscheiden. Da ist der ökonomische Gedanke im Vordergrund. Aber natürlich ist man froh, wenn man der Umwelt noch etwas Gutes tut nebenbei und Ressourcen schont. Es muss aber der Recyclingprozess vernünftig sein, d. h. es dürfen keine umweltbelastenden Emissionen entstehen, der Energieaufwand muss stimmen.
ORF.at: Das klingt aber noch etwas nach Zukunftsmusik.
Rechberger: Es ist schon ein bisschen Zukunftsmusik. Wir verhandeln derzeit über ein Projekt, wo wir uns wirklich die Hausmüllaschen anschauen, um zu sehen, wie weit können wir da kommen? Wie weit heißt, wie weit kann man die abreichern, damit man sie auf eine andere Deponie geben kann oder vielleicht kann man sie sogar so weit abreichern, dass man sie als Baustoff verwenden kann, in die Zementindustrie geben kann, aber da müsste wirklich substanziell abgereichert werden. Da haben wir momentan einen viel zu hohen Schwermetallgehalt.
Dann wäre eine Fragestellung die, wie man diese Schwermetalle noch einmal aufkonzentrieren kann, um sie einem Recycling zuführen zu können. Wir können hier aber noch keinesfalls von Wirtschaftlichkeit sprechen. Bis man da wirklich ein Verfahren hat, das ausgetestet ist, vergehen locker zehn Jahre.
ORF.at: Steht beim „Urban Mining“ der ökonomische oder der Umweltfaktor im Vordergrund bzw. wie ist da das Verhältnis?
Der Umweltschutzgedanke spielt natürlich eine Rolle. So pauschal kann man das aber nicht quantifizieren. Man müsste sich das dann immer im Detail anschauen. Wenn man z. B. diese Müllverbennnungsaschen nimmt, müsste man eine Art Ökobilanz dazu erstellen, auch schauen, was dieses Recycling vom Umweltaspekt her bringt.
Generell ist es aber schon so, dass Recyclingsprozesse, wenn sie vernünftig, sage ich einmal, hochwertig durchgeführt werden, geringere Emissionen haben als die Primärproduktion. Weil sie teilweise auch weniger Energie benötigen und damit schon geringere Emissionen produzieren. Die Primärproduktion ist außerdem ja umweltmäßig doch meist eine große Sache, sie graben riesige Löcher, es entsteht Abraum, es wird sehr viel Landschaft verbraucht. Dann folgen, um diese Stoffe rein zu bekommen, sehr viele Prozessschritte, die auch größere Umweltauswirkungen haben.
Man kann also schon sagen, dass Recycling einen Umweltnutzen bringt. Allerdings, man muss auch immer eines sehen. Es gibt eine optimale Recyclingrate. Das heißt, eine Recyclingrate kann auch zu hoch ein, dann habe ich einfach schon so irrsinnig viel Aufwand, dass der Umweltnutzen gar nicht mehr gegeben ist.
Wenn optimal recycelt wird, hat man schon einen Umweltnutzen bzw. darf „Urban Mining“ nicht auf Kosten der Umwelt gehen. Das ist immer eine Prämisse. Wenn wir von ökologischer Nachhaltigkeit sprechen, und ökologische Nachhaltigkeit bedeutet ja immer, Umweltverträglichkeit, also Schutz von Mensch und Umwelt, und eine optimale Nutzung der Ressourcen muss das gewährleistet sein. Optimale Ressourcennutzung auf Kosten der Umwelt darf bzw. sollte es nicht geben.
Das Gespräch führte Georg Krammer, ORF.at
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