„Verhältnisse sind noch nicht normal“
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag den rekordniedrigen Leitzins von 1,0 Prozent um 0,25 Punkte angehoben. Doch es gibt auch warnende Stimmen aus dem Kreis führender Ökonomen. „Die Verhältnisse sind noch nicht normal, folglich gibt es auch noch keinen Grund für eine Normalisierung des Zinsniveaus“, warnte der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn.
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Für die Zinsanhebung der EZB werde immer wieder der Begriff „Normalisierung“ verwendet, kritisierte Horn. Für ihn sei die Situation in Europa aber noch lange nicht so stabil, wie es Länder wie Deutschland gerne darstellen würden. Der Argumentation, dass durch eine straffere Geldpolitik eine Inflationssppirale verhindert werden könne, kann Horn wenig abgewinnen.
„Tief gespaltene Konjunktur“
„Diese Sichtweise - so plausibel sie auf den ersten Blick erscheint - blendet wesentliche Faktoren der aktuellen Wirtschaftsentwicklung aus“, schrieb Horn in einem Gastkommentar für die Nachrichtenagentur Reuters. So sei die Krise im Euro-Raum derzeit keinesfalls überwunden. Tatsächlich biete sich das Bild einer tief gespaltenen Konjunktur.
Auf der einen Seite stünden exportorientierte Staaten wie Deutschland, denen es nach dem tiefen Einbruch 2008/09 dank der stark anziehenden Weltkonjunktur mittlerweile wieder recht gut gehe, so Horn. Auf der anderen Seite seien Länder wie Griechenland, die teilweise nach wie vor dramatisch unter den Folgen der Finanzkrise litten, noch lange nicht über den Berg. „Die Verhältnisse sind also noch nicht normal, folglich gibt es auch noch keinen Grund für eine Normalisierung des Zinsniveaus.“
Rohstoffpreise nicht zu beeinflussen
Auch die Sorge vor einer Inflationsspirale ist laut Horn unbegründet. Die beschleunigte Inflationsrate resultiere fast ausschließlich aus dem spürbaren Anstieg der Rohstoffpreise. Dieser sei aber von der EZB allein überhaupt nicht zu beeinflussen, da er sich aus der guten Weltkonjunktur vor allem in Asien und den Schwellenländern speise. Eine Änderung könne hier allein durch eine konzertierte Aktion der Zentralbanken dieser Länder geschehen, nicht aber durch die EZB.
Kein Inflationsdruck
Zudem gibt es aus Sicht des Ökonomen keinen spürbaren Inflationsdruck innerhalb des Euro-Raums. Dort, wo die Inflationsrate hoch ist, resultiere das in der Regel aus Steuererhöhungen, also Einmaleffekten, die schon bald keinen Einfluss mehr auf die Inflationsrate ausüben würden, so Horn. Die Löhne würden im Euro-Raum insgesamt verhalten steigen. Das gelte sogar für Deutschland, das Land mit der günstigsten Arbeitsmarktentwicklung.
Kommunikationsproblem der EZB
All das zeige, dass die EZB derzeit auch ein Kommunikationsproblem habe. Sie müsse nämlich vermitteln, dass die zu beobachtenden Preissteigerungen keine Vorboten einer Inflationsspirale seien, sondern vorübergehend. „Dies würde ihr besser gelingen, wenn sie sich in ihrer Argumentation stärker auf die Kerninflationsrate stützt, bei der die volatilen Rohstoffpreise herausgerechnet sind“, glaubt Horn. Und hier zeige sich nicht die geringste Inflationstendenz: „Die Zinswende der EZB kommt also zu früh.“
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